Rios Ringe

Das Olympische Dorf in Rio – eines von vielen umstrittenen Projekten im Umfeld der Spiele
Bild: © CC-by 3.0 Miriam Jeske/Brasil2016.gov.br

Vom 5. bis 21. August 2016 finden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele statt. Fünf Fragen zum brasilianischen Way of life an den Philosophen Carlos Fraenkel, der in Brasilien und Deutschland aufwuchs

Das Gespräch führte Jutta Person

Bild: Carlos Fraenkel, 2015 © Vadim Daniel

Carlos Fraenkel

Carlos Fraenkel, Jahrgang 1971, wuchs in Brasilien und Deutschland auf. Er studierte in Jerusalem und Berlin Philosophie und ist Professor an der McGill University in Montreal. Seine akademischen Schwerpunkte sind die politische Philosophie und Religionsphilosophie von der Antike bis zur Frühen Neuzeit. Bei Hanser erschien in diesem Frühjahr „Mit Platon in Palästina. Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“ – eine so philosophische wie praktische Untersuchung, wie man Grundfragen zu Recht, Gewalt oder Lebensführung von Palästina über Indonesien bis Brasilien diskutieren kann.

Philosophie Magazin: Herr Fraenkel, Brasilien ist ein Land, das von Positivisten (mit)begründet wurde – das „Ordem e Progresso“ in der Flagge geht darauf zurück. Ist heute noch etwas von diesem Geist zu spüren?

Carlos Fraenkel:
Ja, brasilianische Schüler von Auguste Comte haben den Positivismus nach Brasilien importiert, der Ende des 19. Jahrhunderts eine Art Religion für fortschrittliche Kräfte in der brasilianischen Elite wurde – die positivistische „Kirche“ in Rio de Janeiro gibt es immer noch; vor ein paar Jahren ist allerdings ihr Dach eingestürzt… Im Namen des Positivismus (aber auch liberaler Ideen) wurde dann die Sklaverei abgeschafft, die Monarchie durch eine Republik ersetzt und Kirche und Staat voneinander getrennt – also eine tiefgreifende Verwandlung der brasilianischen Gesellschaft in Gang gesetzt. Der Positivismus wurde bald durch andere intellektuelle Moden aus Europa abgelöst, darunter sozialdarwinistische Rassetheorien. Aber die Idee, dass die Elite aufgrund „wissenschaftlicher“ Einsicht in die Entwicklung der Gesellschaft eingreifen, den Fortschritt verwalten und die ungebildete „Masse“ anleiten muss, wurde immer wieder bemüht; nicht zuletzt, um die Militärdiktaturen (1930-45 und 1964-85) zu rechtfertigen. Das steht natürlich mit dem Gleichheitsideal der Redemokratisierung seit 1985 in Konflikt. In der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Krise mutet das Motto der Flagge besonders ironisch an. Und die Regierung der alten weißen Herren, die Michel Temer zusammengestellt hat, wirkt wie die Rückkehr einer Machtelite, von der viele gehofft hatten, dass sie Teil der sozialen Vergangenheit Brasiliens sei. Natürlich behauptet auch Temer, er handele zur Beförderung von „Ordem e Progresso“.

Momentan befindet sich ganz Lateinamerika im Umbruch, auch die brasilianische Linke steckt in der Krise. Folgt diese Krise einem allgemeinen lateinamerikanischen Muster, oder ist die Lage in Brasilien eher speziell?

Ich denke, es gibt sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede. Der Einbruch der Rohstoffpreise zum Beispiel hat nicht nur Brasilien, sondern auch andere linke Regierungen in Südamerika, etwa Venezuela, hart getroffen. Die wichtigste Frage, die das Scheitern der regierenden Arbeiterpartei in Brasilien aufwirft, ist folgende: Kann man eine sozial zutiefst ungerechte Gesellschaft innerhalb der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Ordnung verändern? Das hat die Arbeiterpartei unter den Präsidenten Lula und Dilma Rousseff versucht – meines Erachtens ohne Erfolg. Anstatt das nicht funktionierende parlamentarische System zu reformieren, haben sie Abgeordnete bestochen. Anstatt Reichtum und Landbesitz umzuverteilen, haben sie einen Teil der Gewinne aus dem Wirtschaftsaufschwung der letzten zehn Jahre in soziale Programme für die Armen gelenkt. Korruptionsskandale und eine schnell schrumpfende Wirtschaft haben dann diese Politik zu Fall gebracht. Für die brasilianische Linke stellt sich damit die Frage, ob sozialer Wandel möglich ist, ohne der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Elite auf die Füße zu treten. Ich glaube es nicht.

Brasilianische Körperkultur hat mehr mit Strand, Karneval und Erotik zu tun, als mit dem Ideal sportlicher Exzellenz.


 

Welche Rolle spielen die Olympischen Spiele in der Krise?

Die Olympischen Spiele, ebenso wie die Weltmeisterschaft 2014, sind monumentale Prestige-Projekte, die der ganzen Welt zeigen sollten, dass Brasilien ganz oben im Kreis der Weltmächte angelangt ist. Vor dem Hintergrund der Krise ist daraus eine traurige Parodie geworden. Die Olympischen Spiele waren Symbol eines strotzenden Selbstbewusstseins, das jetzt völlig zusammengebrochen ist.

Olympiaden sind immer auch Laboratorien des Körpers. Welchen Stellenwert haben die Olympischen Spiele in Brasilien, was Körper und Körperwahrnehmung betrifft? Oder anders gefragt: Welchen Bezug haben Brasilianer zum Körper – gibt es eine besondere brasilianische Leib- und Körperwahrnehmung?

Es gibt in Brasilien eine sehr ausgeprägte Körperkultur. Ein beliebtes Geburtstagsgeschenk für Töchter aus reichen Familien ist ein Besuch beim Schönheitschirurgen (Brasilien liegt weltweit auf dem zweiten Platz, was die Zahl der Schönheitschirurgien betrifft – aber dafür gibt es natürlich keine olympische Medaille…). Meine Verwandten in São Paulo machen ständig Diät, denn es gibt in Brasilien auch eine sehr ausgeprägte Süßigkeitenkultur, die mit dem Schönheitsideal in Konflikt steht. Aber soweit ich sehe, hat diese Körperkultur mehr mit Strand, Karneval und bestimmten Vorstellungen von Erotik zu tun, als mit dem Ideal sportlicher Exzellenz, das die Olympischen Spiele verkörpern. Anders als etwa beim Fußball hat sich Brasilien bei den Olympischen Spielen nie besonders ausgezeichnet. Die Olympischen Spiele nach Brasilien zu holen war, wie gesagt, hauptsächlich eine politische Symbol-Geste.

In Ihrem Buch „Mit Platon in Palästina“ gibt es auch ein Kapitel über die Stadt Salvador im Nordosten Brasiliens. Welche Eindrücke hatten Sie als Gastlehrer gewonnen, und was kann Philosophie ganz konkret in einem Land wie Brasilien bewirken?

2008 hat das brasilianische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Philosophie an allen brasilianischen Oberstufen zum Pflichtfach gemacht hat. Die Begründung lautete, dass man ohne Philosophie kein guter demokratischer Bürger sein kann. Diese Idee einer öffentlichen Philosophie hat mich fasziniert. Die Absicht ist, den Bürgern die intellektuellen Mittel an die Hand zu geben, damit sie ihr individuelles und politisches Leben selbst gestalten und fruchtbare demokratische Debatten führen können. Ein schönes Ideal! In der Praxis wird dieses Projekt jedoch von zwei Seiten gefährdet. Einmal ist die akademische Philosophie in Brasilien aus historischen Gründen sehr stark auf „gelehrte“ Philosophiegeschichte ausgerichtet. Zum anderen gibt es außerhalb der Universität viele Anhänger der sogenannten Befreiungsphilosophie, die aus Quellen von Marx bis Levinas schöpft und auf politische, wirtschaftliche, kulturelle „Befreiung“ abzielt. Diese beiden Ansätze sind für Philosophie als Teil der demokratischen Praxis ungeeignet. Ich bin nun sehr gespannt, wie sich das brasilianische Philosophie-Experiment in diesem Spannungsfeld weiter entwickeln wird.