Die Philosophen und der Nationalsozialismus

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Hat die Philosophie den nationalsozialistischen Terror gedanklich vorbereitet, mi­t­gedacht, gar erst ermöglicht? Oder stand sie in scharfer Opposition zur Gewalt­ideologie der Hitlerzeit? Besteht überhaupt eine wesentliche Verbindung zwischen Philosophie und Nationalsozialismus?

Weshalb ausge­rechnet das Volk der „Dichter und Denker“ dem nationalsozialisti­schen Wahn verfallen konnte und mit der Massenvernichtung des europäischen Judentums zum Volk der Täter wurde, ist eine noch immer kaum zu beantwortende Frage und bildet einen bleibenden Zweifel deutscher Identität.

Erinnerungsarbeit ist genau darum in Deutschland eine nie ab­­schließ­bare Aufgabe. In diesem Gedenkjahr 2015 – und auf viele Jahre in die Zukunft hinein.

Themen der Sonderausgabe:


Wege in den Nationalsozialis­mus

Das Volk der Dichter und Denker ist auch das Volk des Nationalsozialismus. Doch welche Verbindung besteht zwischen der deutschen Philosophie und der Weltanschauung der Nazis? Führt ein direkter Weg von Herders ‚Volksseele’zum kriegerischen Traum vom Großdeutschen Reich, von Nietzsches Willen zur Macht zum Führerprinzip, von Wagners Kulturkritik zu Hitlers manischem Judenhass?

Mit Beiträgen von Heinz Wismann, Per Leo, Volker Gerhardt und Barbara Zehnpfennig
Bild Bundesarchiv, Bild 102-04062A / CC BY-SA 3.0 de


Denken in verbreche­rischer Zeit

Die nur 25 Jahre von der Gründung der NSDAP bis zur bedingungslosen Kapitulation von Nazideutschland bedeuten einen Tiefpunkt in der europäischen Geschichte. Der Weltkrieg verheert Europa, 6 Millionen Juden werden systematisch vernichtet, Deutschland zerstört sich im totalen Krieg. Wie die folgenden Originaltexte eindrücklich vermitteln, sind die Philosophen dieser Epoche meist mehr als nur Zeitzeugen. Viele werden ins Exil gezwungen oder ermordet, wenige leisten aktiv Widerstand, die Mehrheit aber dient sich dem Regime an.

Originaltexte u.a. von Ernst Bloch, Thomas Mann, Simone Weil, Leo Trotzki, Albert Einstein, Karl Kraus, Emmanuel Lévinas, Carl Schmitt, Walter Benjamin, Leo Strauss, Hannah Arendt, John Dewey und Victor Klemperer sowie Beiträge von Catherine Newmark, Jacques Taminiaux, Sidonie Kellerer und Hans Jörg Sandkühler
Bild: © CC-by_SA 3.0 Herbert Wetterauer


Nach der Katas­trophe

Mit dem Ende der Naziherrschaft sieht die Welt in einen Abgrund. Der Holocaust ist ein Einschnitt in die Geschichte der Menschheit und ein metaphysischer Schock: Wie konnte Gott Auschwitz zulassen? Hat die Vernunft versagt? Wie kann das Volk der Täter mit seiner epochalen Schuld umgehen? Wie die Opfer ihm vergeben?

Originaltexte u.a. von Karl Jaspers, Hannah Arendt, Jean Améry, Theodor W. Adorno und Giorgio Agamben sowie Beiträge von Noémie Issan-Benchimol, Élisabeth de Fontenay und Aleida Assmann
Bild: CC-by Deutsche Fotothek

Wege in den
National­sozialis­mus

Grundbegriffe national-sozialistischen Denkens

„Die Idee der Volks­gemeinschaft war das geistige Zentrum der Bewegung“ Interview mit Heinz Wismann

Die Kultivierung des Hasses
von Per Leo

Der Wille zur Macht
Nietzsche im Nationalsozialismus
Interview mit Volker Gerhardt

Hitlers Weltanschauung
Interview mit Barbara Zehnpfennig

Denken in verbreche­rischer Zeit

Aufstieg der NSDAP 1920–1932

Gemeinschaft ist alles
Ernst Krieck

Der Sozialismus der dummen Kerle
Ernst Bloch

Metaphysik für Helden
Othmar Spann

Vergiftete Atmosphäre: die Davoser Disputation zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger
von Catherine Newmark

Ist dieser Fanatismus deutsch?
Thomas Mann

Verführte Jugend
Jean Cavaillès

Unheimliche Passivität
Simone Weil


Machtergreifung 1933–1938

Dilettantische Rassentheorie
Leo Trotzki

Gleichschaltung ohne Widerstand
Albert Einstein

Treuhänder des Wahns
Karl Kraus

Hitlerismus als Seuche
Emmanuel Lévinas

Unterwegs zur Rassenaristokratie
Erich Rothacker

„Der Führer schützt das Recht“
Carl Schmitt

Die „verspätete Nation“
Helmuth Plessner

Die Kriegsjahre
1939–1945

Das Gedächtnis der Unterlegenen
Walter Benjamin

Krieg der Werte
Leo Strauss

Die Gesetze des Teufels
Hannah Arendt

Gegen die Verknechtung Europas
Kurt Huber

Blinde Pflichterfüllung
John Dewey

Der Mythus als Waffe
Ernst Cassirer

Der Terror der Einheits­sprache
Victor Klemperer

Unheimliche Kontinuität:
NS-Philosophen
in der BRD

„Kaum einer, der sich nicht angepasst hätte“
Interview mit Hans Jörg Sandkühler

Der Fall Heidegger

„Heidegger war ein autoritärer Denker“
Interview mit Jacques Taminiaux

Dem Prinzip nach ein Nationalsozialist
Karl Löwith

Heideggers verbogene Wahrheiten und die „Schwarzen Hefte“
von Sidonie Kellerer


Nach der
Katas­trophe

Die Schuldfrage – Ein Volk von Tätern?

Unser Mitläufertum
Karl Jaspers

Eichmann und die Banalität des Bösen
Hannah Arendt

„Radikal ist immer nur das Gute“
Hannah Arendt und Gershom
Scholem

Ein metaphysisches
Verbrechen
Vladimir Jankélévitch

Den Abgrund denken

Erschüttertes Weltvertrauen
Jean Améry

Warum Gott schwieg
Hans Jonas

Rettung des Unaus­sprech­lichen. Jüdische Theologie nach der Schoah
von Noémie Issan-Benchimol

Todesfuge
Paul Celan

Nach Auschwitz Gedichte schreiben
Theodor W. Adorno

Auschwitz als Metapher

Das Lager ist die Matrix der Moderne
Giorgio Agamben

Tiere – Opfer ohne Stimme
Élisabeth de Fontenay

Erinnerungskultur

„Erinnerung lässt sich nicht verordnen“ – Warum die Arbeit an der eigenen Geschichte eine notwendige Aufgabe bleibt
Interview mit Aleida Assmann