Martin Schulz und die Dialektik des Charismas

Ein gut gelaunter Kanzlerkandidat. Martin Schulz in Spiesen.
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Dank ihres neuen Kanzlerkandidaten erreichen die Sozialdemokraten in den Umfragen wieder ungeahnte Höhenflüge. Doch woher kommt diese Begeisterung?

Von Nils Markwardt

Bild: © Johanna Ruebel

Nils Markwardt ist Leitender Redakteur des Philosophie Magazins.

Seit die SPD ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl kürte, heißt es bei den Genossen: „Der Schulz-Zug rollt!“ Glaubt man den Demoskopen, haben sie damit einstweilen auch recht. Um fast 10 Prozentpunkte legten die Sozialdemokraten zu, überholten zeitweise sogar die Union. Gewiss, der Wahlkampf steht noch am Anfang. Dennoch bleibt die Frage: Woher kommt diese Begeisterung für den ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten? Inhaltlich lässt sie sich kaum erklären, da Schulz programmatisch zunächst kleinteilig oder vage blieb.

Lassen sich politische Höhenflüge nicht rational begründen, hebt man gerne aufs Charisma ab. Im politischen Sinne, so konstatiert Max Weber in seiner Studie „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1921/1922), meint Charisma jedoch nicht nur eine angenehme Ausstrahlung, sondern ein Aufblitzen des „Außeralltäglichen“. Es ist jene Aura des Überschüssigen, die Barack Obama, Petra Kelly oder Willy Brandt in guten Momenten erzeugten.

Auch wenn Schulz als passabler Redner gilt, tritt man ihm nicht zu nahe, wenn man ihm diese „Außeralltäglichkeit“ abspricht. Im Gegenteil: Man könnte sogar sagen, der SPD-Spitzenkandidat hat in seinem Habitus, inklusive Vollbart, Halbglatze und Brille, etwas sehr Alltägliches, Bodenständiges. Genau darin mag die erste Ursache seines Erfolgs liegen. In Zeiten der Elitenkritik verkörpert er buchstäblich den „kleinen Mann“. Oder analytisch gesprochen: Schulz’ Aura hat nichts Überschüssiges, sondern Unterschüssiges.

Schulz verkörpert die Aufhebung eben jener Grundwidersprüche, von der die SPD stets geprägt blieb


 

Zumal er dies auch mit seiner Biografie beglaubigt, die eben nicht dem Dreiklang von Kreißsaal, Hörsaal und Plenarsaal folgt. Schulz brach das Gymnasium ab, besiegte den Alkoholismus, arbeitete als Buchhändler, wurde Bürgermeister von Würselen und avancierte zum einflussreichsten Europapolitiker. In diesem Lebenslauf könnte sodann der zweite Schlüssel seines Erfolgs liegen. Vereint er doch dialektisch zwei historische Großerzählungen der Sozialdemokratie.

Diese bestehen zum einen in der kollektiven Hebung von Klassenlagen, zum anderen in der Ermöglichung des leistungsorientierten Aufstiegs des Einzelnen. In der über 150-jährigen Geschichte der Sozialdemokratie wurde Erstere dabei zunehmend durch Zweitere verdrängt. Sprich: Aus Klassenkampf wurde Bildungsreform. Bis zu den Hartz-Reformen, mit denen sich die SPD vollends von einem Teil der Arbeiterklasse verabschiedete. Gerhard Schröder verkörperte das auch symbolisch wie kaum ein Zweiter. Er, der einst in kleinen Verhältnissen aufwuchs, trug nun Brioni-Anzüge und rauchte medienwirksam Zigarre.

So scheint Schulz wie ein Anti-Schröder. Aufstiegssehnsucht und Arbeiterstolz bilden bei ihm keinen Widerspruch, sondern eine dialektische Idealvermittlung. Schulz verkörpert die Aufhebung eben jener Grundwidersprüche, von der die SPD stets geprägt blieb. Woraus sich mit Blick auf die Bundestagswahlen, hegelianisch zugespitzt, zwei Prognosen ableiten ließen: Entweder ist diese ruhmreiche Parteigeschichte endgültig vorbei. Oder sie fängt gerade ganz von neuem an. •

Diesen Beitrag finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe
Nr. 3 / 2017

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