Martin Luther und die Angst

Sein kultureller Einfluss ist nicht zu überschätzen: Martin Luthers Bibelübersetzung bildet den Anfang der deutschen Schriftsprache, seine religiösen Überzeugungen markieren den Beginn einer neuen Lebenshaltung, seine theologischen Traktate legen das Fundament einer neuen Glaubensrichtung. In der Lesart Thea Dorns hat Martin Luther die Deutschen aber vor allem eines gelehrt: das Fürchten. Oder präziser: die Angst. In ihrem Psychogramm des großen Reformators geht die Schriftstellerin und Philosophin den Urgründen von Luthers Angst nach – und deren uns bis heute prägenden Auswirkungen.


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Thea Dorn

Die studierte Philosophin zählt zu den erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands. Für ihren Kriminalroman „Die Hirnkönigin“ (Rotbuch, 1999) erhielt sie den Deutschen Krimi Preis. Ihr Sachbuch „Die deutsche Seele“ (zusammen mit Richard Wagner, Knaus, 2011) war ein Bestseller. Dorns aktueller Roman „Die Unglückseligen“ (Knaus, 2016) behandelt die Frage von Sinn und Möglichkeit eines ewigen Lebens.

Allen Legenden von ewig unerschrockenen Teufelskerlen und furchtlosen Taugenichtsen zum Trotz dürfte noch nie ein Mensch auf Erden gewandelt sein, dem die Angst fremd geblieben ist. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass wir Deutschen ein besonders inniges Verhältnis zur Angst unterhalten. Martin Heidegger errichtete das gesamte Gebäude seiner Existenzphilosophie auf ihr, Walter Laqueur äußerte in den 1980er-Jahren den Verdacht, dass die Deutschen, wären sie noch Polytheisten, den Göttern der Angst Statuen errichten würden, und Christoph Schlingensief gründete wenige Jahre vor seinem Tod tatsächlich eine Church of Fear. Manche meinen, die fatale Angstanfälligkeit der Deutschen ließe sich gerade in diesen Tagen besonders gut beobachten, in denen auch hierzulande rechtsgestrickte Menschenfischer immer erfolgreicher auf Stimmenfang gehen. Ich glaube, noch besser ließ sie sich beobachten, als sich vor einigen Jahren die Nuklearkatastrophe von Fukushima ereignete – und die Deutschen darauf hin ihre alte Angst vor der Atomkraft so vehement wiederentdeckten, als stünden heftigste Erdbeben mit anschließenden Tsunamis auch bei uns auf der Liste der täglich zu erwartenden Ereignisse. Aber zu Beginn des großen protestantischen Jubeljahres soll es nicht um die Frage gehen, wie irrational die deutschen Ängste der Gegenwart sind, sondern darum, ob die berüchtigte german angst sich, wie so viele andere deutsche Sonderwege, nach Wittenberg zurückverfolgen lässt.

Sprung aus der Kutte

Das erste Bild, das mir zu Luther in den Sinn kommt, ist gewiss nicht das Bild eines ängstlichen Mannes. Versuche ich mir die Reformation als Orchester vorzustellen, wäre Luther die Posaune, die, selbst wenn sie gedämpft erklingt, den Brustton tiefster Überzeugung niemals abzulegen vermag. Zwar verdankt sich der kernigste aller Luthersätze: „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ dem Zuspitzungsgenie seiner publizistischen Mitstreiter in Wittenberg – Luther selbst soll seine Rechtfertigungsrede vor dem Wormser Reichstag mit den weniger markigen Worten beschlossen haben: „Solange mein Gewissen durch die Worte Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es unsicher ist und die Seligkeit bedroht, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“ Trotzdem braucht niemand daran zu zweifeln, dass es dem Augustinermönch, der ja gerade erst im Begriff war, endgültig aus der Kutte zu springen, einen außergewöhnlichen Mut abverlangte, die versammelten geistlichen und weltlichen Würdenträger bis hinauf zum Kaiser durch seine Weigerung, auch nur eine einzige seiner vermeintlich ketzerischen Lehren zu widerrufen, dermaßen vor den Kopf zu stoßen.

Radikale Umdeutung des Gottesbezugs

Betrachtet man das berühmte Geschichtstableau etwas genauer, so sieht man, dass Luther diesen Mut nicht aus dem Stand aufbrachte: Augen- und Ohrenzeugen des Wormser Geschehens berichten, dass der angeklagte Mönch bei seinem ersten Erscheinen vor dem Tribunal äußerst gehemmt, ja geradezu eingeschüchtert gewirkt haben soll. Zu der unerschütterlichen Festigkeit, die bis heute das Herz eines jedes Protestanten höherschlagen lässt, soll er erst gefunden haben, nachdem der Kaiser ihm nochmals 24 Stunden Bedenkzeit
eingeräumt hatte.

Auch wenn Luther sich in jenen 24 Stunden zahlreicher Besucher erfreute – niemand weiß, was in ihm vorgegangen ist, das ihm den Mut verlieh, am darauffolgenden Nachmittag vor seinen Anklägern und Richtern nicht mehr als das stammelnde Mönchlein zu erscheinen, sondern als der selbstbewusste Kirchenrevoluzzer, dessen Entschluss, weiterhin mit dem Hammer zu theologisieren, nichts und niemand – außer Gott selbst – hätte ins Wanken bringen können. Ich stelle mir vor, dass Luther des Nachts in seiner kargen Zelle zunächst einmal das getan hat, was er in Stunden der Anfechtung seit seiner Jugend stets getan hatte: streng mit sich selbst ins Gericht gehen und erbittert mit dem Teufel ringen, der ihn nun also abermals versuchte. Doch dann muss Luther erkannt haben, dass dies der Augenblick war, in dem sein neuer Glaube – der ans Evangelium als einer tatsächlich frohen und nicht vielmehr furchteinflößenden Botschaft, der an einen Gott, der kein strenger Richter, sondern ein gnädiger Vater war – hier und jetzt seine Feuertaufe zu bestehen hatte. Hic Worms, hic salta! Und also sprang er. Und siehe da: Das Sprungtuch, das er sich in den vergangenen Jahren aus seiner radikalen Umdeutung des göttlich-menschlichen Verhältnisses gewoben hatte – es hielt. Und zwar so eindrucksvoll, dass gläubige Protestanten es seit nunmehr einem halben Jahrtausend von Generation zu Generation weiterreichen, bis hin zu jener Bischöfin, die ihren Rücktritt nach einer Alkoholfahrt mit den Worten kommentierte: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.“

Was verlieh Luther den Mut, nicht mehr als stammelndes Mönchlein, sondern als selbstbewusster Kirchenrevoluzzer aufzutreten?


 

Todesangst und tiefe Schwermut

Machen auch wir einen Sprung, zurück in eine Zelle, die sich nicht in Hannover oder Worms, sondern im Augustinerkloster zu Erfurt befindet. Dort haust ein junger Mönch, der mit seinem Feuereifer, ein makellos Heiliger werden zu wollen, nicht nur seinen Mitbrüdern, sondern auch seinem Beichtvater gehörig Angst einjagt. Ins Kloster eingetreten ist er nicht etwa auf Wunsch seiner Eltern, im Gegenteil, sein Vater, Hans Luder, aufstrebender Unternehmer im Mansfelder Bergbau, hatte für seinen Sohn recht präzise weltliche Karrierepläne, die dieser zunächst auch brav verfolgte. Für seinen Entschluss, der Welt den Rücken zu kehren, nahm der rebellische Sohn sogar den zeitweiligen Bruch mit seinem Vater in Kauf. Was also hatte den jungen Luder ins Kloster hineingetrieben, da er noch weit davon entfernt gewesen war, jener eleutherios zu werden, jener Befreier der geknebelten eigenen Seele und mit dieser der geknebelten Christenheit, der sich dann auch nicht mehr „Luder“ nannte, sondern den derben väterlichen Namen in Anlehnung an das griechische Wort zu „Luther“ veredelte? Die Geschichte, die der Reformator später selbst erzählte, geht so: Im Sommer 1505, als er sich auf dem Rückweg von Mansfeld nach Erfurt, also vom Ort des Vaters an den Ort des aufgezwungenen Jurastudiums, befand, geriet er in ein heftiges Gewitter. In größter Angst warf er sich zu Boden und rief: „Hilf du, Sankt Anna! Ich will ein Mönch werden!“

Die meisten Luther-Exegeten deuten diesen Satz so, dass der Sohn eines Bergmanns in seiner Todesangst die heilige Anna, die Schutzpatronin der Bergleute, um Beistand anflehte – und zum Dank für ihren Beistand versprach, Mönch zu werden. Ich glaube nicht, dass die Geschichte auf diese Weise sinnvoll zu erklären ist. In Todesangst neigen Menschen dazu, alles Mögliche zu versprechen, damals nicht weniger als heute – und kaum sind sie der Gefahr entronnen, wird dasVersprochene geflissentlich vergessen. Ich glaube, Luthers Wunsch, Mönch zu werden, bestand lange vor seinem Gewittererlebnis. Die Todesangst, die er dort empfand, machte ihm lediglich bewusst, dass es dumm und feige war, seinen Entschluss weiter vor sich her zu schieben.

Leider gibt es fast keine Briefe oder sonstigen Selbstaussagen aus jener Zeit, in welcher sich der frisch gebackene „Magister Luder“ zu „Bruder Martin“ wandelte. Die wenigen Dokumente, die überliefert sind, zeichnen jedoch allesamt das Bild eines zutiefst Schwermütigen. „Er sei damals immer traurig einhergegangen“, so wird Luther später selbst seine Gemütslage vor Eintritt ins Kloster beschreiben. Die tentatio tristitiae, die „Versuchung der Traurigkeit“, in unserem Jargon: die „Depression“, sei allgegenwärtig gewesen. Als Gründe führt er an: die Angst um seine Sünden; die Furcht vor dem Jüngsten Gericht. In jenen Monaten muss ihm klar geworden sein: Der Konflikt mit dem Vater daheim in Mansfeld war ein Zuckerschlecken im Vergleich zu dem, was ihm bevorstand, wenn er vor den Thron jenes Strengsten aller Väter gerufen wurde. Wie sollte er armer Wurm dort bestehen, wenn er schon in den Augen eines Bergmanns keine Gnade fand? Und nichts von dem, was er da draußen im weltlichen Getriebe erreichen konnte, würde dazu beitragen, ihn vor Gott zu rechtfertigen.

Erbarmen für das Erbärmliche

Also begann das, was seinem Beichtvater und seinen Klosterbrüdern in Erfurt solche Angst einjagte: Tag und Nacht betete der junge Mönch, fastete und kasteite sich an den Rand des Wahnsinns, verspürte einen unablässigen Beichtdrang, wo er in Wahrheit gar nichts zu beichten hatte. Doch nach und nach dämmerte ihm, dass seine überhitzte Möncherei ihn dem erwünschten Zustand der Gottesnähe, der Angstfreiheit, des Seelenfriedens keinen Schritt näherbrachte. Im Gegenteil. „Da war ich der elendeste Mensch auf Erden“, schrieb Luther rückblickend, „Tag und Nacht war lauter Heulen und Verzweifeln, dass mir niemand wehren konnte.“

Wann immer ich versuche, mir den jungen Mönch im Abgrund der Verzweiflung vorzustellen, ins Bodenlose gestürzt vom Gefühl der eigenen Nichtig- und damit auch Nichtswürdigkeit, kommt mir ein anderer Deutscher, ein Prager Jude, in den Sinn, der gleichfalls an einem strengen Vater litt und gleichfalls die Angst als alle Sinne lähmende, jegliche Lebenskraft erstickende Urgewalt kannte: Franz Kafka. In einem Brief fand er für seine „gemeinste Angst“, seine „Todesangst“, das erschütternde Bild: „So wie wenn einer der Verlockung nicht widerstehen kann, in das Meer hinauszuschwimmen, glückselig ist, so getragen zu sein, ‚jetzt bist Du Mensch, bist ein großer Schwimmer‘, und plötzlich richtet er sich auf, ohne besonders viel Anlass und sieht nur Himmel und Meer und auf den Wellen ist nur sein kleines Köpfchen und er bekommt eine entsetzliche Angst, alles andere ist ihm gleichgültig.“

Wer Kafkas Werke gelesen hat, weiß, dass es ihm nicht gegeben war, seine Angst, das Gefühl der eigenen Nichtigkeit, der metaphysischen Verlorenheit, anders zu bekämpfen, als sich ihm schreibend auszuliefern – indem er „Helden“ schuf, die sich in ungeheures Ungeziefer verwandelten, Prozesse durchlitten, die nicht zu gewinnen waren, oder sich selbst auf die Folterbank legten. Und ich bekenne freimütig, dass mir dieser Mut der Verzweiflung, der keinen anderen Trost kennt denn die literarische Genauigkeit, mit der die Auslöschung der eigenen Existenz protokolliert wird, näher ist als der theologische Kraftakt, mit dem sich der junge Erfurter Mönch aus dem Tal der Finsternis zu reißen versucht.

Wir erinnern uns: Luthers Existenzproblem ähnelte dem Kafkas. Es bestand in dem verheerenden Dauergefühl, nicht klug, nicht gut, nicht stark, nicht wertvoll, im Falle Luthers: nicht heilig genug zu sein, und der daraus resultierenden Verzweiflung, ein solch erbärmliches Menschenwesen dürfe sich niemals der Illusion hingeben, vom Universum getragen zu sein, in Luthers Terminologie: vor Gottes Augen Gnade zu finden. Doch dann trennen sich die Geistes-, Seelen- und Lebenswege unserer beiden Angstathleten: Wo Kafka sich der Angst anvertraut, ja sie sogar zum „vielleicht Besten“ erhebt, das in ihm ist, glaubt Luther mithilfe von Paulus, dem ersten Radikalkonvertiten des Christentums, plötzlich entdeckt zu haben, dass die Finsternis ihren Schrecken verliert, wenn ich nur erkenne, dass Gott die Finsternis liebt, weil einzig die Finsternis sein Licht in vollem Glanze erstrahlen lässt. Sprich: Ich armes, verworfenes Menschlein muss mich auf gar keinen Leistungswettkampf vor Gott einlassen, da ich diesen ohnehin nie gewinnen kann, sondern mich lediglich zur Einsicht durchringen, dass Gott sich meiner erbarmt, gerade weil ich erbärmlich bin.

Diese Umkehrung all dessen, was einem der gesunde Menschenverstand und sämtliche irdischen Vorstellungen von „Würde“, „Verdienst“, „Gerechtigkeit“ sagen, ist von atemberaubender Kühnheit. Und gerade in Zeiten wie den unseren gefällt mir an ihr, dass sie dem Wahn, Seelenruhe ließe sich erwirtschaften, indem man Tag und Nacht an der Perfektionierung der eigenen Person arbeitet, oder die Panik ließe sich bekämpfen, indem man die irdischen Sicherheitsnetze immer engmaschiger webt, eine krasse Absage erteilt.

Ein Gemälde des belgischen Malers Ferdinand Pauweis, das Luther beim Anschlag der 95 Thesen zeigt.
Bild: © CC-by-SA 2.0 Arianus

 

Heikles Erbe

Aber ich fürchte, ich bin zu sehr von der Vernunft besessen, dieser „Hure des Teufels“, wie Luther sie nannte, als dass ich dem protestantischen Sprungtuch wirklich trauen könnte. Schon wenn ich bei Paulus im Ersten Korintherbrief lese: „Wäre der Messias nicht auferweckt worden, dann wäre euer Glaube sinnlos“, jault die Logikerin in mir auf und will rufen: „Ja eben! Möglicherweise ist euer Glaube sinnlos!“ Andererseits weiß ich, dass es etwas Kindisches an sich hat, in Glaubensdingen Beweise zu verlangen. Luther ist vollkommen konsequent, wenn er sagt: „Damit aber der Glaube Raum habe, muss alles, was geglaubt wird, verborgen sein.“ Dass in einem solchen aufs Verborgene gegründeten Reich der Zweifel der größte Feind ist, versteht sich von selbst.

Und ich vermute, hier liegt der tiefere Grund, warum mir die protestantische „Festigkeit“, die Luther dazu befähigte, vor dem Reichstag in Worms nicht einzuknicken, oder die ihm seine unvergleichliche Schaffenskraft bescherte, trotz aller Faszination im Kern suspekt bleibt. Nicht nur stößt mich die schroffe Wut ab, mit der Luther über einen höflichen Skeptiker wie Erasmus von Rotterdam herfällt oder später über die „verstockten Jüden“, die immer noch an dem alttestamentarischen Gottesverständnis festhalten, welches ihn in seiner Jugend doch beinahe in den Angstwahnsinn getrieben hätte. Ich werde den Verdacht nicht los, dass dieser ebenso engstirnige wie engherzige Hass der Preis war, den Luther dafür zu zahlen hatte, jeglichen Zweifel an der Zuverlässigkeit seines Sprungtuchs zu eliminieren. Und ich fürchte, dass Luther mit seiner Doppelbegabung, die Ungesichertheit menschlicher Existenz radikal zu empfinden und sie sich ebenso radikal vom Leib zu schaffen, uns Deutschen ein in der Tat höchst heikles Erbe hinterlassen hat. Deshalb wohl sind mir jene angefochtenen Seelen lieber, denen es nicht gelingen will, sich mithilfe eines Geniestreichs zu entängstigen, sondern denen nichts anderes übrig bleibt, als auf den Flügeln ihrer Angst über dem Abgrund zu kreisen, ohne die Zuversicht, dass, wenn sie stürzen, eine wie auch immer geartete Hand sie hält. •

Dieser Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 1 / 17