Lévi-Strauss und die Barbarei

Illustration: Emmanuel Polanco; Bildvorlage: AFP/Getty Images

„Barbarei“? Gewöhnlich assoziiert man den Begriff mit plündernden Horden in der europäischen Antike oder mit den Nazis. Gegenwärtig dringt er erneut in den öffentlichen Diskurs ein: Islamistische Terroristen werden als „Barbaren“, ihre Akte als „barbarisch“ bezeichnet, auch Aufrufe zu einem Krieg gegen die „Barbaren“ und ihre „Barbarei“ werden mitunter laut. Zu Recht? Die Frage verdient eine eingehende Betrachtung. In seinem kurzen Text „Rasse und Geschichte“ zeigte sich der Anthropologe Claude Lévi-Strauss bereits 1952 beunruhigt über ein Etikett, das reflexhaft dem angeheftet werde, was wir nicht verstehen. Er plädierte für kulturellen Relativismus und einen Verzicht auf den Begriff Barbarei. Ist dieser Relativismus noch immer angebracht?, fragt der Philosoph Roger-Pol Droit. Was hätte Lévi-Strauss heute gesagt? Das Thema ist heikel – also diskussionswürdig.


Lévi-Strauss in
fünf Daten:

g
1908: Geburt in Brüssel

1952: „Rasse und Geschichte“ erscheint

1955: Veröffentlichung von „Traurige Tropen“

1959: Professur für Sozialanthropologie am Collège de France

2009: Lévi-Strauss stirbt in Paris

Enthauptungen und Attentate, Geiselnahmen und Schießereien – die Zunahme des Terrorismus lässt uns von „Barbarei“ sprechen. „Barbaren“ nennen wir die, die ihre Unmenschlichkeit demonstrieren, die Regeln des Krieges und des menschlichen Zusammenhalts brechen.

Liest man Claude Lévi-Strauss, kann man daran zweifeln. In „Rasse und Geschichte“ legt er eine kritische Analyse vor, nach der man weder das Substantiv „Barbaren“ noch das Adjektiv „barbarisch“ länger gebrauchen sollte. Der Anthropologe begründet dies mit einem berühmt gewordenen Satz: „Denn ein Barbar ist ja vor allem derjenige, der an die Barbarei glaubt.“ Diese Definition erinnert an Montaigne, den Lévi-Strauss ausgiebig las. In seinen „Essais“ bemerkt Montaigne, dass „jeder das Barbarei nennt, was bei ihm ungebräuchlich ist“. Die Ähnlichkeiten beider Behauptungen liegen auf der Hand: Barbarei ist etwas Relatives, vom Blickwinkel des Beobachters bestimmt, sie ist ein Bild, keine Tatsache, ein Urteil, keine Realität. Die Barbarei existiert somit nur in Abhängigkeit von unserem Blick auf den anderen. Montaigne zeigt, wie künstlich und abwehrend die Bezeichnung ist: Was uns verstört, werten wir ab. Lévi-Strauss geht noch weiter. Der einzige Grund, an die Barbarei zu glauben, sei die Folge dieses Glaubens – wer von „Barbaren“ spricht, wird demnach selbst einer, denn er teilt die Menschheit in uns, die Zivilisierten, und die anderen, die Barbaren.

Gilt dies ohne Ausnahme? Setzen wir uns diesem Vorwurf aus, wann immer wir von Barbarei sprechen? Macht es uns zu Barbaren, wenn wir die von den Nazis verübten Massenmorde, die Enthauptungen von Geiseln und Kindern durch den Islamischen Staat Barbarei nennen? Manche bejahen diese Fragen, und in dieser Hinsicht ist die in „Rasse und Geschichte“ entfaltete Argumentation noch immer einflussreich. Dieser 1952 veröffentlichte Klassiker des 20. Jahrhunderts hat zahllosen akademischen Abschlussarbeiten und Prüfungen als Thema gedient. Deshalb verdient es Lévi-Strauss’ Analyse, dass ihre Mängel ebenso wie ihr Gewicht verdeutlicht werden. Es mangelt ihr nicht an Kraft, angefangen bei der Erinnerung daran, wie sehr unser universalistischer Gedanke der „Menschheit“ eine Schöpfung jüngeren Datums ist. Was Lévi-Strauss zufolge jahrtausendelang vorherrschte, war die feste Überzeugung jeder einzelnen Menschengruppe, dass sie – und nur sie – die gesamte Menschheit, die einzige Norm, das einzig richtige Modell verkörpere. Und die anderen? Sie waren gleichsam Fälschungen – Tiere, keine Menschen. Ihre Andersartigkeit konnte unterschiedlichste Gründe haben – Hautfarbe, Sprache, Kleidung, Gebräuche –, doch immer begegnete man ihnen mit derselben Haltung: mit dem Zweifel, ob sie überhaupt Menschen sind.

In den ersten Jahren nach der Eroberung Amerikas, so Lévi-Strauss, wollten die Europäer erforschen, ob die Ureinwohner eine Seele haben, während diese sich fragten, ob die Leichen der Eroberer wie menschliche Körper verwesen. Jedes Mal besteht der erste Schritt in einer Spaltung der Menschheit: hier die wirklichen Menschen, dort Tiere, die nur wie Menschen aussehen. Dieses Verfahren kennzeichnet für Lévi-Strauss den Barbaren. Mit ihrem Glauben an die Überlegenheit der Weißen, an die Bestialität der anderen oder allgemein die Minderwertigkeit von nichtindustriellen Kulturen verhielten sich die vermeintlich Zivilisierten somit de facto wie Primitive. Das ist der Kern der Argumentation. Wer an „die Barbarei“ glaubt, behauptet nach Lévi-Strauss die Existenz infantiler, unterhalb der Menschheit angesiedelter Kulturen, die es zu erziehen oder zu vernichten gilt, und ist damit selbst „Barbar“.

Die Griechen haben das Wort „Barbar“ erfunden und in zahllosen Redewendungen gebraucht, aber niemals gesagt, geglaubt oder gedacht, dass die Barbaren keine menschlichen Wesen seien


 
Eine unlogische Konzeption

Dieser Begriff des Barbaren hat viele Vorzüge. Er weist die koloniale Überheblichkeit zurück, die verheerende Missachtung der angeblich „Wilden“ durch die Vertreter der Moderne; er wendet sich gegen die Zerstörung traditioneller Kulturen durch die globale Vorherrschaft der Technologie. Lévi-Strauss’ Argumentation hat besonders dazu gedient, die Vielfalt der Kulturen zu verteidigen, die uneingeschränkte Menschlichkeit aller Völker, die Achtung von Sprachen und Gesellschaften. Alle diese Anliegen sind gerechtfertigt. Das Problem besteht darin, dass sich ein solcher Begriff des Barbaren als wenig durchdacht und unlogisch erweist.

Lévi-Strauss erklärt ausdrücklich, dass es lange vor den Kolonisatoren der Primitive, der Eingeborene war, der an die Barbarei glaubte – für ihn endete an den Grenzen seines Dorfes die Menschheit und begann das Reich der „Läuseeier“. Das Argument besteht also im Vorwurf an die „Zivilisierten“, nichts anderes als „Primitive“ zu sein. Das hat merkwürdige Konsequenzen. Denn ist es wirklich schlüssig, von der Xenophobie der schriftlosen Völker, ihrem spontanen Rassismus, ihrer Ablehnung der anderen als Tiere auszugehen?

Viel schwerer wiegt allerdings die logische Ungereimtheit der Argumentation. Von der Barbarei löst sich demnach derjenige, der nicht mehr an sie glaubt und die Menschheit in ihren unterschiedlichen Kulturen zugleich als eine begreift. Indem Lévi-Strauss jedoch diejenigen, die diese Überzeugung nicht teilen, zu Barbaren erklärt, schreibt er eben jene Spaltung fort, die er zu überwinden behauptet. Denn wenn sich die „Wilden“ den anderen überlegen fühlen (eben dies macht sie zu „Barbaren“), während der „wirklich“ Zivilisierte weiß, dass er niemandem überlegen ist, dann ist Letzterer den an die „Barbarei“ glaubenden „Barbaren“ genau dadurch überlegen. In Lévi-Strauss’ Kritik verbirgt sich somit ein Sophismus, wie Raymond Aron erkannt hat. Während Lévi-Strauss den Begriff scheinbar auflöst, führt er ihn zugleich wieder ein, indem er die Unterscheidung zwischen Barbaren und Nichtbarbaren auf eine andere Ebene verschiebt.

Ebenso trägt Lévi-Strauss’ Analyse nicht der Bedeutungsvielfalt der Begriffe „Barbar“ und „Barbarei“ Rechnung, die weder einfach noch klar bestimmt sind. Im Gegenteil: Es sind „unreine“, schillernde Begriffe, die in einer langen Geschichte vom antiken Griechenland bis in die Gegenwart mit zahlreichen Bedeutungen aufgeladen wurden. Dass der Begriff „Barbar“ von Lévi-Strauss systematisch auf den des „Wilden“ reduziert wird, so als benenne er ausschließlich Wesen an den Grenzen der menschlichen Gattung, scheint mir mit Blick auf die aktuelle Forschung bedauerlich. Denn wie bereits ein flüchtiger Blick auf die Geschichte zeigt, ist dies mitnichten der Fall.

Weder Tier noch politisches Wesen

Die Griechen haben das Wort „Barbar“ erfunden und in zahllosen Redewendungen gebraucht, aber niemals gesagt, geglaubt oder gedacht, dass die Barbaren keine menschlichen Wesen seien. In dieser entscheidenden Frage unterlag Lévi-Strauss einem Irrtum, an dem er auch später festhielt: „Ich scheue mich nicht festzustellen, dass die Griechen und die Chinesen zumindest einen barbarischen Zug hatten, indem sie den Völkern an ihren Grenzen den Charakter von Menschen absprachen“, erwiderte er 1955 in „Les Temps Modernes“ auf Kritiken von Roger Caillois. Was die Chinesen betrifft, verfüge ich über keinerlei Kompetenz, aber die Griechen haben die Perser niemals für Tiere gehalten! Im Gegenteil, das persische Reich repräsentierte für sie ein reiches Volk, dessen Heere über goldbedecktes Kriegsgerät verfügten und sie mit einer Überzahl von zehn zu eins bedrohten.

In den Augen der Griechen zeichnet sich der „Barbar“ nicht in erster Linie durch die Rohheit des Wilden aus, sondern durch ein mangelhaftes Verhältnis zum logos (dt. Rede bzw. Vernunft). Zum ersten Mal taucht der Begriff bei Homer auf, bei dem von „barbarischer Mundart“ die Rede ist („Ilias“, II. Gesang, Vers 867). Dies bezieht sich auf die Karer, eines der Völker, die in den Heeren Trojas dienen. Selbstverständlich sind sie Menschen: Sie treiben Handel mit den Griechen und sprechen ihre Sprache. Aber sie haben eine „barbarische Mundart“: Ihre Sprache klingt holprig. Ein Barbar ist somit jemand, der „schlecht spricht“, für die Griechen daher auch „schlecht denkt“, der nicht so handelt, wie er sollte, da er es nicht immer vermag, unter der Regie der Vernunft zu leben und seine Triebe zu zügeln.

Und vor allem versteht der Barbar nichts von der Politik. Das ist die entscheidende Trennlinie: Die Griechen sind freie Bürger, die sich selbst ihre Gesetze geben, die Barbaren dagegen allesamt Untergebene – douloi, was auch „Sklaven“ bedeutet – eines Kaisers, Königs oder Pharaonen. Die Griechen beanspruchen keine natürliche, „rassische“ Überlegenheit für sich, sondern einen politischen Vorzug. Wenn wir heute behaupten, dass die Demokratie den Totalitarismen, Diktaturen und Kalifaten vorzuziehen sei, tun wir im Grunde nichts anderes.

Dieses entscheidende Kriterium der Politik hat in keiner Weise den Charakter einer unüberwindlichen, vermeintlich natürlichen Barriere. Die Griechen waren der Auffassung, dass sich die Barbaren emanzipieren, ihre politische Ordnung verändern und ihren Horizont erweitern können. Es „werden besser jene Griechen genannt, die unsere Bildung haben, als diejenigen, die mit uns eine gemeinsame Abstammung haben“, erklärte Isokrates im „Panegyricus“ (IV, 50). Es ist selbstverständlich möglich, einen solchen Logozentrismus zu kritisieren, ja jeglichem Überlegenheitsanspruch zu misstrauen. Beides ist allerdings nicht mit einem Ausschluss von Menschen aus der Menschheit zu verwechseln.


Lévi-Strauss unterliegt einem Irrtum: Der Antike war unser Verständnis von Barbarei als das Unmenschliche unbekannt


 

Das griechische Denken implizierte zudem auch keine systematische Geringschätzung von Nichtgriechen als kulturell minderwertig. Im Gegenteil, viele „Barbaren“ waren angesehene Gelehrte, Weise und Philosophen – in den Augen der Griechen, wohlgemerkt. Platon zum Beispiel bewunderte stets das Wissen und die Künste der Ägypter, Herodot pries die Größe der Perser und Diogenes erinnerte daran, wie lebendig die Auffassung war, dass der Ursprung der Philosophie bei den Barbaren liege. Schon sehr früh, bei Hekataios von Milet im späten 6. Jahrhundert v. Chr., existierte im Altgriechischen eine neutrale Bedeutung des Begriffs „Barbar“. Als Synonym für xenos (dt. Fremder) bezeichnete er sodann sehr häufig alle, die keine Griechen, aber hochzivilisiert und ihnen in vieler Hinsicht sogar voraus waren. Im spätantiken Griechenland verbreitete sich sogar der Gedanke einer philosophischen Überlegenheit der Barbaren (Chaldäer, Ägypter, Inder), die von der akademischen Forschung systematisch außer Acht gelassen worden sind.

Was sich bei den Griechen dagegen überhaupt nicht findet, ist unser modernes Verständnis von Barbarei als das Unmenschliche im Menschen. Der Satz „Dieser Mord ist ein Ausdruck von Barbarei“ lässt sich unmöglich unter Verwendung einer Form von barbaros ins Altgriechische übersetzen. Die „Barbaren“ der Griechen waren nicht von Natur aus grausam. Sie konnten grob oder kultiviert, cholerisch oder beherrscht sein, per definitionem mordlustig, gewalttätig und blutrünstig waren sie nicht. Die inhärente Gewalt der „Barbarei“ ist eine spätere romanische und christliche Erfindung. Es bedurfte einer langen historischen und kulturellen Fortentwicklung, bevor der Begriff die ganz andersartige Bedeutung annahm, die er heute für uns besitzt: die einer wirkmächtigen Präsenz des Unmenschlichen im Menschen.

Wie lässt sich diese andere Bedeutung von „Barbarei“ fassen? Die einfachste Definition wäre: Verweigerung von Empathie im Namen einer vermeintlich absoluten Wahrheit, die Mord und Niedertracht zu rechtfertigen, sogar heiligzusprechen vermag. Auszugehen ist somit davon, dass sich die Menschheit durch gemeinsame Affekte und Emotionen definiert, die unabhängig von der Vielfalt der Kulturen und Epochen allen eigen sind. Sich von diesem Empfinden abzutrennen, das menschliche Band in sich selbst zu zerschneiden, macht die Barbarei in einem ethischen Sinne aus – nicht in einem ethnischen.

Diese Barbarei bildet offenkundig weder zur Zivilisation noch zur Kultur einen Gegensatz. Die Nazis gehörten zum gelehrtesten, gebildetsten und zivilisiertesten Volk des damaligen Europa. Es hat sie nicht daran gehindert, als Vollstrecker der Vernichtung aufzutreten. Die Dschihadisten sind mitunter gebildete, studierte Menschen. Das hindert sie nicht daran, Barbaren zu sein. Lévi-Strauss übergeht dieses Moment in seiner Analyse, die ausschließlich darauf zielt, allen Kulturen dieselbe Würde zuzuerkennen. Meines Erachtens kann man jedoch durchaus behaupten, dass kein Volk in seinen kulturellen Leistungen einem anderen unter- oder überlegen ist und denselben Respekt verdient wie jedes andere , und dennoch mit Recht darauf bestehen, diejenigen, die sich freiwillig von der menschlichen Gemeinschaft abschneiden, „Barbaren“ zu nennen. •

Aus dem Französischen von Felix Kurz


Eigenartiger Gesinnungswandel


1971, zwanzig Jahre nach „Rasse und Geschichte“, äußert sich Claude Lévi-Strauss erneut auf Einladung der UNESCO zum Thema Rassismus. Bei der Organisation, deren Auftrag in Völkerverständigung besteht, erwartet man ein Remake von „Rasse und Geschichte“. Mit dem später als „Rasse und Kultur“ veröffentlichten Vortrag scheint Lévi-Strauss diesem Programm zunächst auch zu folgen. Mithilfe neuer Instrumente, insbesondere der Bevölkerungsgenetik, wiederholt er seine Argumente: Die Existenz von Rassen ist nicht beweisbar, die Vielfalt menschlicher Kulturen eine Tatsache, ihre Hierarchisierung hingegen unmöglich. Jedoch zeigt sich auch ein gewisses Unbehagen. In „Rasse und Geschichte“ plädierte der Anthropologe für ein Zusammenwirken der Kulturen. Er zerstörte die Illusion, dass sich eine Gruppe von Menschen in Isolation von anderen entwickeln könne – „Die menschlichen Gesellschaften sind niemals voneinander isoliert“ –, und wies jede Vorstellung einer reinen, vor verfälschenden äußeren Einflüssen zu schützenden Kultur zurück. Die „Koalitionen“ von Kulturen durch „Wanderungen, Übernahmen, Handelsbeziehungen, Kriege“ beschrieb er als den mächtigsten Entwicklungsfaktor überhaupt. Umgekehrt galt: „Das einzige Verhängnis, der einzige Makel, der eine Menschengruppe tre en und an der vollen Entfaltung ihrer Natur hindern kann, ist, isoliert zu sein.“ Antirassisten haben es nicht versäumt, sich auf diese Passagen zu stützen, um die Vorzüge von Vermischung herauszustellen.

Gerade an diesem Punkt aber tritt Lévi-Strauss 1971 den Rückzug an. Er beklagt, dass die „Umwälzungen, wie sie durch die in Expansion begriffene Industriekultur ausgelöst wurden, und die erhöhte Geschwindigkeit der Transport- und Kommunikationsmittel“ die Menschheit „einer Weltkultur“ entgegentreiben, „die jene alten Partikularismen zerstört, denen die Ehre gebührt, die ästhetischen und spirituellen Werte gescha en zu haben, die dem Leben seinen Wert verleihen“. Die Globalisierung droht in seinen Augen nun im Namen einer Ideologie der Vermischung jedwede Kreativität und Schönheit auszulöschen. Da „jede wirkliche Schöpfung eine gewisse Taubheit gegenüber dem Reiz anderer Werte voraussetzt“, könne man „sich nicht im Genuss des anderen verlieren“, wenn man dynamisch bleiben will.

Wie lässt sich dieser Gesinnungswandel erklären? Durch das Bemühen um ein Gleichgewicht. Als Fürsprecher der Vielfalt und Gegner jedes kulturellen Kolonialismus feierte der Anthropologe 1952 die fruchtbare Kommunikation zwischen den Völkern. 1971 fürchtete er dagegen, eine solche zur Realität gewordene Verschmelzung könne nur zu einer Weltkultur führen, die alle Di erenzen homogenisiert. So trat er zunächst für das Zusammenwirken der Kulturen und später für eine Form von Protektionismus ein – beides jedoch im Namen des anderen.

Von Michel Eltchaninoff

Dieser Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 4 / 17