Sind Kreative näher am eigenen Selbst?

By martinak15 from United States ((+2 in comments)) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons


Schöpferisches Arbeiten gilt als Inbegriff des Authentischseins. Aber was, wenn die Kreativität zu einem gesellschaftlichen Imperativ wird? Der Soziologe Andreas Reckwitz über Selbstverwirklichung, unerfüllbare Sehnsüchte und den Reiz der Routine.

Das Gespräch führte Svenja Flaßpöhler.

Andreas Reckwitz

Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder sowie ‚Opus Magnum‘ Stipendiat der Volkswagenstiftung. Forschungsschwerpunkte sind die Kulturtheorie der Moderne sowie die Sozialtheorie. Sein Buch „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ veröffentlichte er 2012 (Suhrkamp), die Monographie „Kreativität und soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie“ erscheint im Mai 2016 (transcript).

Bild: Reckwitz

Philosophie Magazin: Herr Reckwitz, Sie behaupten, die schöpferische Künstlerexistenz stelle heute keine Ausnahme, sondern die Regel dar, sprechen gar von einem „Kreativitätsimperativ“. Sind wir heute in gewisser Weise alle Künstler?

Andreas Reckwitz: Es hat sich eine bemerkenswerte Umkehrung vollzogen: Vom 18. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Künstlerexistenz eine Nischenexistenz, die sich einer Gegen- oder Subkultur zugehörig fühlte. Denken Sie an die ästhetischen Bewegungen des Sturm und Drang und der Romantik. Das Künstlerideal stand für eine nichtentfremdete Existenz, die dem bürgerlichen Establishment widersteht. Hier wurde auch das kulturelle Ideal des Schöpferischen und der Kreativität ausgebildet, das von Anfang an eng mit dem Modell der Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung des Ichs verbunden ist. In den 1970er- und 1980er-Jahren sind diese Vorstellungen jedoch in den gesellschaftlichen Mainstream eingesickert. In allen Bereichen geht es darum, an der Selbstentfaltung zu arbeiten und kreativ Neues zu gestalten. Sehr gut verdeutlichen lässt sich das am Beispiel der Ökonomie, die sich transformiert hat in einen ästhetischen Kapitalismus. Es geht hier weniger darum, Gegenstände zu produzieren, die einen konkreten Nutzen erfüllen sollen, sondern es geht um neue Objekte, neue Ereignisse, die einen ästhetischen Effekt haben.

Sie sagen, der Künstler stehe für eine nichtentfremdete Existenz. Ist der Kreativitätsimperativ also auch ein Authentizitätsimperativ? Im Sinne von: Sei kreativ und also du selbst?

Ja. Im Begriff der künstlerischen Selbstverwirklichung steckt die Kreativität, aber auch die Idee des Authentischen. Das Authentische verstanden als Eigentlichkeit des Subjekts, das eben nicht so ist, wie andere es von ihm verlangen, sondern wie es selbst im Kern ist oder sein will. Indem aber nun das Kreativitätsideal im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in die Hegemonie umgeschlagen ist, hat sich auch sein Stellenwert verändert. Das Künstlerideal wird zu einer konkreten Anforderung für jedermann, Authentizität wird zur Erwartung. Sie ist Wunsch und Erwartung zugleich. Rousseaus Gedanke war, dass der Einzelne seine Authentizität gegen die Gesellschaft bewahrt oder auch erkämpft. Wenn aber Authentizität gesellschaftlich erwartet wird, geraten wir in die paradoxe Situation, unser wahres Selbst erfolgreich aufführen zu müssen: In der Arbeit, in der Freizeit, in unseren Beziehungen. In der Arbeitswelt reicht es so nicht mehr aus, „seine Arbeit zu machen“ – ich soll und will nun auch ganz in meiner Arbeit „aufgehen“, mit allen meinen Fähigkeiten, meiner ganzen Persönlichkeit. In der Freizeit geht es darum, dass ich die verschiedenen Facetten meines Selbst verwirkliche und entwickle – beim Verreisen, beim Spiel mit den Kindern oder beim Yoga. Das tue ich für mich und zugleich für die anderen, auf Facebook wird es möglicherweise sogleich sichtbar gemacht. Ich würde hier von performativer Authentizität sprechen.

Das Künstlerideal wird zu einer konkreten Anforderung für jedermann, Authentizität wird zur Erwartung.


 

Wir müssen uns als authentisch inszenieren?

Ich würde mit dem Begriff der Inszenierung vorsichtig sein, er klingt so entlarvend: Das ist ja eine bloße Authentizitätsinszenierung! Und dahinter steckt dann die eigentliche Authentizität? Wer so denkt, muss sich klarmachen, dass dieser Differenzkampf zwischen der wahren und der falschen Authentizität schon immer da gewesen ist. Authentizität ist nie etwas Vorsoziales, rein Innerliches. Seit es den Authentizitätsanspruch gibt, gibt es auch die Kritik an der nur scheinbaren Authentizität – der anderen. Authentizität ist eine Sehnsucht, die nie erfüllt werden kann und so das Begehren in Gang hält: Irgendwann werde ich zu mir kommen. Aber das passiert nie.

Das bedeutet, ich muss immer noch schöpferischer, erfindungsreicher sein, um meine Eigentlichkeit, meine Einzigartigkeit unter Beweis zu stellen?

Ja, genau hierin liegt auch die Optimierungs- und Vergleichslogik des gesellschaftlichen Imperativs. Authentizität ist ja letztlich ein Differenzierungsmerkmal, man vergleicht es mit anderen oder mit der Vergangenheit. Das Neue, das ich herstelle, konsumiere und auch verkörpere, ist das andere, das Singuläre. Aber es genügt nicht, einmal etwas Singuläres geschaffen zu haben, sondern es muss immer wieder neue Singularitäten, neue Besonderheiten geben.

Ein Denker wie Theodor W. Adorno würde hier einwenden: Der Kapitalismus erzieht uns nicht eigentlich zu Kreativität, sondern zu Warenförmigkeit. Der Mensch im Kapitalismus schafft und ist, was die Kulturindustrie von ihm verlangt.

Für Adorno ist die Moderne zunächst und vor allem eine kapitalistische Reproduktionsmaschinerie. Das ist mir zu eindimensional. Mein Bild der Moderne ist ein dualistisches. Auf der einen Seite haben wir, was man mit Max Weber „formale Rationalisierung“ nennen kann. Es geht der Moderne darum, das, was bisher da war, strukturell zu verbessern, zweckrationaler zu gestalten. Und der Kapitalismus ist ein ganz wichtiger Teil dieser Rationalisierung mit seinem Effizienzstreben. Aber es gab auch immer die Gegentendenz, die intensiven Affekte und ihre Kultur, die Orientierung am Einzigartigen und Authentischen, vor allem im Bereich des Ästhetischen, die sich seit der Romantik entwickelt. Dem affektarmen Rationalisierungsbestreben wurde so eine ungeheure Motivationskraft entgegengestellt. Ob das die romantische Liebe ist, das Naturerleben oder später der ästhetische Konsum: Wir haben hier eine Art Gegenherd zur Rationalisierung, der sich etwa auch in der Religion oder im Politischen findet. Hier lodern die Affekte – und am Ende motivieren sie uns zur Teilnahme am „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“, wie Max Weber den Rationalismus nennt. Was Adorno übersieht, ist, dass beide Stränge jeweils eine eigenständige Dynamik haben und in der Spätmoderne die Ästhetisierung kein bloßes Produkt des Kapitalismus ist, sondern dass sie sich miteinander verschränken, ohne dass die eine Seite völlig in der anderen aufgeht: Sie stützen sich nun gegenseitig.

Authentizität ist eine Sehnsucht, die nie erfüllt werden kann.


 

Welchen Effekt hat diese Verschränkung?

Der Kreativitätsimperativ ist mit einem ungeheuren Leistungszwang verbunden. Man kann mehr oder weniger kreativ sein, auch unkreativer werden. Und dann scheitert man nicht nur vor der Gesellschaft, sondern auch vor sich selbst. Ein zweiter Problemkomplex besteht in der Diskrepanz zwischen Leistung und Erfolg. Das bin ja nicht ich, der zertifiziert, dass ich kreativ bin, sondern das sind die anderen, das Publikum – ob das nun die Abnehmer auf dem Markt oder die Betrachter meines Facebook-Profils sind. Und dieser Erfolg vor dem Publikum ist sehr fragil, egal welche kreativen Leistungen vollbracht wurden.

Wäre dann nicht heute wahrhaft authentisch, wer sich um den Blick der anderen nicht schert – oder zumindest so tut als ob?

Das ist ein interessanter Punkt. Dahinter steckt ja auch die empirisch-kultursoziologische Frage: Was ist eine gelungene Authentizitätsperformanz? Wirklich gelungen ist sie, wenn sie gerade nicht so erscheint, als ob jemand unbedingt perfekt sein will, um anderen zu gefallen. Gerade das Nichtperfekte hat einen ungeheuren Natürlichkeitseffekt – gerade wer nicht authentisch sein will, erscheint den anderen authentisch. Doch noch wichtiger ist die Frage: Warum ist Authentizität eigentlich so unauflöslich an Kreativität und das Neue gebunden? Könnte sie nicht auch außerhalb dieser Bindung liegen? Also etwa in der Wiederholung, in der Routine, dem Handwerk? Der französische Philosoph François Jullien etwa spricht von einer „Ästhetik des Faden“ und meint damit ästhetische Praktiken des alten China und Japan. In ihnen ging es gar nicht um Originalität und Neuschöpfung, sondern darum, eine gelungene Form zu finden, die dann reproduziert wird. Das könnte uns inspirieren, die Authentizität aus dem Innovationszirkel zu lösen.

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 3 / 2016 veröffentlicht.