Kibbuz: Wie Utopien enden

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Die israelischen Landkommunen waren Laboratorien utopischer Gesellschaftsentwürfe. In der sozialistischen Basisdemokratie sollte der Neue Mensch entstehen. Inzwischen haben die meisten Kibbuzim die Privatisierung eingeleitet. Völlig vergessen sind die alten Ideale trotzdem nicht


Von Philipp Felsch und Yael Reuveny

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Philipp Felsch

war bis Februar 2018 Redakteur beim Philosophie Magazin und tritt zum Wintersemester seine Professor für Kulturgeschichte an der HU Berlin an. Seine jüngste Publikation: „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte“ (C.H. Beck, 2015)


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Yael Reuveny

ist Dokumentarfilmerin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Ihr Film „Schnee von gestern“ (2014), der einen Teil ihrer Familiengeschichte erzählt, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet

Am frühen Nachmittag steigt die Temperatur im Busbahnhof von Tiberias auf 36 Grad Celsius. Die jungen Soldaten und religiösen Backpacker, die den Großteil der Passagiere ausmachen, beeilen sich, aus der Sonne in den Schatten der Wartehalle zu kommen. Es ist Ende September. Wie es sich hier wohl im August anfühlt, wenn der Asphalt bei über 40 Grad Celsius in den Haltebuchten schmilzt? Für die jüdischen Siedler, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg aus Russland und der heutigen Ukraine an den See Genezareth kamen, um auf den sonnenverbrannten Hängen Getreide anzubauen, müssen die Hitze und die Unwirtlichkeit der Landschaft ein Schock gewesen sein. Dass es auch nur einigen von ihnen gelang, sich hier dauerhaft niederzulassen, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass niemand von ihnen wusste, wie das geht: Landwirtschaft.

Zu Hause in Minsk oder Odessa hatten ihre Eltern vielleicht eine Kuh oder Ziege im Hinterhof gehalten. Seit Jahrhunderten schlossen die Gesetze Juden aber von der bäuerlichen Lebensweise aus. Praktisches Know-how kann für den Erfolg der Siedlungsbewegung in Palästina also nicht den Ausschlag gegeben haben. Entscheidend war, dass die Aussteiger aus dem Laboratorium der Moderne, das heißt aus Russland kamen, dessen Intelligenzija um die Jahrhundertwende die radikalste Europas war. Abgesehen von der wirklichkeitsverneinenden Kraft der Jugend hatten sie ein Füllhorn politischer und sozialer Utopien, darunter Sozialismus, Anarchismus, aber auch jede Menge lebensreformerischer Ideen im Gepäck.

Thomas Morus, der englische Humanist, der im 16. Jahrhundert die erste fiktive Idealgesellschaft der europäischen Neuzeit entwarf, lokalisierte seine vollkommene Kommune auf einer vor der Küste Südamerikas gelegenen Insel, der er den gattungsbildenden Namen „Utopia“ gab. Im Grunde sind Utopias Bewohner als die ersten Kibbuzniks anzusehen: Sie leben in einstöckigen Gartenvillen, stellen ihre Arbeit ganz in den Dienst ihrer gemeinschaftlichen Interessen und kennen weder Geld noch Eigentum.

Politik der Zukunft

Zwar suchten die Siedler der Zweiten Alija (siehe Zeitleiste) nicht nach der Insel Utopia, doch waren sie von einem Buch inspiriert, das in der Tradition von Morus’ literarischer Staatsfiktion steht. 1902 hatte der Wiener Schriftsteller Theodor Herzl seinen Roman „Altneuland“ veröffentlicht. Einer der Gründungstexte des politischen Zionismus, ist der Roman eine waschechte Utopie. Er erzählt, wie der vom Leben in der Diaspora desillusionierte jüdische Rechtsanwalt Friedrich Löwenberg nach 20-jähriger Auszeit auf einer einsamen Pazifikinsel mit der Jacht seines Gönners in Palästina landet. Der neue Staat, den die jüdischen Remigranten aus allen Gegenden Europas hier während seiner Flucht errichtet haben, trägt die Züge einer idealen Demokratie – inklusive religiöser Toleranz und Sieben-Stunden-Tag.

Für Thomas Morus, den Zeitgenossen der großen Entdeckungsreisen, hatte es nahegelegen, die vollkommene Gesellschaft auf einer exotischen Insel zu verorten. Doch seit dem 18. Jahrhundert wurden Utopien nicht mehr in entlegene Länder, sondern zunehmend in den politischen Erwartungshorizont der Zukunft projiziert. Daher spielt auch Herzls Romanhandlung im nahen Futur des Jahres 1923 – gerade weit genug entfernt, um den Bruch mit der Gegenwart zu symbolisieren, doch nicht zu weit, um den Traum des Autors zu konterkarieren, der Judenstaat möge sich vielleicht sogar noch zu seinen Lebzeiten verwirklichen.

Vielleicht lässt sich der utopische Charakter der Kibbuzim am besten an der Bedeutung ablesen, die den antizipativen Fähigkeiten ihrer Mitglieder zukam. Degania, der erste Kibbuz, der 1910 in der Nähe von Tiberias, heute im Norden Israels gelegen, von einer kleinen Gruppe russisch-jüdischer Aussteiger gegründet wurde, mochte vorerst nur aus ein paar in der Hitze backenden Lehmhütten bestehen. Doch die Gründer agierten in dem Selbstverständnis, dass hier eines Tages fruchtbare Landschaften blühen würden. Yossi Vardi, der 1948 als einer der ersten Enkel in Degania geboren wurde, sagt über seinen Großvater, er habe die Fähigkeit besessen, die Zukunft „in jedem Jetzt“ zu sehen. Mit lapidarem Pathos bringt diese Formulierung die Kardinaltugend des guten Kibbuzniks auf den Punkt: die Transzendenz des Status quo, den unverbesserlichen Glauben an ein Morgen, der erst die jüdischen Landkommunen und nach 1948 auch den neu gegründeten Staat Israel getragen hat.

Die Entscheidung für ein Leben im Kibbuz ist nahezu irreversibel, die Hürden, in die Konkurrenzgesellschaft zurückzukehren, sind hoch


 

Degania ist heute tatsächlich von weitläufigen Dattel- und Bananenplantagen umgeben. Jetzt, im September, sind Jugendliche aus den umliegenden Kibbuzim als Erntehelfer da. Im Schatten einer Zeltplane sortieren sie Datteln in Plastikkästen und singen den israelischen Folkrock mit, der aus einem staubigen Kassettenrekorder plärrt. Mit geringfügigen Retuschen könnte diese Szene auch 1965 spielen. Oder 1935, als Palästina noch Teil des Britischen Empires war. Die Kibbuzim sind aus einer internationalen Jugendbewegung hervorgegangen. Ihre Protagonisten waren junge Wilde, die gegen den Lebensstil ihrer Eltern rebellierten. Als Vardis Großvater Degania gründete, war er wie die meisten seiner Genossinnen und Genossen keine 20 Jahre alt. Kein Wunder also, dass Erinnerungen an durchfeierte Nächte und Romanzen im Heuhaufen in der Kibbuzfolklore einen zentralen Platz einnehmen. Bisher hat sich noch keine Jugendbewegung ohne Singen und Tanzen formieren können – eine Regel, von der auch der Linkszionismus keine Ausnahme darstellt.

Doch irrt, wer Degania mit einer Art agrarischer Hippiekommune verwechselt. Nicht Hedonismus, Askese macht den Wesenskern der Kibbuzbewegung aus. Keine Party-Anekdote, die nicht auf die Moral zusteuern würde, dass sich die Feiernden im Morgengrauen in den Kuhstall quälen mussten. Kein Kibbuz, der nicht seinen ureigenen Fundus von Fleiß- und Opfermythen kultiviert. Sicher, unter den harten Bedingungen der Immigration waren diese Tugenden insbesondere für die Kollektivwirtschaft unabdingbar. Doch weit mehr als eine Folge bloßer Sachzwänge, stand das geradezu protestantische Arbeitsethos des Linkszionismus im Zentrum einer jüdischen Kulturrevolution. An der Misere ihrer in der Diaspora lebenden Vorfahren war für die jungen Siedler nämlich deren Abstinenz von körperlicher Arbeit schuld. Daher half ihnen Arbeit nicht nur, mit dieser Herkunft zu brechen. Für Aharon D. Gordon, einen der spirituellen Anführer der Zweiten Alija, war Arbeit Religionsersatz.

Beni Goldman* steht auf dem Gipfel des Hausbergs von Ein Harod und überblickt die ausgedehnten Ländereien, auf denen er und seine Genossen in den vergangenen 50 Jahren ein global agierendes Wirtschaftsimperium errichtet haben. 1921 von russischen und polnischen Auswanderern gegründet, zählt Ein Harod heute zu den reichsten Kibbuzim Israels. Wie modern hier alles ist, kann man daran erkennen, dass selbst die Kühe elektronische Wearables tragen. Unter dem Druck der Absatzkrise der 1950er-Jahre bauten die Kibbuzniks neben Viehzucht und Ackerbau einen industriellen Produktionszweig auf. Ausgehend von ihren Erfahrungen in der Milchwirtschaft bewiesen sie das glückliche Händchen, sich auf Kältetechnik zu spezialisieren. Das von Ein Harod aus operierende Unternehmen Ricor, dessen Kühlaggregate unter anderem in modernen Nachtsichtgeräten verbaut werden, gehört heute zu den Weltmarktführern seiner Branche und beliefert einen internationalen Kundenstamm.

Freie Menschen

Goldman hat nicht nur Ricor eine Weile lang als Geschäftsführer geleitet, sondern auch für die israelische Regierung gearbeitet. Außerdem kann er den Motor eines Traktors zerlegen und weiß, wie man eine Ziege melkt. Wenn er von seinem Leben erzählt, muss man unwillkürlich an Karl Marx’ berühmte Prognose denken, der zufolge der Mensch in der kommunistischen Gesellschaft die Möglichkeit haben werde, „sich in jedem beliebigen Zweige auszubilden“. Dadurch gerate er in die Lage, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren“. Ein wenig haftet dem Kibbuznik Beni Goldman von diesem freien Menschen an.

Zusammen mit seiner Frau Esther lebt er in einem bescheidenen Bungalow. Er beschwert sich nicht darüber, dass das Geld, das er in seinem gut bezahlten Beraterjob verdient, von seinem Arbeitgeber direkt an die Kibbuzverwaltung überwiesen wird, die ihm das gleiche Gehalt wie allen anderen auszahlt. Noch immer würde sich Goldman als Sozialist bezeichnen. Was ihn betrübt, ist die Tatsache, dass das außerhalb von Ein Harod heute niemanden mehr zu interessieren scheint.

Lange Zeit haben die Kibbuzim die moralische und politische Elite Israels gestellt. „Wir waren nur 2 Prozent“, sagt Benis Frau Esther Goldman, „aber wir haben das ganze Land inspiriert.“ Die Selbstverpflichtung, sich in der regierenden Arbeiterpartei und den Eliteeinheiten der Armee zu engagieren, ging mit dem Anspruch auf gesellschaftlichen Einfluss einher. Dass das heute nicht mehr so ist, hat wie so vieles in Israel mit Demografie zu tun. Die sephardischen Juden, die aus Marokko, dem Jemen und Irak in den neuen Staat immigrierten, akzeptierten die Kibbuzniks zunächst als herrschende Klasse.

Kibbuz Hazorea wurde von deutsch-jüdischen Auswanderern in den 1930er-Jahren gründet
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Doch mit der Zeit und mit dem gesellschaftlichen Klimawandel kippte diese Akzeptanz vielfach in Ressentiment. Es ist bezeichnend, dass der erste Ministerpräsident der Likud-Partei Menachem Begin den Kibbuzniks vorwarf, sich „wie Millionäre an ihren Swimmingpools“ zu räkeln. Auch die amtierende Likud-Regierung versteht es, ihre Wähler zu mobilisieren, indem sie deren antielitäre Affekte bedient. Mit Enttäuschung, ja Erbitterung registrieren viele alte Kibbuzniks heute ihre schwindende Einflusssphäre. Wo ihnen schon ihr Staat entgleitet, wollen Leute wie die Goldmans zumindest Eigentümer ihres Landes sein.

Es hat ebenso mit dem Mangel an finanziellen Möglichkeiten wie mit der Fülle ihrer ideologischen Überzeugungen zu tun, dass sich die Gründer von Ein Harod in den 1920er-Jahren auf Grund und Boden ansiedelten, den ihnen der auf dem Fünften Zionistenkongress in Basel gegründete Jüdische Nationalfonds nur leihweise zur Bestellung überließ. Die sozialistische „Religion der Arbeit“, die den Linkszionismus prägte, vertrug sich schlecht mit Landbesitz. Das hat allerdings zur Folge, dass der Kibbuz wie die meisten anderen bis heute nur über temporäre Nutzungsrechte verfügt. Angesichts des Klimas in Israel hat Beni Goldman Sorge, dass irgendwer ihm diese Rechte eines Tages wieder entziehen könnte. Aus diesem Grund hat er es sich zur Gewohnheit gemacht, mit John Locke zu argumentieren. Mit Blick auf die Länder von Ein Harod zitiert er aus der „Zweiten Abhandlung über die Regierung“ (1689), in der Locke eine Theorie des Eigentums entwickelt, nach der die Erde den Menschen ursprünglich gemeinschaftlich gegeben wurde. Durch die Bearbeitung dieser göttlichen Allmende erwerbe sich der Mensch jedoch ein Recht auf Grundbesitz. „Soviel Land ein Mensch beackert, bepflanzt, bebaut, kultiviert und die Erzeugnisse gebrauchen kann“, zitiert Goldman und umreißt das Territorium seines Kibbuz mit einer ausladenden Handbewegung, „so viel ist sein Eigentum.“

Dass sich ein Sozialist auf einen der Urtexte des Liberalismus beruft, um seinen Besitzanspruch zu untermauern, zeigt, wie verwickelt die politischen Fronten sind. Kein Wunder, dass sich Goldman bei seinem Kampf um Grundbesitz in bedenkliche weltanschauliche Allianzen begibt. Am besten kann er über sein Dilemma nämlich ausgerechnet mit den rechtszionistischen orthodoxen Siedlern im Westjordanland reden, die für ihn als Anhänger der Zwei-Staaten-Lösung eigentlich politische Feinde sind. Doch ähnlich wie Goldmans Vorfahren versuchen auch sie, einen Besitzanspruch aus der schlichten Tatsache abzuleiten, dass sie auf den besetzten Territorien anwesend sind.

Mit ihren kurzen Hosen und Sandalen sehen die Siedler, die heute in Tiberias aus dem Bus steigen, beinahe wie die Zionisten der Zweiten Alija aus. Trügt der Eindruck, oder ist die Annahme gerechtfertigt, dass sie die eigentlichen Erben der Kibbuzbewegung sind?

Wenn man von Ein Harod nach Ginegar fährt, bekommt man die Parallelwelt der Kibbuzim in ihrer ganzen Bandbreite zu Gesicht. Während Ein Harod mit seinen frisch renovierten Bungalows und fröhlichen Golfkarts wie eine Rentneroase aussieht, erinnert Ginegar, am Rand der Jesreelebene gelegen, dagegen an einen verwilderten Campingplatz. Gegen Ende der 1990er-Jahre hätten die Behörden dem Kibbuz beinah den Strom abgestellt. In dieser Situation, als Ginegar kurz vor dem Bankrott stand, bekam Haike Winter ein ehrenvolles Angebot. Seit den 1980ern hatte die Deutsche sich hier zwar immer öfter und immer länger als Freiwillige verdingt, hatte Freunde, einen Mann und eine zweite Heimat gefunden. Doch erst in der Krise sprach man mit ihr über Mitgliedschaft.

Problematische Nachbarn

Bei der Rekrutierung neuer Mitglieder sind die meisten Kibbuzim pingelig. Nicht einmal die Kinder von Mitgliedern werden automatisch aufgenommen. Sind sie volljährig und äußern den Wunsch, der Genossenschaft beizutreten, dann stimmen alle Mitglieder in der Kibbuzversammlung darüber ab. Es leuchtet ein, dass die israelischen Landkommunen ihre Zugangsbedingungen reglementieren, denn neue Mitglieder können künftig nicht nur von den Sozialleistungen profitieren, sondern treten auch in das kollektive Vermögen ein. Ob Kibbuzim ihre Grenzen offen oder geschlossen halten, hängt daher immer auch von ihrer finanziellen Lage ab. Ein Harod mit seinen Millionen aus der Kühlaggregatindustrie nimmt derzeit kaum Mitglieder auf. Als in Ginegar dagegen die Lichter ausgingen, streckten die Genossen ihre Hände nach Verstärkung aus.

In 30 Jahren hat Haike Winter die guten und schlechten Seiten des Kibbuzlebens kennengelernt. Zwar werden die Kinder von Ginegar schon lange nicht mehr von ihren Eltern getrennt und im Kinderhaus aufgezogen. Doch ist das Betreuungsangebot für ihren Sohn hier immer noch fabelhaft. Auch die kurzen Wege zur Arbeit erhöhen die Lebensqualität. Winter hat erst im Gästehaus und später im Kuhstall gearbeitet. Ihr Mann, der auch als Mitglied aufgenommen wurde, sitzt an der Kasse im Kibbuzsupermarkt. Mit dem Einkommen, das sie zusammen verdienen, lebt die Familie knapp oberhalb des Existenzminimums.

Im kommunalen Speisesaal, der Agora des Kibbuzlebens, zelebrieren die Bewohner
ihre Gemeinschaft. Hier wird aber auch soziale Kontrolle ausgeübt

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Selbst als Studentin in Berlin, sagt Winter, hätte sie mehr Geld als heute zur Verfügung gehabt. Um ihre Eltern in Deutschland zu besuchen, fehlen ihr schlicht die Mittel. Darüber hinaus scheint die Entscheidung, in Ginegar zu leben, heute so gut wie irreversibel zu sein. Die Hürden, die sie überwinden müssten, um in die Konkurrenzgesellschaft zurückzukehren, sind für Haike wie für ihren Mann nämlich gleichermaßen hoch. Das Haus, in dem sie wohnen, stellt ihnen der Kibbuz zur Verfügung, und auf eine beruf liche Karriere im engeren Sinne blicken beide nicht zurück. Um ihren Bewegungsspielraum auszuweiten, hat Winter in den letzten Jahren eine Ausbildung zur Fremdenführerin gemacht. Wenn der Verzicht auf Professionalisierung den Menschen vor der durch die Arbeitsteilung bewirkten Entfremdung bewahrt, dann raubt er ihm in der modernen Gesellschaft zugleich aber auch seine Freizügigkeit.

In Ginegar traten in den Jahren um die Jahrtausendwende die Schattenseiten des Kibbuzlebens besonders deutlich hervor. „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, hatte Marx in seiner Kritik am Gothaer Programm der Sozialdemokratie gefordert. In einer Gemeinschaft, die nach diesem Prinzip organisiert ist, scheinen jedoch nicht nur Brüderlichkeit und Solidarität, sondern auch Missgunst und Kleingeist zu gedeihen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn das zu verteilende Geld knapp wird. Kein Kibbuznik, der nicht früher oder später auf das Problem der „Parasitim“ zu sprechen käme: auf den Nachbarn, der immer erst am späten Vormittag bei seinem Alibijob in der Kibbuzwäscherei erscheint, oder auf die Frau, die Fleischbällchen vom Buffet klaut, anstatt Katzenfutter zu kaufen – und überhaupt auf alle, die, ohne einen adäquaten eigenen Beitrag zu leisten, den gleichen Lohn wie ihre hart arbeitenden Genossen beziehen. Ist es richtig, was viele enttäuschte Renegaten sagen, dass sich der Sozialismus nicht mit der Natur des Menschen verträgt?

Um unliebsame Bewohner unter Druck zu setzen, kennt die Kibbuzgesellschaft ein bevorzugtes Mittel: die Peer Pressure, den Ostrakismus, das informelle Scherbengericht. Der Ort, an dem dieses Ritual für gewöhnlich vollzogen wird, ist der kommunale Speisesaal, die Agora des Kibbuz’, auf der sich die Mitglieder den Blicken der anderen aussetzen, Ränke schmieden und ihren sozialen Status erfahren. Wem nicht bewusst war, dass er im Ruf steht, ein „Parasit“ zu sein – hier wird er es unmissverständlich zu spüren bekommen. Natürlich gibt es auch die Kibbuzversammlung, um unerwünschtes Verhalten zu sanktionieren. Doch im Speisesaal findet das auf einer alltäglichen Ebene statt.

Der Speisesaal des Kibbuz liegt an diesem Septembermorgen in trügerischer Ruhe da. Die frugale Atmosphäre erinnert an ein Landschulheim. Um ihren Kaffee warmzuhalten, haben ein paar Bewohner, die beim späten Frühstück zusammensitzen, ihre Tassen mit ihren Untertassen abgedeckt. Es riecht nach Bohnerwachs, Spülmittel und Kantinenessen. Von den Dramen, die sich hier im Lauf der Jahre abgespielt haben, keine Spur.

Gespaltener Ursprung

Es scheint zur Natur einer utopischen Erweckungsbewegung wie dem Linkszionismus zu gehören, sich über ideologischen Fragen zu entzweien. Beim Versuch, die verschiedenen Parteibildungen, Flügelkämpfe und Sezessionen auseinanderzuhalten, die sich seit der Gründung Deganias abgespielt haben, schwirrt einem bald der Kopf. Auf der einen Seite ist das ein Erbe der Zweiten Sozialistischen Internationale und ihren endlosen Theoriedebatten. Auf der anderen Seite verrät sich darin aber möglicherweise auch ein Zug des Judentums. Im Gegensatz zum hierarchischen Katholizismus hat es in den Jahrhunderten der Diaspora auch in dogmatischer Hinsicht einen dezentralen, disparaten Charakter ausgebildet. Um das zu illustrieren, erzählt Beni Goldman den Witz vom jüdischen Robinson, der, auf einer einsamen Insel gestrandet, zwei Synagogen baut. Die eine braucht er zum Beten. Die andere, damit er in sie garantiert niemals seinen Fuß setzen muss.

Die letzte große Spaltung hat die Kibbuzbewegung nach der Jahrtausendwende ereilt. Nur eine Handvoll Kibbuzim wirtschaftet seither noch im sozialistischen Modell. Die meisten von ihnen – darunter Ginegar, aber auch Degania – sahen sich dagegen zur Privatisierung gezwungen. Sie reagierten auf eine Krise, die vielerlei Ursachen hat: Misswirtschaft und rezessionsbedingte Schwierigkeiten im Absatz von Landwirtschafts- und Industrieprodukten spielten ebenso eine Rolle wie die Enttäuschung über den Verlust gesellschaftlicher Anerkennung und ein Nachlassen linker Überzeugungen, das sich bis in die 1980er-Jahre zurückverfolgen lässt. In seiner Bedeutung kaum zu überschätzen ist überdies das verspätete Vordringen der Konsumgesellschaft in Israel, in dessen Gefolge das karge Kommunenleben für eine jüngere Generation sukzessive an Attraktivität verlor.

Privatisierung bedeutet nicht, dass die Kibbuzniks heute in Eigenheimen leben würden. Zu Beni Goldmans Verdruss wird ihr Land ja nach wie vor vom Jüdischen Nationalfonds kontrolliert. Abgesehen von Konsumartikeln wie Essen oder Zahnpasta betrifft die wesentliche Veränderung eine Größe, die schon für Karl Marx das entscheidende Kriterium der politischen Ökonomie abgab.

Ist es richtig, was viele enttäuschte Renegaten sagen, dass sich der Sozialismus nicht mit der Natur des Menschen verträgt?


 

Die Rede ist, natürlich, von der Arbeitskraft. Zwar führen auch die Mitglieder privatisierter Kibbuzim weiterhin einen Teil ihres Gehalts an ihre Kommunen ab. Doch das, was sie ausbezahlt bekommen, entspricht dem, was sie – ob als Angestellte ihres Kibbuz’ oder auswärtig Beschäftigte – auch tatsächlich verdienen. Welches Angebot sie darüber hinaus in Anspruch nehmen können, zu welchen Konditionen etwa Wohnung, Kinder- und Altenbetreuung gewährt werden, das hängt ganz vom jeweiligen Kibbuz ab. Kibbuzim wie Ginegar, die kurz vor dem Bankrott unkontrolliert in die Privatisierung stolperten, können sich heute nur noch das Nötigste leisten; in Degania, wo die Transformation verhältnismäßig geordnet verlief, schmolzen die Sozialleistungen weniger drastisch ab. Doch wie immer die Kollektivwirtschaft im Einzelnen abgewickelt wurde: Das Leben im Kibbuz ähnelt heute der Existenz in einem – mehr oder weniger üppig ausgestatteten – sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat.

Vielstimmige Anerkennung

Den Sozialismus können sich dagegen nur noch die Reichen leisten. Das ist die Ironie, die am Ende einer 100-jährigen Geschichte steht. Die Einzigen, die sich in der Krise der Jahrtausendwende gegen die Privatisierung entschieden, waren Kibbuzim, denen es zu gut ging, um an die bestehenden Strukturen zu rühren. Wenn Beni Goldman sein üppiges Beratergehalt auch heute noch klaglos der Gemeinschaft überlässt – dann liegt das daran, dass der Technologiekonzern von Ein Harod ihm ein vergleichbar hohes Auskommen gewährt. In manchen Kibbuzim müssten die Mitglieder heute gar nicht mehr arbeiten: Ihre Hightechunternehmen werfen eine fürstliche Rendite für alle ab. Am Ende einer Reise durch Israels Kibbuzim bietet sich also folgendes ernüchterndes Bild: Der Großteil von ihnen hat sich dem Kapitalismus ergeben. Das Reich der Freiheit, das Marx mit dem Kommunismus identifizierte, lässt sich dagegen nur noch mit viel Geld realisieren.

Was hat das für die Zukunft zu bedeuten – für jene Zeitdimension, deren Antizipation die Kibbuzbewegung stets als ihr Kerngeschäft ansah? Die überzeugendste Antwort vermag auf diese Frage Asaf Baer zu geben, der der Verwaltung des Kibbuz Hazorea als Sekretär vorsteht. Zusammen mit seinem Vater Ilan sitzt er in dessen Vorgarten auf der Hollywoodschaukel und blickt zunächst auf die Geschichte seines Kibbuz’ zurück. Hazorea ist eine Gründung deutscher Juden, die in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten flohen. Asafs Großvater studierte bei Martin Heidegger in Freiburg Philosophie, bevor er sich den Werkleuten, einer von Martin Buber inspirierten jüdischen Splittergruppe aus dem Umfeld der deutschen Jugendbewegung anschloss, mit denen er kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933 nach Palästina ging. Der Geist der Jugendbewegung hat in Hazorea lange nachgewirkt. Noch in den 1960er-Jahren versammelten sich die Kinder zur obligatorischen Morgengymnastik, bevor es anschließend in die Schule ging.

Als Sekretär hat Baer in den vergangenen Jahren die Privatisierung von Hazorea begleitet, zu der man sich wegen des alarmierenden Mitgliederschwunds entschloss. Die akute Krise ist bis auf Weiteres abgewendet: Seitdem es möglich ist, hierher zu ziehen, ohne seinen vorherigen Lebensstandard aufgeben zu müssen, ist Hazorea neuerdings auch für junge Familien aus dem Ballungsraum Tel Aviv attraktiv. Für Baer manifestiert sich darin aber mehr als der pragmatische Wunsch, in einer Oase im Grünen mit garantierter Kinderbetreuung zu leben. Auch wenn sie ihren Reichtum nicht mehr untereinander vergesellschaften, realisieren die Bewohner des Kibbuz in seinen Augen immer noch eine Utopie. Als wäre es unvermeidlich, greift auch er zu deren Veranschaulichung auf den notorischen Speisesaal zurück. In Hazorea, einem Kibbuz mit hoher Akademikerquote, findet sich hier allabendlich eine gemischte Gesellschaft ein: Anwälte und Professorinnen, die an der Universität Haifa unterrichten, aber auch die Männer aus dem Kuhstall und die Arbeiterinnen aus der kibbuzeigenen Möbelfabrik. An keinem anderen Ort seines Landes – oder vielleicht sogar der westlichen Welt –, sagt Baer, wären sie in der Lage, „sich auf Augenhöhe zu begegnen“. Dabei geht es nicht mehr darum, dass sie sich alle drei Autos teilen, sondern um das Gefühl von Gleichwertigkeit oder besser: von wechselseitiger Anerkennung, das die Zugehörigkeit zur Kibbuzgemeinschaft bei ihnen allen zu erzeugen vermag.

Von Marx zu Hegel

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel stellte der Kampf um Anerkennung, nicht um Besitz, die entscheidende Triebkraft der menschlichen Geschichte dar. Erst auf der Grundlage allgemeiner, wechselseitiger Anerkennung, schrieb er in der „Phänomenologie des Geistes“, könne ein stabiles politisches Gemeinwesen entstehen. Ob Baer bewusst ist, dass er mit seiner flammenden Apologie soeben der philosophischen Rückkehr von Marx zu Hegel das Wort geredet hat? Der junge Kibbuzsekretär scheint sich selbst darüber zu wundern, welches Pathos sich bei seinen letzten Sätzen in seine Rede geschlichen hat. Sichtbar gerührt wischt sich sein Vater eine Träne aus den Augen. Auf dieser Hollywoodschaukel, die dringend geölt werden müsste, wird er plötzlich spürbar: der alte Geist der Utopie. •

* Name von der Redaktion geändert.

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2018