„Intensität ist der neue Besitz“

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Die Intensivierung der eigenen Erfahrung ist das eigentliche Lebensziel des modernen Menschen. Warum das so ist, erklärt der französische Philosoph Tristan Garcia anhand elektrischer Küsse und der paradoxen Struktur unseres Empfindens.

Das Gespräch führten Martin Legros, Adam Galou und Wolfram Eilenberger


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Tristan Garcia

ist Philosoph und Schriftsteller. In Deutschland wurde er durch den Essay „Das intensive Leben. Eine moderne Obsession“ (Suhrkamp, 2017) bekannt, in dem er das Konzept der Intensität als Lebensprinzip unserer Gesellschaft analysiert. Im August erscheint sein Roman „Faber. Der Zerstörer“ bei Wagenbach

Herr Garcia, Ihr neues Werk ist ein Plädoyer für das „intensive Leben“. Inwiefern unterscheidet sich das, was Sie das „intensive Leben“ nennen, von dem griechischen Konzept der pleonexia – also dem unstillbaren Verlangen nach mehr, dem Mehrwollen, insbesondere in Fragen des Besitzes?

Sofern es bei der pleonexia darum geht, immer mehr zu haben, geht es beim „intensiven Leben“ darum, mehr zu „sein“ – im Sinne eigener Erfahrungen. Es geht also weniger um Besitz als um Identität. Wie kann ich mich selbst als stärker, lebendiger, intensiver erfahren? Aus diesem Grund wird Intensität auch von all jenen als eine konsumierbare Ware wahrgenommen, die es einfach mal richtig „laufen“ und „krachen“ lassen wollen – wie bei Alkoholexzessen, Extremerfahrungen und besonderen Stimulationen. Aber es ist eben auch ein Begriff, der im Bereich der Selbstentwicklung und -verbesserung eine Rolle spielt. Und dieses Ideal wird gerade von entschiedenen Gegnern der Konsumgesellschaft geteilt. In diesem Fall ist Intensität dann geradezu ein Gegenbegriff zu Chrematistik im Sinne von Aristoteles – also dem Streben, immer mehr haben und besitzen zu wollen. Intensität ist ein Versprechen des Seins, nicht des Habens.

Wo liegen die historischen Wurzelns dieses Umschwungs zur Intensität?

Bis ins 18. Jahrhundert fragte man sich, wie das Denken innerhalb des Zeitlichen Zugang zu einer Form von Transzendenz oder Ewigkeit erlangen könne. Und dann war die westliche Gesellschaft nicht mehr imstande, das Versprechen auf ein Leben jenseits des Zeitlichen aufrechtzuerhalten. Wir sind in die Zeit getauchte lebendige Körper, wir empfinden Lust und Leid, wir lieben und erkennen. Und was die moderne Gesellschaft uns versprechen kann, ist kein Ausweg aus dieser Erfahrung, sondern eine Intensivierung unserer Vergnügen, unseres Liebens, unseres Wissens. Was wir erhoffen können, ist nicht etwas anderes, sondern mehr von demselben – durch sportliche Leistung, Glücksspiele, Alkohol, Sexualität oder die Fortschrittsidee. Das Intensitätsversprechen hat sich also angeschickt, das Ewigkeitsversprechen in den Schatten zu stellen. Denn die Ewigkeit ist ja gerade das Nichtintensive: das, was bleibt, die Bedingung für etwas Stabiles, Substanzielles und Identisches; während die Intensität das ist, was sich ändert, beschleunigt oder erhöht, was Differenzen hervorruft.

Das Intensitätsideal kommt zur gleichen Zeit auf wie die Nutzbarmachung der Elektrizität. Sie erwähnen hier die Erfahrung der „Elektrifzierten Venus“. Worum handelt es sich dabei?

Das ist ein Experiment, das in den 1740ern von dem Dichter und Physiker Georg Matthias Bose durchgeführt wurde. Es faszinierte das Publikum der Salons. Bose forderte einen jungen Mann auf, einer Frau, deren Lippen mit einer stromleitenden Flüssigkeit eingerieben wurden, während ihr Körper mit einer unter ihrem Kleid angebrachten elektrischen Leitung verbunden war, einen Kuss zu geben. In dem Augenblick, in dem ihre Lippen sich nahekamen, entlud sich ein Blitz – es funkte zwischen ihnen. Diese Szene stellt das Versprechen einer Verzauberung dar, für die die Elektrizität im Moment ihrer Domestizierung stand: ein jäh aufblitzendes Bild unseres nervösen – also elektrischen – Körpers und unseres Verlangens. Das beste Leben schien jenes, das den elektrischen Sinneseindruck intensivierte.

Worin besteht, pointiert gesagt, die Verbindung zwischen Kapitalismus und dem Drang nach mehr Intensität?

Das Ideal einer fortwährenden Produktivitätssteigerung ist einer der zentralen Akteure des Fortschritts – und Fortschritt bedeutet immer eine Intensivierung der Zeit. Claude Levi-Strauss unterschied Gesellschaften danach, ob sie „heiß“ oder „kalt“ sind. „Heiße Gesellschaften“ begrüßen Veränderung und soziale Ausdifferenzierung und nutzen ihre Geschichte als Motor der eigenen Entwicklung, „kalte Gesellschaften“ kämpfen um Stillstand, soziale Gleichheit und konzentrieren sich in ihrer Selbstbeschreibung auf Mythen. Der Spätkapitalismus hat „heiße Gesellschaften“ zum Brennen gebracht.

Widersetze dich, denkend, allem, was Intensität mindert, um darauf aufbauend die Intensität des Lebens zu erfassen


 

Hebt sich das fortwährende Streben nach immer mehr Intensität nicht notwendig selbst auf?

Alles dreht sich hier um das Paradox des Fühlens: Fortschritt und Intensität neutralisieren sich im Verlauf der Zeit nicht. Dinge können sich durchaus weiter verbessern und intensivieren. Aber wir alle werden es immer schwerer haben, das dann auch so zu erfahren und zu fühlen. Beschleunigung wird so zur neuen Verlangsamung. Und dann muss es also noch „schneller“ gehen. Warum? Das liegt an der inneren Logik der Routine, die letztlich auf der Struktur unserer Empfindsamkeit beruht. Routine und Abstumpfung waren von Anfang an der Hauptfeind aller Lebensintensivierer: der Freigeister, Libertins, Dichter …

Es gibt ein berühmtes Zitat von Henry David Thoreau: „Die Masse der Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung.“ Liegt das, Ihrem Verständnis nach, daran, dass diese Individuen zu viel oder zu wenig von ihrem Leben wollen?

Auch Mittelmäßigkeit lässt sich intensivieren. Die großen Schriftsteller, von Flaubert zu Tschechow, von Raymond Carver zu Alice Munro, haben die grauen Zonen der engen Alltäglichkeit besonders genau unter die Lupe genommen. Und zwar, um erfahrbar zu machen, dass noch das mutmaßlich unscheinbarste Ereignis unserer Existenz genauso interessant und kraftvoll sein kann wie die epischen Gesten von gekrönten Häuptern. Diese Intensivierung des Alltäglichen durch künstlerische Darstellungen – Romane, Gemälde, Fotografien – heißt nichts anderes, als das Ideal der Intensität zu demokratisieren: von der Avantgarde der Libertins und Dandys zu den Freigeistern der westlichen Bourgeoisie bis hinab in die Mittelschicht.

Kann man eine Intensität „einfangen“?

Ich glaube, dass der maximale Intensitätsmoment, der uns gegeben ist, die Gegenwart ist. Da wir nun ein Gedächtnis haben, sind wir in der Lage, die Vergangenheit festzuhalten und neu zu ordnen. Der proustsche Augenblick der Erinnerung ist eine Gegenwart, die einem Augenblick in der Vergangenheit eine stärkere Intensität gibt. Das ganze Problem des intensiven Lebens liegt in dem Umstand, dass wir als lebendige Organismen imstande sind, die Gegenwart als maximale Intensität zu empfinden, während das Denken und das Gedächtnis sich ihr widersetzen. Man muss dahin gelangen, die maximale Intensität der Gegenwart aufrechtzuerhalten, ohne die Vergangenheit zu verlieren.

Hilft das Denken dabei, die Gegenwart zu intensivieren?

Meiner Meinung nach verschafft uns das Denken Zugang zum rechten Maß der Dinge, zu etwas, was „weder mehr noch weniger“ ist, sondern gleich. So, wie der Bau eines Staudamms es erlaubt, die Wassermassen eines Flusses aufzuhalten, so erlaubt es dieses „weder mehr noch weniger“, jenen Intensitäten, die uns unablässig überfluten, einen Widerstand entgegenzusetzen und sie durch die Zeit hindurch zu ertragen. Um das Gefühl der Intensität zu bewahren, muss man in der Lage sein, es auszuhalten; um es auszuhalten, muss man ihm widerstehen können; und um ihm widerstehen zu können, muss man noch etwas anderes zur Verfügung haben. Das Denken liefert diesen Widerstand.

Wenn es einen kategorischen Imperativ für ein Leben im Zeichen der Intensität gäbe, wie hätte er zu lauten:

Widersetze dich, denkend, allem, was Intensität mindert, um darauf aufbauend die Intensität des Lebens zu erfassen. Sieh Intensität niemals als ein Absolutes an! •

Aus dem Französischen von Till Bardoux

Dieser Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 5 / 17