Im Anfang ist das Staunen

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Was macht große Ideen aus? Sicherlich nicht die Größe derer, die sie haben. Das zeigt sich etwa im österreichischen Vorarlberg, wo wir eine Gesprächsrunde mit 14 kleinen Philosophen besucht haben. Hier wird deutlich, was das kindliche Denken so besonders macht: eine Mischung aus wahrhaftigem Staunen, blitzartiger Erkenntnis und dem Fehlen von Selbstverständlichkeiten

Von Dominik Erhard


Dominik Erhard

studierte Germanistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und stieß im August diesen Jahres als Redakteur zum Team des Philosophie Magazins. Seine Schwerpunkte sind Strukturalismus und philosophische Einflüsse in literarischen Werken.

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Durch die Fenster des Kindergartens im österreichischen Lustenau dringt die Morgensonne und breitet sich über die hellen Flure aus. Die warmen, mit ungehobeltem Holz verkleideten Räume bieten ebenso zum zum Spielen wie zum Denken ausreichend Platz. Letzteres kommt hier tatsächlich nicht zu kurz: 14 Schülerinnen und Schüler im Alter von acht und neun Jahren finden sich in dem würfelförmigen, erst vor vier Jahren errichteten Neubau ein, um unter der behutsamen Leitung der Kinderphilosophin Maria Rüdisser zusammen die großen Fragen zu diskutieren.

Die Gemeinde Lustenau, die das Philosophieren mit Kindern vor zwei Jahren einführte, gehört damit zu den Leuchttürmen einer Entwicklung, die sich derzeit über den gesamten deutschsprachigen Raum erstreckt. Denn seit einiger Zeit wird das Philosophieren mit Kindern immer stärker in pädagogische Projekte und Schulworkshops eingebunden. Und das scheint nur folgerichtig: Bereits viele große Denker der vergangenen Jahrhunderte beschrieben den kindlichen, kulturell unverstellten Blick als etwas derart Produktives, dass es sich auch für Erwachsene lohne, diesen ab und an wieder einzunehmen. So definierten Aristoteles und Platon das Staunen, Descartes den Zweifel und Jaspers das Betroffensein als Grundpfeiler der Philosophie. Tagtäglich würden gerade Kinder diese Erregungszustände in besonderer Intensität erleben, weshalb sie „oft eine Genialität“ besitzen, „die im Erwachsenenalter verloren geht“, wie Karl Jaspers in seiner „Einführung in die Philosophie“ bemerkt.

Folgt man dieser Einsicht, scheinen Kinder also buchstäblich fürs Philosophieren gemacht. Wobei es da freilich auch manches zu beachten gibt. Fordert man das Denken der Kinder, das bisweilen zwischen ohnmächtigem Zweifel und blitzartiger Erkenntnis pendelt, nämlich allzu übermütig heraus, kann das Gespräch leicht aus dem Runder laufen. Um für Struktur zu sorgen, greift Maria Rüdisser im Austausch mit den Kindern deshalb auf die Technik des Gründers der hawaiianischen Schule des Kinderphilosophierens Thomas E. Jackson zurück. Diese basiert auf zwei einfachen Regeln. Erstens: „Es darf niemand ausgelacht werden, was auch immer sie oder er äußert.“ Und zweitens: „Jeder hat das Recht darauf, dass ihm zugehört wird.“ Außerdem wird den Kindern ein Werkzeugkasten voller logischer Hilfsmittel an die Hand gegeben, der ihnen hilft, sich am Gespräch zu beteiligen, und dabei gleichzeitig auch, dessen Struktur nachzuvollziehen. Dafür werden sieben Symbolkarten mit unterschiedlichen Bedeutungen eingeführt. „Was meinst du mit …?“ ist beispielsweise eine solche Karte, die immer dann in die Höhe schnellt, wenn eine Aussage noch nicht ganz klar formuliert wurde. Auch können die Kinder durch die Tafeln ein Beispiel fordern oder anzeigen, wenn jemand die logische Verbindung „Wenn …, dann …“ benutzt. Ebenso dürfen sie ein Gegenbeispiel in die Diskussion einbringen.

Neben den inhaltlichen Werkzeugen gibt es zudem Abkürzungen, welche die Diskussion ordnen sollen. Hat beispielsweise jemand das Gefühl, dass sich das Gespräch zu weit vom eigentlichen Gegenstand entfernt, nutzt man den Einwurf „WISCHA“, um zu sagen, dass „wir abschweifen“. Oder es wird „NÄFI“ gerufen, „nächste Frage, bitte“, wenn man zur Ansicht gelangt, das aktuelle Thema für den Moment ausreichend beackert zu haben. Beim Philosophieren mit Kindern sei es nach Jackson besonders wichtig, so erklärt Maria Rüdisser, dass sich die Kinder ernst genommen fühlen. Dazu gehöre auch, dass sie die diskutierten Fragen selbst bestimmen dürfen. „Würden hier wieder Erwachsene eingreifen und bestimmen, was eine wichtige Frage ist, wäre die Freiheit der Kinder nur eine Scheinfreiheit und kein Gespräch unter Gleichen.“
So schreibt vor der Diskussion jedes der Kinder seine Frage auf ein Stück Papier. Darunter: „Warum gibt es die Welt?“ oder „Was wäre, wenn wir hören könnten, was andere Menschen denken?“ Die Frage, die schließlich per demokratischem Abstimmungsverfahren zur Diskussion ausgewählt wird, lautet an diesem Tag jedoch: „Warum sind wir alle ein bisschen anders?“ Die Diskussion kann also beginnen. Und durch den spontanen Einfallsreichtum, den Witz und den erstaunlichen Tiefgang des Gesprächs wird schnell klar, warum der kindlich-unverstellte Blick bisweilen zum Wesenskern des Philosophierens führt. Auch und gerade für die erwachsenen Zuhörer.

Was heißt denn eigentlich „gleich“? Reden wir nur davon, warum wir alle ein bisschen anders aussehen oder warum wir auch alle anders sind, weil wir nicht die gleichen Sachen denken?


 

Johanna (9 Jahre): Ich glaube, dass wir alle ein bisschen verschieden sind, weil wir eine Mischung aus unserer Mama und unserem Papa sind und die ja auch alle ein bisschen anders aussehen.

Eva (8): Aber warum sind dann Geschwister anders? Die haben ja die gleichen Eltern.

Johanna: Na ja, wenn Eltern Kinder bekommen, sind sie ja nie gleich alt. Und weil sie zu bestimmten Zeiten anders aussehen, sehen auch die Kinder anders aus.

Sara (8): Aber wie ist es denn dann zum Beispiel mit Zwillingen? Die sehen gleich aus. Sind die dann auch gleich?

Nadica (8): Nein, weil sie nicht die gleichen Dinge wollen und ja auch andere Gedanken und Freunde haben. Einer kann nach der Schule zum Beispiel in den Messepark und der andere in den Lindaupark wollen. Man darf nicht glauben, dass Menschen gleich sind, nur weil sie gleich aussehen.

Sara: Ich kenne zwei Zwillinge, die so gleich aussehen, dass ich sie nur an den Socken auseinanderhalten kann. Wenn man aber mit ihnen redet, sind sie ganz anders.

Max (8): Nicht mal Zwillinge sind genau gleich. Ich hatte einen Zwillingsbruder, der genau so aussah wie ich. Der ist aber leider sehr früh gestorben, also müssen wir doch irgendwie unterschiedlich gewesen sein.

Jenny (9): Was heißt denn eigentlich „gleich“? Reden wir nur davon, warum wir alle ein bisschen anders aussehen oder warum wir auch alle anders sind, weil wir nicht die gleichen Sachen denken?

Maria (36): Eine wichtige Frage, danke!

Raphael (8): Auch wenn wir alle gleich aussehen würden, wären wir ja trotzdem verschieden, weil wir uns alle für etwas Bestimmtes entscheiden können. Wenn ich mir jetzt die Schuhe ausziehen will, kann ich das machen.

Levin (9): Davor müsstest du aber eigentlich fragen.

Raphael: Aber ich kann sie ja auch einfach ausziehen, wenn es mir nicht erlaubt wird. Dann bekomme ich vielleicht danach Ärger, aber eigentlich kann mich niemand davon abhalten. Was ich will, kann ich machen und mich frei entscheiden.

Leonie (8): Wir sind also alle ein bisschen anders, weil wir uns zu Sachen frei und selber entscheiden können, oder?

Lenja (8): Ja, und wir sind auch alle ein bisschen anders, weil wir nur so voneinander lernen können. Wenn alle das Gleiche wissen, dann kann einem niemand was Neues beibringen. Wenn wir alle zur gleichen Zeit gleich wären, dann wären wir ja auch alle mal Babys und keiner könnte dem anderen das Sprechen beibringen.

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Johanna: Aber man ist ja nicht mal selbst immer mit sich gleich.

Eva: Stimmt, man verändert sich ja auch, wenn man größer wird.

Maria: Seid ihr noch die Gleichen, wenn ihr größer werdet?

Max: Ja, weil der Name ist ja noch gleich.

Mia (8): Nicht immer. Wenn jemand heiratet, dann ist der Nachname anders.

Maria: Stimmt, so war das bei mir auch und das ist am Anfang auch ganz komisch. Aber Lenja, sag mal, bist du noch so wie letzte Woche?

Lenja: Ja, wie letzte Woche schon. Da ist ja nicht so viel passiert. Aber wenn ein Jahr vergeht, dann verändert man sich bestimmt.

Johanna: Ja, die Haare wachsen.

Levin: Es ist ja auch gut, dass wir alle ein bisschen anders sind. Wenn das nicht so wäre und alle wie wir hier philosophieren würden, würde keiner Häuser bauen, obwohl ja auch jemand Häuser bauen muss. Es ist also auch wichtig, dass verschiedene Menschen verschiedene Sachen machen.

Maria: Und besonders beim Philosophieren ist es entscheidend, dass wir nicht alle gleich sind. Dann könnten wir doch auch gar nicht philosophieren, oder?

Said (8): Nein, das ginge nicht, weil wenn mir die Sara dann irgendwas sagen will, dann wüsste ich das ja schon, weil wir ja alles gleich wissen. Dann müsste man gar nicht mehr miteinander reden. Dann wäre es immer und überall still. Das wäre nicht gut.

Maria: Und langweilig.
Said: Ja, sehr langweilig.

Max: Auch würden alle das Gleiche kaufen und es müsste für alles nur noch ein Unternehmen geben. Alle brauchen ja nur noch eine Hose, einen Kühlschrank, ein Essen.

Lenja: Außer man ist lactoseintolerant und kann keinen Käse essen.

Leonie: Ich hasse Käse.

Raphaiel: Aber dann wären wir doch alle intolerant!

Levin: Lactoseintolerant!

Raphael: Sage ich doch.

Levin: „Lactoseintolerant“ ist aber was anderes als „intolerant“.

Mia: Käse ohne Lactose, gibt es das überhaupt?
Sara: Wenn wir alle keinen Käse mehr essen könnten, was machen dann die ganzen Kühe?
Leonie: Mein chinesisches Sternzeichen ist Kuh!

Nadica: WISCHA.

Maria: Ja, danke Nadica! Kinder, wir schweifen ab. Lactosefreier Käse und Sternzeichen waren nicht unser Thema.

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Mia: Ich wollte noch sagen, auch wenn es nicht gut wäre, wenn wir alle genau gleich wären, ist es schon gut, dass wir uns alle ein bisschen ähnlich sind. Man muss ja nur mal überlegen. Wir können uns ja auch nur unterhalten, weil wir alle die gleichen Worte verstehen und wir können nur leben, weil wir alle Luft atmen. Wenn der eine „Milch“ sagt und das für den anderen „Stuhl“ heißt, dann wäre alles sehr chaotisch.

Leonie: Schon wieder Milch.
Sara: Wir hatten doch so was in der Schule. Da gab es doch so eine Geschichte in Religion, oder? Mia: Weiß ich nicht mehr.

Eva: Was ja aber schon gut wäre: wenn wir alle das gleiche Verständnis von dem hätten, was gut ist.

Max: Wie meinst du, „was gut ist“?

Eva: Was gerecht ist eben. Der eine findet es unfair, dass der andere viel Geld hat und für ihn ist es aber normal. Wenn alle Menschen die gleichen Sachen fair fänden, dann gäbe es auch keinen Streit.

Raphael: Und keine Kriege.

Jenny: Ja, stimmt, das wäre gut.

Adriana (8): Aber schon wichtig wäre, dass jeder andere Sachen fühlt. Wenn nämlich alle gleichzeitig traurig wären, gäbe es niemanden, der trösten könnte und so würden alle immer traurig bleiben. Außerdem ist es auch nicht schlecht, dass uns alle verschiedene Sachen glücklich machen. Manche mögen eben Fußball und andere Pferde.

Raphael: Auch, dass uns andere Dinge wütend machen, ist gut. Weil wenn bei einem Fußballspiel alle auf einmal wütend wären und foulen würden, gäbe es ganz schön viele Rote Karten.

Max: Ja, dann würde der Schiri irgendwann alleine auf dem Platz stehen.

Raphael: Ja, stell dir das mal vor.

Maria: Aber Kinder, sagt mal: Ginge das denn überhaupt, dass wir alle gleich wären, oder ist es schon gut, dass wir alle ein bisschen unterschiedlich sind?

Max: Nein, das würde nicht gehen, weil wir ja dann auch alle gleich gesund oder gleich krank wären. Wenn also einer einen Herzstillstand oder Krebs hätte, dann würde die ganze Welt sterben. Auf einen Schlag wäre dann keiner mehr da.

Levin: Nee! Dass wir alle gleich wären, geht nicht, weil es ja auch gar keine berühmten Menschen mehr geben könnte. Warum sollte denn jemand berühmt sein, wenn er genau wie alle anderen ist? Wir wären also entweder alle berühmt oder halt keiner. Und wenn alle berühmt wären, dann wäre das ja auch wieder nichts Besonderes mehr und wir alle wären eben doch wieder nur normal.

Sara: Stimmt, dann gäbe es ja auch Justin Bieber gar nicht.

Anna (9): Es ist schon gut, dass wir alle ein bisschen anders sind.

Wir können uns ja auch nur unterhalten, weil wir alle die gleichen Worte verstehen. Wenn der eine „Milch“ sagt und das für den anderen „Stuhl“ heißt, dann wäre alles sehr chaotisch


 

Langsam verhallt der Gong der Klangschalle, den Maria Rüdisser am Ende der Gesprächsrunde ertönen lässt. Er markiert die Grenze zwischen konzentriertem Denken und dem, was mindestens genauso wichtig ist: Kipferln und das anschließende Toben im Freien. Was von der insgesamt fast zweistündigen Diskussion übrig bleibt, ist zunächst vor allem eins: Staunen. Zum einen darüber, dass für die Debatte zwischen den Kindern kein übergeordneter Gesprächsführer, kein dominanter Moderator, kein Sokrates nötig war, um eine ganze Reihe von genuin philosophischen Momenten zu erzeugen. Sei es etwa die Frage, ob wir mit uns selbst identisch sein können, oder jene, wie überhaupt Verstehen ermöglicht wird. Zum anderen bleibt aber auch ein Staunen über die eminente Neugier der Kinder, den Dingen auf den Grund zu gehen, sie buchstäblich nicht als selbstverständlich zu nehmen, jeden Gedanken auf den Prüfstand zu stellen. Das heißt nicht, dass man den kindlichen Blick idyllisch verklären oder Kinder gar zu vermeintlich besseren Erwachsenen erheben müsste. Sehrwohl aber, dass sich Erwachsene von der erstaunlichen Selbstregulierung und dem frei flottierenden Denken der Kinder bisweilen etwas abgucken dürfen. •

Besonderer Dank gilt den Kindern für ihre Mitarbeit, Maria Rüdisser für die Leitung der Gesprächsrunde sowie dem Bürgermeister der Gemeinde Lustenau Kurt Fischer für die Organisation zahlreicher Veranstaltungen wie dieser rund um die Räumlichkeiten des W*ORT, in denen sich Kinder und Erwachsene auf Augenhöhe begegnen können.

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2018