Identisch bleiben?


Das Editorial der aktuellen Ausgabe von unserem Chefredakteur, Wolfram Eilenberger.

Bild: Trevor Good

„Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“ Soweit ich mich erinnere, trat dieser philosophische Lehrsatz zu Beginn der 1980er-Jahre in Form eines Aufklebers in mein Leben. Er war damals einem von mir hochgeschätzten Keksprodukt namens Hanuta als zusätzlicher Kaufanreiz beigelegt. Hellauf begeistert von seiner flotten Weisheit, klebte ich mir den Spruch auf die Schulbank, von wo aus er mir jeden Tag wieder aufs Neue zu denken gab. Ich will frei bekennen, ihn bis heute für im Kern richtig zu halten. Wie auch nicht? Schließlich ergibt sich seine Wahrheit sozusagen zwingend, sofern man sich nur klarmacht, dass eine notwendige Bedingung für Offenheiten jeder Art – Toleranz, Transparenz, Grenzen, Integration, Märkte – eine gewisse Festigkeit und Konsistenz des jeweils Eigenen ist. Wer das nicht versteht, versteht auch die Bedeutung des Wortes Offenheit nicht, ist also begrifflich tief verwirrt – mithin „nicht ganz dicht“. Nur ein System, das selbst eine gewisse innere Festigkeit und Form aufweist, kann sich überhaupt produktiv offen für andere zeigen. Eigentlich eine Binsenweisheit.

Gerade über die letzten 18 Monate war in den terrorverängstigten Gesellschaften des Westens zu beobachten, wie sich diese Grundeinsicht immer stärker zu einer populistischen Doktrin verengte, die auf folgender Mutmaßung fußt: Unsere offenen Gesellschaften haben es in den letzten zwei, drei Jahrzehnten mit ihrer Offenheit für sogenannte andere – seien es nun Homosexuelle, Migranten, Muslime oder auch nur Frauen – in einer Weise übertrieben, die wiederum selbst bestands-, ja womöglich sogar vernunftgefährdend ist. Wovon anders wäre der rechtslastige Backlash getrieben, den wir derzeit in fast allen Ländern des Westens erleben, als von der Angst, die Grundlagen des Systems seien durch ein Zuviel an eigener Offenheit in ihrem Fortbestand gefährdet? In ihrer verheerendsten und politisch aktuellsten Form wird dabei die Psychose befeuert, die jeweils eigene, insbesondere kulturell-nationale Festigkeit sei fortan nur um den Preis eines konsequenten Ausschlusses anderer zu wahren.

Nur wer offen ist, kann dicht bleiben!


 

Dabei lässt sich recht genau angeben, welchen Zustand das Ideal einer Eigenabschottung eigentlich ersehnt. Und zwar den Tod. Der totale Selbstabschluss ist aus systemtheoretischer Sicht – wie sie etwa Niklas Luhmann zu Beginn der 1980er-Jahre ausarbeitete – ebenso zerstörerisch wie die totale Offenheit. Denn der Tod eines Systems ist aus dieser Sicht nichts anderes als das Erreichen eben jenes Zustands, in dem es keinen dynamisierenden Austausch zwischen innen und außen, Eigenem und anderem mehr gibt. Der wahre Preis für die maximale Konsistenz und Selbstgleichheit eines Systems, sprich – seiner Identität – ist damit die Aufgabe der eigenen Lebendigkeit. Und dies gilt tatsächlich für alle komplexen Systeme: Personen, Gesellschaften, Kulturen, Sprachen, Märkte. Mit anderen Worten: Nur wer offen ist, kann dicht bleiben!

Dieser Spruch ist nun gewiss keine flott erfassbare Binsenweisheit. Höchst unwahrscheinlich auch, dass ihm die Keksriegellieferanten unserer freien Welt jemals ein besonders großes Vermarktungspotenzial beimessen werden. Dafür aber wäre er, gerade heute, ein eigentlich gesellschaftsrettender Gedanke, über dessen konkret lebenspraktischen Sinn es jeden Tag neu nachzudenken gilt.

Weitere Beiträge aus dem Dossier: Harald Welzer über Identitätspolitik als Krankheit oder Kur, und ein Lösungsansatz der Identitätsfrage in Anlehnung an Charles Taylor

Lesen Sie mehr in Ausgabe Nr. 2/2017!

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