Hygge – der dänische Weg zum Glück?

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Alle Menschen streben nach Glück. Und ganz offenbar haben die Dänen einen besonders vielversprechenden Weg zu diesem Ziel gefunden: „Hygge“. Denn dahinter verbirgt sich weit mehr als ein Wellnesshype. Auf den Spuren einer Nationalphilosophie, die von der Romantik bis ins Zentrum heutiger Sehnsüchte führt.

Von Nils Markwardt



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Nils Markwardt

ist leitender Redakteur des Philosophie Magazins. Veröffentlichungen u. a. „New Deal, bitte! Reden über die Flüchtlingskrise“ (Hanser, 2016)

Hygge, sagt die Verkäuferin im Illums Bolighus, Kopenhagens traditionsreichem Tempel für Inneneinrichtung, das habe für sie mit einer heißen Tasse Kakao, kuscheligen Decken und einem guten Buch zu tun. Und Kerzen natürlich, Kerzen seien wichtig. Sie hätten sogar eine im Sortiment, die „Hygge“ heißt. Eben diese, so verrät die Verpackung, verkörpere nicht nur die „dänische DNA“, sondern ebenso die „skandinavische Kunst, Innigkeit, Gemeinschaft und Gemütlichkeit in die kleinsten Momente des Alltags“ zu bringen. Spätestens an der Kasse ist es jedoch vorbei mit der Gemütlichkeit. Das Stück Wachs, das den Duft von Tee, Erdbeerkuchen und wilder Minze zu verströmen verspricht, kostet nämlich 280 Kronen. Rund 40 Euro.

Aber vielleicht ist das ja der Preis fürs Glück? Denn genau das verspricht Hygge. Zumindest wenn man jenem Hype glaubt, der seit Monaten die USA und Großbritannien erfasst hat. Ratgeber wie „Hygge. The Danish Art of Happiness“, „How to Hygge. The Secrets of Nordic Living“ oder „The Book of Hygge. The Danish Art of Well Living“ bevölkern dort die Buchläden, in Los Angeles gibt es eine Hyggebäckerei und am Londoner Morley College konnte man sogar einen Hyggekurs belegen. Mittlerweile ist das Phänomen auch in Deutschland angekommen, wo Bücher wie Meik Wikings „Hygge. Ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“ zu Bestsellern avancieren.

Dabei ist gar nicht so leicht zu sagen, was Hygge eigentlich ist. Und das beginnt schon beim Wort. Dieses stammt ursprünglich wohl aus dem Norwegischen und leitet sich von „hug“ ab, was „Umarmung“ bedeutet. Die deutsche „Gemütlichkeit“ kommt dem Begriff zwar nahe, 
ist aber insofern irreführend, als dass „Hygge“ ein viel weiteres Bedeutungsfeld besitzt. Das sieht man bereits daran, dass es ebenfalls als Verb „hyggen“ und als Adjektiv „hyggelig“ existiert. Zum anderen ist es auch in Form von Komposita tief in die dänische Alltagskultur eingelassen: etwa in Hyggebukser, einer bequemen Lieblingshose; in Hyggesnak, einer angenehmen Unterhaltung, oder in Hyggeonkel, jemandem, der gern mit Kindern spielt und ihnen alles durchgehen lässt.

Was also ist Hygge? Meik Wiking, CEO des Kopenhagener Instituts für Glücksforschung, schreibt in seinem Buch, dass die Definitionen von „Kunst der Innigkeit“, „Gemütlichkeit der Seele“ bis zu „Kakao bei Kerzenschein“ reichen. Wobei sich Hygge, so Wiking, dabei immer „eher um Atmosphäre und Erleben als um Dinge“ drehe. Blättert man durch die zahlreichen Hyggeratgeber, ist dort tatsächlich viel über Stimmungen und Strickjacken zu lesen, über Kerzen, Kuchen, Kaffee und Kakao. Gleichzeitig wirken die Bücher aber auch wie dänische Designbibeln. Von Arne-Jacobsen-Stühlen und Hans-Wegner-Sesseln über Kaare-Klint-Couchen bis zum weichen Licht der Lampen Poul Henningsens findet sich hier alles, was das innenarchitektonische Herz begehrt. Hygge, so könnte man meinen, ist demnach vor allem auch eine Frage des guten und damit teuren Geschmacks.


Der frühe dänische Nationalismus wollte nicht aggressiv sein, sondern hyggelig


 
Romantische Geborgenheit

Die gängigen Hyggeratgeber werfen damit mehr Fragen als Antworten auf: Geht es hier nun um eine Art nordische Achtsamkeit oder um eine bloße Skandinavisierung der Wellnessideologie? Kann man Hygge als Glücksphilosophie verstehen, oder handelt es sich lediglich um einen künstlichen Marketinghype? Ist es etwas spezifisch Dänisches oder vielmehr eine Haltung, die jeder kultivieren kann?

Zunächst kann man festhalten: Glücklich sind die Dänen tatsächlich. Bei entsprechenden Erhebungen landen sie zuverlässig auf dem ersten Platz. Statistisch brennen sie Kerzen ab, als gäbe es kein Morgen. Und läuft man durch Kopenhagen, findet man fürwahr viele Schokoladengeschäfte. Will man jedoch genauer herausfinden, was Hygge ist, wo es herkommt und vor allem, warum es für viele gerade zum Sehnsuchtsgefühl wird, muss man tief in die dänische Kulturgeschichte eintauchen. Genauer: Man muss sich mit Nikolai Frederik Severin Grundtvig beschäftigen. Einem Denker, den außerhalb Dänemarks zwar nur wenige kennen, der das Land jedoch prägte wie kaum ein zweiter.

Ohne Übertreibung kann man Grundtvig als Universalgelehrten bezeichnen. Der 1783 in Udby geborene Sohn eines Pfarrers war Theologe, Historiker, Dichter, Bildungsreformer, Politiker und Philosoph. Dabei blieb er zunächst lange ein Außenseiter mit wechselnden Positionen. Erst mit 55 bekam er jene Pfarrstelle in Vartov, der backsteinernen Kirche gegenüber dem Kopenhagener Rathaus, die er bis zu seinem Tod behalten sollte. In dieser Phase avancierte er jedoch zum Volkshelden. Bei seiner Beerdigung am 11. September 1873 säumten Abertausende die Straßen, mehr Menschen hatten im 19. Jahrhundert selbst die Königsbegräbnisse nicht gesehen.

Grundtvig war ein manischer Schreiber, der in seinem Leben über 150 Bücher verfasste, und ein ebenso manischer Leser. Letzteres zeigt sich in Vartov, wo sich heute nicht nur das Grundtvig-Zentrum befindet, sondern auch dessen Privatbibliothek untergebracht ist. „Wenn er nachts über den Büchern einzuschlafen drohte“, erzählt Anders Holm, Theologe und Grundtvig-Experte, „bat er seine Frau um einen Bottich kaltes Wasser, in den er dann seine Füße stellte.“

Sein rastloses Wirken fiel dabei in eine Zeit des kulturellen Wandels und der politischen Umbrüche. Einerseits kam in Dänemark die Aufklärung zur vollen Entfaltung. Nach der bürgerlichen Revolution, in der Grundtvig eine führende Rolle spielte, unterzeichnete König Frederik VII. 1849 das Grundgesetz, das den Grundstein der dänischen Demokratie legte. Gleichzeitig schwappten die Ideen der deutschen Romantik über die Grenzen und prägten zwischen 1800 und 1850, dem sogenannten Goldenen Zeitalter, Politik, Philosophie und Kunst.

Maler wie Christoffer Wilhelm Eckersberg orientierten sich an Caspar David Friedrich, der von 1794 bis 1798 in Kopenhagen studiert hatte. Hans Christian Andersen, der Meister des Kunstmärchens, kannte deutsche Romantiker wie Adelbert von Chamisso sogar persönlich.

Doch 1864 folgte für Dänemark ein nationales Trauma. Im deutsch-dänischen Krieg verlor das Land die Herzogtümer Schleswig und Holstein und damit 40 Prozent seiner Bevölkerung. Diese drei Momente – die Einflüsse der Aufklärung, der Romantik sowie die Eindampfung zum Kleinstaat – muss man im Hinterkopf haben, um die Ideen Grundtvigs und damit letztlich auch das Konzept der Hygge zu verstehen.

Zum einen predigte Grundtvig die Werte des Humanismus, was sich nicht nur daran zeigte, dass er für die Demokratie kämpfte und sich für einen überaus liberalen Protestantismus einsetzte, der seinem Leitspruch „Menneske først – kristen så“ (Erst Mensch – dann Christ) folgte, sondern auch darin, dass er als Gründervater der „folkehøjskole“ gilt. Die Volkshochschule, die keine Prüfungen und Noten kennt, ist mit ihren landesweit über 90 Dependancen bis heute eine zentrale Institution Dänemarks. Als freiwillige Ergänzung zum offiziellen Schulsystem repräsentiert sie eine emphatische Bildungsidee, die Menschen auf Basis flacher Hierarchien zur Selbstentfaltung anleiten soll.

Doch sosehr Grundtvig die freiheitliche Entwicklung des Individuums propagierte, kreiste sein Denken gleichzeitig auch immer um den Wert der Gemeinschaft. Nicht zuletzt, weil er stark von Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte beeinflusst war, jenen beiden deutschen Denkern, die Anfang des 19. Jahrhunderts das philosophische Rüstzeug für den europaweit aufkeimenden Nationalismus geliefert hatten. So ging Grundtvig nicht nur von Herders Sprachphilosophie aus, nach der sich die spezifischen Eigenarten eines Volkes besonders in ihrer Nationalliteratur offenbarten, sondern orientierte sich mit seinem Lied „Die Muttersprache“, das 1838 in einer dänischen Schulschrift erschien, an Fichtes berühmten „Reden an die deutsche Nation“. Diese hatte der deutsche Philosoph ein Jahr nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Kopenhagen veröffentlicht, wo er im Sommer 1807 als politischer Flüchtling Schutz fand.


Hygge, ein Gefühl in Zahlen


• Dänemark belegte den ersten Platz beim UN-Glücksreport 2016, 2013 und 2012, beim OECD- Better-Life-Index 2015, beim European Social Survey 2014 und 2012

• Dänemark ist das sozial ausgeglichenste Land Europas: durchschnittlich verdient ein Müllmann 34 400 Kronen (ca. 4500 Euro), ein Anwalt 54 700 Kronen (ca. 7200 Euro) pro Monat

• Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 6 Prozent

• 8,2 Kilogramm Süßigkeiten verzehren Dänen pro Kopf im Jahr, europäischer Durchschnitt ist 4,1 Kilogramm

• Eine Umfrage unter ausländischen Fachkräften ergab, dass nur 26 Prozent von ihnen sich in Dänemark willkommen fühlen, 42 Prozent hingegen nicht

• Im Jahr 2016 nahm Dänemark 1600 Asylbewerber auf, im Jahr 2015 sind es noch 21 000 gewesen

• 28 Prozent der Dänen zünden täglich Kerzen an

• Mit jährlich 6 Kilogramm pro Kopf verbrauchen Dänen europaweit am meisten Kerzenwachs

 

Volklich, nicht völkisch!

Aus diesen Einflüssen entwickelte Grundtvig nun sein „volkliches“ Denken. Dieses darf man jedoch keinesfalls mit dem völkischen Denken verwechseln, das, inspiriert von Herder und Fichte, im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland aufkeimen sollte und in letzter Konsequenz in der Naziideologie kulminierte. Denn im Gegensatz zur aggressiv-essenzialistischen Rezeptionslinie der beiden deutschen Philosophen forderte Grundtvig eine Form des national-romantischen Bewusstseins, das vor allem eins sein sollte: hyggelig. Zwar finden sich auch bei Grundtvig viele Versatzstücke des damaligen Nationalismus, etwa die Besinnung auf nationale Mythen, die Kultivierung einer populären Folkloristik und nicht zuletzt die Idee, dass die Dänen ein auserwähltes Volk seien.

Doch ist nach Grundtvig jedes Volk auserwählt, nur kämen jedem unterschiedliche Aufgaben zu. Die Dänen seien dabei „das Herzensvölkchen des lieben Gottes“, das beweisen solle, wie Liebe und Sanftmut sie zur Einheit schweißen. So heißt es denn in Grundtvigs Gedicht „Volklichkeit“ auch: „Volklich ist in unserem Lande / eines noch aus Herzensgrund: / Volklich ist das Lied der Liebe, / dänisch echt zu jeder Stund; / nicht im Feld und nicht im Tinge / Frau’n und Kinder zähln geringe; / Wie sich alles auch erweist / Dänisch immer Liebe heißt.“

„Die Forderung, seine eigene Geschichte zu kennen, die eigene Sprache zu sprechen und Lieder zu singen, hatte bei Grundtvig nichts Bösartiges und Expansionistisches“, sagt auch Theologe Anders Holm. „Es ging darum, die Welt zu kennen, deren Teil man ist.
Und zwar mit dem Ziel, dass Menschen an der politischen Entwicklung teilnehmen können, dass sie eine Stimme haben.“ Mehr noch: Grundtvig verlieh diesem Hyggepatriotismus sogar eine theologische Dimension. Besonders deutlich wird das in einem seiner bekannten Kirchenlieder, in dem es heißt: „Hyggelig, rolig, Gud, er din bolig.“ Das bedeutet so viel wie: Hyggelig und ruhig ist Gottes Haus. „Grundtvigs Gedanke besteht darin“, erklärt Anders Holm, „dass die ideale Hygge in der himmlischen Ewigkeit besteht, dass sich in Gottes Reich die wahre Hygge findet. Und im weltlichen Leben sollten wir zumindest versuchen, diese nachzuahmen.“

Grundtvigs Volklichkeit dreht sich mit anderen Worten um die Herstellung von Resonanz. Diese, so definiert es der Soziologe Hartmut Rosa in seinem gleichnamigen Buch, meint eine soziale Beziehungsqualität, die sich durch das Mitschwingen auszeichnet. Wie beim Anschlagen einer Stimmgabel, erzeugt Resonanz eine Form der Selbstwirksamkeit durch den Widerhall beim anderen.

Denn auch wenn Hygge in Ratgebern oft als kerzenbeschienene Zurückgezogenheit inszeniert wird, ist sie vor allem ein soziales Phänomen. „Bei Hygge geht es sehr viel um Familie und deshalb auch um Kinder. Kinder mögen es zu hyggen, sie erwarten es gewissermaßen sogar von ihren Eltern“, sagt Tine Damsholt, Professorin für Ethnologie an der Universität Kopenhagen. „Wenn man hyggt, ist man selten still. Im Gegenteil: Hygge ist etwas Soziales. Man unterhält sich, oft spielt man, macht Witze und lacht.“ Gerade weil Hygge eng mit Familie und Freunden verbunden ist, lässt sie sich nicht einfach als Wellnessideologie importieren. „Hygge ist etwas, das passiert, eine Atmosphäre, eine Stimmung“, sagt Damsholt. „Wir hyggen gerne, können es aber nicht erzwingen. Hygge funktioniert nicht als Aufforderung.“ Es ist also nichts, das man herstellt, sondern etwas, das sich einstellt. „Man benötigt implizites Wissen“, erklärt die Ethnologin. „Um Hygge zu erkennen, braucht man viel kulturelles Kapital.“

Und es kommt noch etwas dazu. „In Dänemark macht man mit Freunden natürlich oft die gleichen Dinge wie in Deutschland: Man sitzt zusammen, redet, macht es sich nett“, sagt Stefanie Hernot. Die gebürtige Heidelbergerin lebt seit 17 Jahren in Kopenhagen. „Doch der Unterschied in Dänemark ist, dass man sich das hier permanent bewusst macht. Alle Viertelstunde sagt man: ,Ach, wie hyggelig.‘ Und hat man einen schönen Abend verbracht, ist es auch dänische Tradition, sich noch mal per Mail oder Facebook zu bedanken und zu betonen, wie hyggelig es war. Das zieht sich manchmal über zwei Tage.“

Doch gerade für jemanden, der nicht in Dänemark aufgewachsen ist, zeigt sich mitunter auch schnell die Kehrseite der Hygge. „Man kommt nicht so schnell mit den Menschen in Kontakt, es ist eine relativ geschlossene Gesellschaft“, sagt Hernot. Und auch Ethnologin Damsholt bemerkt: „Hygge ist das Gegenteil von Konflikt. Das führt aber auch dazu, dass man schnell als Störer der Hygge gelten kann, wen man anfängt, über Politik, Religion oder andere potenziell kontroverse Themen zu reden. Man hyggt nicht, um andere bewusst auszuschließen. Aber es kann der Effekt davon sein.“ Dass die dänische Kultur des Cocooning also auch immer eine exkludierende Dimension hat, zeigt sich ebenso in politischer Hinsicht. So verfügt das Land etwa über eine restriktive Einwanderungspolitik. Und obwohl es eine der ethnisch homogensten und sozial ausgeglichensten Nationen Europas ist, sitzt die rechtspopulistische Dansk Folkeparti als zweitstärkste Kraft im Parlament.


Kierkegaard verband die Hygge mit engen Räumen – die er zum Explodieren bringen wollte


 
Heimliches, Unheimliches

Eine dunkle, beklemmende, ja geradezu unheimliche Kehrseite der Hygge ist ebenfalls ein bestimmendes Moment der dänischen Kultur – und zwar in Form des Nordic Noir: von den düster-katastrophischen Filmen Thomas Vinterbergs und Lars von Triers bis zu den bluttriefenden Krimis Jussi Adler-Olsens und Steffen Jacobsens geht es oft um reinste Antihygge, um die Inszenierung des Ausbruchs menschlicher Abgründe. Und auch in philosophischer Hinsicht ist das Land von einem ausgesprochenen Antihyggianer geprägt. Gemeint ist jener Zeitgenosse Grundtvigs, dessen Wirken zwar weit weniger Einfluss auf die dänische Politik und Erziehung hatte, dafür aber umso mehr auf die Entwicklung der modernen Philosophie: Søren Kierkegaard.

Denn die Philosophie Kierkegaards, die als Vorläufer des Existenzialismus gilt und Denker wie Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre nachhaltig prägte, ist eine des Abenteuers und der Abgründe. „Kierkegaard war so etwas wie der Thomas Bernhard der Hygge. Er hasste es“, sagt der Kulturwissenschaftler und Kierkegaard-Kenner Isak Winkel Holm. „Er gab deshalb vielleicht auch eine der besten Definitionen der Hygge. Er nannte sie „denne nedspændte Eftergivenhed“, eine „niedergespannte Nachgiebigkeit“. Für Kierkegaard
war Hygge gewissermaßen die Abwesenheit von Leidenschaft, die Abwesenheit von Revolution.“

Denn Kierkegaard, der mit dem 30 Jahre älteren Grundtvig ab und an zwar diskutierend durch Kopenhagen spazierte, diesem aber vor allem in Ablehnung verbunden war, denkt die menschliche Existenz nicht von der Gemeinschaft her, sondern im Gegenteil, von der Verdammung des Einzelnen zur Freiheit. Wie in seinem gleichnamigen Hauptwerk, stehe der Mensch immer vor einem „Entweder – Oder“. Das Leben ist für Kierkegaard nämlich kein Strom oder Kontinuum, sondern führe stets wieder zur Frage, ob man jenen Sprung ins Nichts wage, der alles verändert. „Kierkegaard verbindet die Hygge deshalb stets mit engen Räumen“, sagt Isak Winkel Holm. „Und er wollte diese Räume gewissermaßen zum Explodieren bringen, sie für das Risiko öffnen.“

Phantomschmerz der Moderne

Fragt man nun, woher der aktuelle Hyggehype kommt, mag es vielleicht daran liegen, dass allzu viele Menschen heute das Gefühl haben, dass ihnen das Risiko frei Haus geliefert wird, weshalb sie sich nach dem Gegenteil, der überschaubaren Heimeligkeit sehnen. Denn es ist womöglich kein Zufall, dass der Hyggehype zuvorderst die USA und Großbritannien erfasste. Zwei Länder also, in denen durch ihre jahrzehntelange Neoliberalisierung vieles von dem, was mit Hygge in Verbindung steht – Vertrauen, Sicherheit und Wohlfahrtsstart –, zunehmend erodiert ist. Die Popularität von Hygge wäre demnach das Symptom eines Phantomschmerzes, eine Projektion der eigenen Verluste.

Womöglich lässt sich im Hype um Hygge aber auch eine Art metaphysisches Bedürfnis erkennen: Besteht das Grundproblem der Moderne nicht darin, dass Menschen sich in einer dauerbeschleunigten Welt als ausgesetzt und bindungslos erfahren? Gerade heute, wo vermeintliche Gewissheiten nicht nur durch den Brexit und Donald Trump aus den Angeln gehoben werden, steht Hygge damit für das seelenhygienische Angebot, sich in dieser Welt buchstäblich doch irgendwie einrichten zu können. Und auch wenn sich Hygge eben nicht einfach als dänische Glücksphilosophie exportieren lässt, weil sie eine vielschichtige kulturelle Praxis ist, die auf implizitem Wissen und alltäglicher Einübung beruht: Warum sollte man sich nicht die eine oder andere Kerze mehr anzünden? Ist der Versuch, ein bisschen mehr Resonanz zu erzeugen, selbst wenn diese als skandinavische Wellness verpackt wird, nicht eine gleichermaßen plausible wie produktive Reaktion auf die zunehmend unwirtlich werdenden Weltverhältnisse?

Gewiss. Vor allem dann, wenn man sich gleichzeitig die illusorische Dimension des Hyggeversprechens klar vor Augen führt. So wie es der dänische Dichter Hans Christian Andersen in seinem Märchen von dem „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ tat. Als niemand deren Schwefelhölzer kaufen will, zündet sie eins nach dem anderen an und träumt sich im Schein des Feuers für kurze Momente in eine hyggelige Welt des Wohlbefindens. Doch nachdem das letzte Licht erloschen ist, trägt die Kälte der Nacht sie davon – als mahnende Parabel für alle, die glauben, sich in einer globalisierten Welt in die eigene Volklichkeit retten zu können. Und von diesen Menschen scheint es derzeit ja immer mehr zu geben. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2017