German Angst

Bild: © CC-by 2.0 Andreas Lehner

Dr. Freud und Mr. Heidegger − die beiden Gesichter der deutschen Angst

Deutsche gelten als überängstlich und extrem gewissenhaft, im Alltag genauso wie in der Politik. Erkenntnisse des Meinungsforschungsinstituts Allensbach bestätigen dieses Bild. Was macht Angst als deutsches Gefühl aus?

Von Svenja Flaßpöhler

Abschalten. Sofort! Nach der Katastrophe in Fukushima packt die Deutschen, als einzige Nation weltweit, die Angst. Hunderttausende gingen auf die Straße, die Wende in der deutschen Atompolitik war besiegelt. Deutsche Kernkraftgegner selbst begreifen ihre Reaktion naturgemäß als rational: Atomanlagen gefährden ganze Völker, das Leben auf diesem Planeten schlechthin. Doch es gibt auch eine andere mögliche Deutung der deutschen Atomangst. Die Katastrophe im 9000 Kilometer entfernten Fukushima wurde schließlich durch ein Naturereignis ausgelöst, das im mitteleuropäischen Raum gerade nicht erwartbar ist. So gesehen wäre die Angst vor der Kernschmelze eher ein Ausdruck allgemeiner Ängstlichkeit, einer, wie Sigmund Freud sagt, „frei flottierenden Angst“: „Personen, die von dieser Art Angst geplagt werden, sehen von allen Möglichkeiten immer die schrecklichste voraus, deuten jeden Zufall als Anzeige eines Unheils, nützen jede Unsicherheit im schlimmen Sinne aus.“

Ein Volk von Hysterikern?

Freuds Darstellung neurotischer „Erwartungsangst“ beschreibt exakt jenen oft behaupteten Wesenszug der Deutschen, der im angelsächsischen Sprachraum seit den achtziger Jahren – den Jahren des Waldsterbens und der bundesweiten Demonstrationen gegen die Nachrüstung von Pershing-II-Raketen – mit dem Begriff german Angst bezeichnet wird. Deutsche, so die Wahrnehmung im Ausland, sind überängstlich, pessimistisch, zaudernd und stehen damit nicht nur dem Weltfrieden, sondern auch sich selbst im Wege. Die Zurückhaltung in der Außenpolitik, namentlich bei Kriegseinsätzen, ist mit dem Terminus german Angst genauso gemeint wie die tiefe Skepsis gegenüber bioethischen Vorstößen (z. B. in Debatten um Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik etc.) oder die Ablehnung technischer Innovationen: Die 2010 geführte Diskussion über Google Street View etwa – Deutschland ist das einzige Land, in dem die Erweiterung dieses Dienstes eingestellt wurde – mutete auch manch deutschem Beobachter als hysterisch an.

In der Regel werden Ängste wie diese mit Blick auf die deutsche Geschichte erklärt. Dass Deutschland keine Soldaten ins Ausland schicken, keine Euthanasie und keine Überwachung befürworten will, scheint sich mit Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen von selbst zu verstehen. Doch steht diese Interpretation der Annahme einer deutschen Ängstlichkeit, die immer gleich das Schlimmste befürchtet, keineswegs entgegen. Dräut tatsächlich automatisch eine Wiederholung der Geschichte, sobald Deutschland sich verhält wie andere Länder auch? Das hierzulande so beliebte Dammbruchargument etwa, dem zufolge eine gesetzlich legitimierte Suizidassistenz sogleich das nationalsozialistische Paradigma unwerten Lebens reaktiviere, wird von vielen Bioethikern als irrational zurückgewiesen: Das Argument beruhe lediglich auf einer Befürchtung, keineswegs aber auf begründbarer Kausalität. Neigen die Deutschen also tatsächlich zu übertriebener Erwartungsangst – gar Hysterie?

Was wäre, wenn das Unheimliche, dem der Ruf des Gewissens entspringt, in Wahrheit nicht das Unvertraute, sondern gerade umgekehrt das Vertraute, Heimliche bezeichnet?


 

Psychoanalytisch gesehen tritt hysterische Angst als Resultat nicht verarbeiteter, verdrängter seelischer Vorgänge auf: Enorme Schuld- und Schamgefühle haben einen normalen psychischen Ablauf verhindert, sodass an deren Stelle die hysterische Angstreaktion tritt. Angewandt auf die hysterischen Ängste des Nachkriegsdeutschlands bedeutete dies: Gefürchtet wird in Wahrheit weder ein Reaktorunglück noch der Börsencrash; vielmehr ist die allgemeine Ängstlichkeit der Deutschen die Spätfolge des sechsmillionenfachen Mordes, der, als Verdrängtes, das Unbewusste einer ganzen Nation prägt. Dass die german Angst einen neurotischen Zug an sich hat, legen auch andere, weit hinter den Zweiten Weltkrieg zurückreichende Hinweise nahe. Wer wollte bestreiten, dass die Deutschen nicht nur (umwelt-)politisch, sondern auch im Alltag eine ungewöhnliche Gewissenhaftigkeit an den Tag legen. Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ordnung sind typisch deutsche Tugenden, die mitunter regelrecht zwanghaft anmuten. So stehen Deutsche in dem durchaus berechtigten Ruf, auffällig nervös zu werden, sobald die kleinste Verzögerung eintritt, Dinge nicht exakt nach Plan verlaufen oder sich den immer gleichen Ritualen bürokratischer Einordnung entziehen. Warum sind Deutsche so kritisch, ja hart gegen sich selbst? Verfügen sie über eine ungewöhnlich strenge Gewissensinstanz, deren Strafe gefürchtet wird? Kommen wir der german Angst möglicherweise auf die Spur, wenn wir sie als Gewissensangst begreifen?

Der Ruf des Gewissens

Nicht zuletzt mit Blick auf Martin Luther und das protestantische Prinzip der Selbstverantwortung besitzt diese Deutung durchaus Plausibilität: Die pflichtbewussten Deutschen werden beherrscht von einem gnadenlosen Über-Ich, das unaufhörlich Verbote errichtet, Gehorsamkeit fordert und Schuldgefühle erzeugt. Daher auch die deutsche Genussfeindlichkeit, die sich in penibler Gesundheitsvorsorge und rigider Arbeitsethik sowie der berühmt-berüchtigten Prüderie der Deutschen äußert. Man erkenne leicht, schreibt Freud, dass „sexuelle Einschränkung mit einer gewissen Ängstlichkeit und Bedenklichkeit Hand in Hand geht, während Unerschrockenheit und kecker Wagemut ein freies Gewährenlassen der sexuellen Bedürftigkeit mit sich bringen“.

Dass der Zusammenhang von Angst und Gewissen allerdings keineswegs in einem pathologisierenden Sinne verstanden werden muss, zeigt der Blick in die deutsche Philosophiegeschichte. Für Martin Heidegger – selbst ein bekennender Asket, der die Einsamkeit seiner Berghütte schätzte – erscheinen die „Grundbefindlichkeit der Angst“ und das „Gewissen als Ruf der Sorge“ gar als leuchtende Möglichkeit der Selbstfindung.

Heidegger zufolge ist Angst, im Gegensatz zu Furcht, wesenhaft unbestimmt. Der sich Ängstigende weiß nicht, wovor er sich ängstigt; er spürt nur, dass es „beengt und einem den Atem verschlägt“. Die Angst (lat. angustus: Enge, Bedrängnis) richtet sich auf nichts; doch dieses Nichts ist für Heidegger kein totales Nichts, sondern die eigene, vom Tod umfangene Existenz: „das In-der-Welt-sein selbst“. Die Grundbefindlichkeit der Angst lässt den Menschen seine „Geworfenheit“ in die Welt spüren. Anklänge an die deutsche Romantik sind hier unverkennbar. So wie Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ in der erhabenen Weite seine eigene Nichtigkeit erblickt, stellt die Angst den Menschen vor die ultimative philosophische Frage: Was ist der Grund meines Daseins?

 

Das Dasein als Sorge

Die Angst ist nach Heidegger, im doppelten Sinn des Wortes, eine Existenzangst: Indem der Mensch sich mit dem eigenen Tod konfrontiert sieht, „sorgt“ er sich um sein Dasein. Anstatt sich in der „durchschnittlich entdeckten Mitwelt“, dem sogenannten „man“, zu verlieren, wird der sich Ängstigende im Angesicht des Todes er selbst. Wäre das von Angst gefüllte Gewissen der Deutschen also weniger begrenzende Strafinstanz als vielmehr eine rettende innere Stimme? Der „Ruf des Gewissens“ holt den Menschen aus dem behaglichen, trauten Heim des „man“ und stellt ihn in das „Un-heimliche“, das „Un-zuhause“ des Nichts, in dem „die Eigentlichkeit des Seins als Möglichkeit“ erstrahlt.

Vor dem Hintergrund der Heidegger’schen Philosophie erscheint die german Angst keineswegs als Hasenfüßigkeit, sondern als existenzielle Tiefe: Anstatt der vertrauten „alltäglichen Öffentlichkeit“ – der Europäischen Union, der Nato, des globalisierten Marktes – zu „verfallen“, ergreift das grundängstliche Deutschland „die Freiheit des Sich-selbst-wählens“, das heißt des Nein-Sagens, der Zurückhaltung, der Vorsicht. Während „man“ sich anderswo dem Laissez-faire und der Verschwendung von Rohstoffen hingibt, beschränken sich die Deutschen „im Vorlaufen auf den Tod“ auf das Wesentliche: Sie „entschließen“ sich, da ihnen die Vergänglichkeit stets gegenwärtig ist, zu ihrer „eigensten, ausgezeichneten Möglichkeit“ der Effizienz und der Nachhaltigkeit.

Unheimliche Heimat

So beruhigend und versöhnlich diese Interpretation der german Angst klingt, hat sie doch eine Kehrseite: Eigentlichkeit ist selbst Ausdruck einer Enge, die sich abschirmt gegen alles Fremde, Uneigentliche. In Heideggers nationalsozialistischer Phase hat sich die gefährliche Engstirnigkeit einer fixen, ungebrochenen, erdverbundenen Identität eindrücklich gezeigt; und auch der fast schon auffällig harmlosen deutschen Liebe zu Holzlaufrädern und Holzmöbeln, zu Homöopathie und Anthroposophie wohnt eine Naturja: Verwurzelungssehnsucht inne, die bisweilen – um Heideggers eigenen Ausdruck zu gebrauchen – unheimlich anmutet.

Ist dem Autor von „Sein und Zeit“ eine wesentliche Dimension des Unheimlichen entgangen? Was wäre, wenn das Unheimliche, dem der Ruf des Gewissens entspringt, in Wahrheit nicht das Unvertraute, sondern gerade umgekehrt das Vertraute, Heimliche bezeichnet? Heimlich bedeutet, so die Gebrüder Grimm in ihrem Wörterbuch, „der erkenntnis entzogen, unbewuzt“. Entsprechend stellt auch Freud fest, dass das Wort heimlich sowohl dem Vorstellungskreis „des Vertrauten, Behaglichen“ wie auch dem „des Versteckten, Verborgengehaltenen“ zugehört. So betrachtet kämen die Deutschen mit ihrer german Angst nicht einfach durch eine Beschäftigung mit dem Nichts zu sich selbst, sondern gerade durch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Abgründen. Das Unheimliche wäre nicht das Unbekannte, sondern das Eigene, das Heimische: die deutsche Heimat.

Dieser Beitrag wurde in Ausgabe Nr. 4 / 2012 veröffentlicht.

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