Für eine neue Ökonomie der Lust

Unter dem Hashtag metoo teilen Frauen ihre Erfahrungen mit männlicher Macht der Öffentlichkeit mit. Der Kern des gesellschaftlichen Sexismus aber bleibt unberührt.

Von Svenja Flaßpöhler


Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2018

Bild: Johanna Ruebel

Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des Philosophie Magazins

Die Diskussionen um #metoo reißen nicht ab. Während Kritiker beklagen, dass Männer pauschal an den Pranger gestellt werden, wirft die andere Seite das Argument in die Waagschale, der Hashtag mache (auch wenn es Kollateralschäden gebe) eine tief verankerte Struktur sichtbar: nämlich eine Abwertung des Weiblichen, die bis in die feinsten Verästelungen des Gesellschaftlichen hinein noch heute zu spüren ist: in der Erziehung, der Werbung, im Büro, an den Gehältern, im Leben einer jeden einzelnen Frau.

Unbezweifelbar wohnt der Bewegung ein emanzipatorischer Wille und auch Effekt inne. So ist vollkommen unstrittig, dass Männern wie Harvey Weinstein, der Frauen über Jahrzehnte hinweg zum Sex genötigt haben soll, dank #metoo Einhalt geboten werden kann. Und doch: Der wahre Kern struktureller Misogynie wird auch in dieser Kampagne nicht berührt. Ja, er wird durch #metoo in gewisser Hinsicht sogar gefestigt. Gemeint ist eine Diskurs- und Begehrenslogik, die das Weibliche nicht als eigene potente Größe, sondern als wesenhaft bezogen aufs Männliche begreift. So ist für #metoo kennzeichnend, dass Frauen libidinös gesehen eine rein passive Rolle einnehmen; zielt die Kampagne – wie im Übrigen auch das „Nein heißt nein“-Gesetz, das 2016 verabschiedet wurde – doch letztlich auf Strategien ab, wie mit männlicher Lust umzugehen, wie sie zu bekämpfen, die Frau effektiv vor ihr zu schützen sei. Auffällig leer jedoch bleibt in diesen Bestrebungen die Position des Weiblichen selbst; nichts, rein gar nichts erfahren wir über das Begehren der Frau.

Damit soll selbstredend nicht gesagt werden, dass Frauen, die handfester Gewalt ausgesetzt sind, doch bitte mal selbst sexuell aktiv werden sollen. Gefordert ist vielmehr ein Wandel jener althergebrachten Begehrensökonomie, die besagt: Im Zentrum des Geschlechterverhältnisses steht der allmächtige Phallus, um den sich die Welt dreht; ein dominantes Begehren, auf das Frauen im Grunde nur reagieren können. „Natürlich“ sind es die Männer, die den ersten Schritt wagen und Frauen mit Blicken penetrieren. Eine Frau, die sich diese Rolle anmaßt, kennt die abendländische Kultur nur als nymphomanische Perversion.

Tatsächlich scheint es, als erschöpfte sich das Verhältnis von Mann und Frau auch im 21. Jahrhundert noch darin, sich im Kern gegenseitig abzuwehren


 

Diese Reduktion der (normalen) Frau auf die passive Rolle ist das Resultat einer wirkmächtigen kulturhistorischen Erzählung, die sich exemplarisch in der Psychoanalyse zeigt. So hat Sigmund Freud der Frau keine eigene Libido zugesprochen und ihr stattdessen einen Penisneid attestiert. Den Grund hierfür sieht Freud in einem anatomischen weiblichen Mangel, dem fehlenden männlichen Glied. Die Frau ist für den Mann eine wandelnde Kastrationsdrohung – weshalb sie, um von ihm begehrt zu werden, das bedrohliche Nichts durch fetischisierte Schönheit zu verhüllen hat. In den Schriften des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, der Freud geistig beerbte, kulminiert diese Logik in dem Satz: „So paradox diese Formulierung sein mag, wir behaupten, dass die Frau (…) einen wesentlichen Teil der Weiblichkeit, namentlich all ihre Attribute, in die Maskerade zurückbannt. Ausgerechnet um dessentwillen, was sie nicht ist, meint sie, begehrt und zugleich geliebt zu werden.“ Noch zugespitzter: „LA femme n’existe pas.“ „DIE Frau existiert nicht.“

Tatsächlich scheint es, als erschöpfte sich das Verhältnis von Mann und Frau auch im 21. Jahrhundert noch darin, sich im Kern gegenseitig abzuwehren: Die Frauen halten sich die Männer durch Gesetze und Hashtags vom Hals. Die Männer wiederum wehren die Frau als Frau ab, indem sie ihre Lust wahlweise pathologisieren oder „in die Maskerade zurückbannen“. Es wäre an der Zeit, dass an die Stelle dieser tieftraurigen Verteidigung des Eigenen ein wechselseitiges Erkennen, eine absolute Hinwendung zum anderen träte. Zwei verschiedene, potente Geschlechter, die sich in der Fülle und nicht im Mangel begegnen: Um wie viel reicher wäre eine Kultur, der eine Gleichberechtigung auch im Sexuellen gelänge. •

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