Freiheit der Furcht

Eine von Teenagern organisierte und durchgeführte Demonstration für strengere Waffengesetze. Washington DC (USA)
Bild: © CC-by 2.0 Lorie Saul

An einer High School in Florida tötete ein 19-Jähriger 17 Menschen – ein strengeres Waffengesetz ist nicht in Sicht. Höchste Zeit, dass die Amerikaner ihr Verständnis des Liberalismus überwinden

Von Dominik Erhard



Bild: SRF

Dominik Erhard ist Redakteur des Philosophie Magazins

Es war bereits die 18. Schießerei an einer US-amerikanischen Schule in diesem Jahr, die sich am 14. Februar 2018 in Parkland ereignete, wobei ein 19-Jähriger mit einer halbautomatischen Waffe 17 Menschen tötete. Da in den USA somit statistisch gesehen seit Jahreswechsel alle 60 Stunden ein Schuss an ei­ner Schule fiel, verwundert es nicht, dass vielerorts von Furcht die Rede ist. Die Furcht der Eltern, die eigenen Kinder in die Schule zu schicken, wie auch die Furcht der Schüler selbst, auch nur einen Fuß in öffentliche Bildungseinrichtungen zu setzen.

Dennoch ist eine ernsthafte Verschärfung der Waffengesetze in den USA nicht abzusehen. Ganz im Gegenteil. Nur wenige Tage nach dem Amoklauf in Parkland (ab drei Todesopfern bezeichnet man eine „Schießerei“ als „Amoklauf“) ging Präsident Trump Fragen nach strengeren Regelungen aus dem Weg und forderte stattdessen eine Bewaffnung von Lehrkräften, damit sich diese im Falle eines Angriffs effektiv zur Wehr setzen könnten. Mehr Sicherheit durch Feuerkraft. Nicht weniger, sondern mehr Waffen also. Diese Auffassung, die für das deutsche Empfinden an schieren Wahnsinn grenzt, ist für das Selbstverständnis der US-amerikanischen Kultur konstitutiv.

Um Amerika zu verstehen, muss man das spezifische Verhältnis des Landes zu seinen zugestandenen wie seinen verweigerten Rechten begreifen; so schreibt die in Riga geborene Philosophin Judith Shklar in dem 2017 posthum erschienenen Essayband „Der Liberalismus der Rechte“. Diese Rechte nämlich hätten durch die amerikanische Geschichte den Status von Gütern erhalten, wodurch jede potenzielle Einschränkung mit realen Empfindungen von Verlust einherginge. Shklar führt aus, wie sich diese Entwicklung anhand historischer Ereignisse konkret vollzog, und beschreibt die Kolonialisierung Amerikas als Startpunkt dieser Dynamik. Waren es doch die amerikanischen Siedler, die ihr Naturrecht auf Leben, Freiheit und Eigentum durch die britische Macht bedroht sahen und deren Aufbegehren 1776 zur Unabhängigkeitserklärung führte.

Waffenbesitz wird auch heute noch als Verteidigung gegen den Staat gerechtfertigt, obwohl bewaffnete Bürger längst selbst eine reale Gefahr darstellen


 

Dass das Recht, Waffen zu tragen, auch heute noch tief in eben dieser Gründungserzählung wurzelt, zeigt nicht zuletzt eine Äußerung des Republikaners Richard Corcoran. Ein junger Mann fragte den Sprecher des Abgeordnetenhauses, der sich nach der Tragödie in Parkland einigen Schülern in Florida stellte, warum er als 18-jähriger noch immer in einen Laden gehen und eine Kriegswaffe kaufen könne. „Man darf nie vergessen“, entgegnete Corcoran, „dass die schrecklichsten Gräuel der Menschheitsgeschichte von Regierungen verübt wurden.“

Hier zeigt sich überdeutlich das Erbe der amerikanischen Geschichte. Auch noch nach 250 Jahren wird das Recht auf Waffenbesitz als Verteidigung gegen den Staat gerechtfertigt, obwohl längst die bis an die Zähne bewaffneten Bürger selbst eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen. Shklar, die als jüdischstämmige Lettin in den 1930er-Jahren aus Deutschland floh und selbst die Erfahrung der Tyrannei machte, kritisierte den Liberalismus der Rechte und sprach sich stattdessen für einen „Liberalismus der Furcht“ aus. Jeder Staat müsse seinen Bürgern ein Leben „frei von psychologischer wie körperlicher Furcht“ gewährleisten. Mit ihrer Forderung nach strikteren Waffengesetzen machen sich die derzeitigen Schülerproteste ganz im Sinne Shklars für solch eine neue „Ordnung auf der Vermeidung von Furcht und Grausamkeit“ stark. Jedoch mit dem kleinen, aber bedeutenden Unterschied, dass sie als Ursache der Furcht nicht mehr den Staat im Sinn haben, sondern ihresgleichen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2018