„Es gibt keine wahre Religion“

Eine Moschee und eine Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft
Bild: © CC-by-SA 3.0 Valdete Hasani


Ägypten ist die eigentliche Wiege der europäischen Kultur, monotheistische Religionen neigen zur Gewalt, der Holocaust wird die Religion der Zukunft. Der Ägyptologe Jan Assmann gehört zu den führenden und thesenstärksten Kulturtheoretikern unserer Zeit. Ein Gespräch mit einem Mann, dessen Gedächtnis mehr als 6000 Jahre in die Vergangenheit reicht

Das Gespräch führten Wolfram Eilenberger und Svenja Flaßpöhler


Bild: © CC-by-SA 2.0 Rama

Jan Assmann
in sechs Daten

• 1938
Geburt in Langelsheim

• 1965
Promotion in Ägyptologie, Gräzistik und klassischer Archäologie

• 1976-2003
Lehrstuhl für Ägyptologie an der Universität Heidelberg, seit

• 1978
Leiter eines Forschungsprojekts in Luxor

• 1998
Deutscher Historikerpreis

• seit 2005
Honorarprofessur für allgemeine Kulturwissenschaft und Religionstheorie an der Universität Konstanz

Ein Sommertag in Berlin. Jan Assmann, eigentlich in Konstanz ansässig, ist in diesen Tagen zu Besuch bei seinem Sohn in Kreuzberg. Der Anlass: Assmanns 75. Geburtstag. Geboren im Jahr 1938, erlebte der Ägyptologe den Zweiten Weltkrieg als Kind. Das Schweigen angesichts der Schoah prägte ihn als Jugendlichen tief, seine Theorie des Gedächtnisses findet hier ihre frühesten Wurzeln. Und doch hat Assmann sich im Laufe seines akademischen Lebens immer stärker einem ganz anderen Thema zugewandt: Ägypten – ein Land, das aktuell kurz vor einem Bürgerkrieg steht und auf eine jahrtausendealte Geschichte zurückblickt, die uns Europäer mehr geprägt hat, als wir denken. Assmann erscheint im Türrahmen, weiße Haare, Fliege, strahlend blaue Augen – eine Klarheit des Blicks, die den Willen zur Thesenschärfe, gar politischen Provokation verrät.

Herr Assmann, Sie haben als Ägyptologe eine der einflussreichsten Kulturtheorien unserer Zeit entwickelt, die Theorie des „kulturellen Gedächtnisses“. Können Sie sich noch erinnern, worin für Sie anfangs die spezifische Faszination lag?

Die Theorie des kulturellen Gedächtnisses habe ich zusammen mit meiner Frau, Aleida Assmann, entwickelt. Aber was die Ägyptologie betritt, bin ich da eher hineingestolpert. Ich belegte an der Uni einen Kurs über Hieroglyphen und dann, nun, dann hat es mich einfach nicht mehr losgelassen. Das Feld war noch weitgehend unerschlossen, ganz im Gegensatz zu Latein und Griechisch, wo jeder Text und jeder Stein schon 100-mal umgedreht worden waren. In der Ägyptologie gab es noch vieles ganz neu zu entdecken, sie war wie gescha en für den stürmischen Hochmut eines 18-Jährigen. Außerdem war die Auseinandersetzung mit den Hieroglyphen nicht zu trennen von der Grabund Tempelkultur, der Wirtschaftsgeschichte, religiösen und auch rechtlichen Aspekten. Der Stoff war also von Anfang an spürbar auf die Gesamtheit einer Kultur angelegt.

So etwas wie ausgearbeitete Kulturtheorien, ganz zu schweigen von dem die Geisteswissenschaften heute dominierenden Begriff der Kulturwissenschaft, gab es damals aber noch nicht.

Große Kulturtheorien – beispielsweise Oswald Spengler – waren zwar damals in Mode, aber Kulturwissenschaft, also die Verbindung mit konkreten Sprachen und Kulturen, gab es nicht. Entscheidend war für mich gewiss das Jahr 1960/1961, als ich in Paris studierte. Dort bin ich zu einem in der Wolle gefärbten Strukturalisten geworden. Roman Jakobson, Claude Lévi-Strauss, das waren unsere Hausgötter.

Wie lautet die Grundfrage, auf die Ihre Theorie des kulturellen Gedächtnisses eine Antwort geben will?

Was hält Gesellschaften über die Generationenfolge zusammen? Es ist die Frage, wie sich Gesellschaften erinnern, und vor allem, wie Gesellschaften, indem sie sich erinnern, ein Bild davon entwerfen, wer sie sind und sein wollen. Gedächtnis denkt man ja zunächst als rein innerpsychisches Phänomen, lokalisiert im Hirn eines Individuums. Gedächtnis hat aber auch eine Außenseite, etwa in Form von Texten, Bildern, Riten, Bauten und so weiter. Es wächst wie die Sprache durch Kommunikation in uns hinein. Es ist auch Teil der sozialen Welt. Es bildet die eigentliche Grundlage unserer Erinnerungsfähigkeit, prägt sie bis ins Innerste und Persönlichste. Ein absolut entscheidender kultureller Schritt in diesem Zusammenhang ist die Entwicklung eines Schriftsystems. Denn zu Schrift gewordenes Gedächtnis vermag weit hinter den Horizont des eigens Erlebten einer Gesellschaft zurückzureichen, unter Umständen mehrere Tausende von Jahren.

Wie lange kann sich eine Gesellschaft denn ohne ein verschriftlichtes Gedächtnis an ihre eigene Vergangenheit erinnern?


Hier kommt die Unterscheidung von „kulturellem“ und „kommunikativem“ Gedächtnis ins Spiel. Das informelle, nicht verschriftlichte „kommunikative“ Gedächtnis reicht etwa 80 Jahre zurück und umfasst das, was im Dialog der Generationen präsent gehalten werden kann – eben was Opa oder Uroma noch erlebt hat. Der Zeitraum davor unterliegt in oralen Kulturen meist einer starken Erinnerungslücke, dem „floating gap“. Genaueres Wissen besteht dann erst wieder für eine mythische Vorzeit, die den Ursprung der eigenen Gesellschaft betritt – Stammesgeschichte, Schöpfungsgeschichte, die geformten Überlieferungen des „kulturellen Gedächtnisses“ –, da kennt man sich dann wieder ganz genau aus. Und natürlich wandert diese Lücke mit einer Gesellschaft durch die Zeit.

Was bedeutet das, angewandt auf die heutige Geschichte Deutschlands?


Es bedeutet ganz konkret, dass der Holocaust derzeit im Begriff ist, aus dem kommunikativen Gedächtnis zu verschwinden. Eine intensivierte Auseinandersetzung mit den damit verbundenen Herausforderungen, also das Geschehene vom kommunikativen in das kulturelle Gedächtnis zu überführen, begann in Deutschland etwa Mitte der achtziger Jahre. Davor gab es eine ziemliche Latenz, politisch wie privat, auch in meinem Elternhaus. Meine Eltern waren zwar glühende Nazi-Hasser gewesen, dennoch blieb das ganze Thema in unseren Gesprächen völlig ausgeblendet.

Hieroglyphen sind die Schrift Gottes


 

Ließe sich denn ein Ereignis wie der Holocaust überhaupt vergessen?


Nein, aber verschweigen. Jedenfalls erleben wir derzeit, wie diese Erinnerung immer stärker den öffentlichen Diskurs bestimmt. Die Monstrosität des Verbrechens tritt überhaupt erst mit wachsendem Abstand hervor, in all seiner menschheitsgeschichtlichen Bedeutung. Mein Eindruck ist, dass der Holocaust in einem transkulturellen Maßstab die religiösen Dimensionen einer Passionsgeschichte annimmt.

Sie meinen, der Holocaust wird unsere Kultur und unser Selbstverständnis ähnlich nachhaltig prägen, wie es die Kreuzigung Jesu die vergangenen 2000 Jahre getan hat?

Ich halte das für möglich. Denken Sie an die vorhandenen Videoarchive, an die Hunderttausenden von Büchern, die Millionen Dokumente, aber auch Denkmäler und andere Aktivitäten. Ganze Generationen von Schülern aus Israel reisen nach Auschwitz, um sich ganz und gar mit den Opfern zu identifizieren, so wie die Christen sich einst mit den Leiden Christi identifiziert haben.

Was wären auf lange Sicht die kulturellen Folgen?

Es ist gut und richtig, dass dies geschieht. Auf der anderen Seite ist es gefährlich, weil es sich mit der Zeit mythisch aufladen und in einen Antigermanismus ausarten könnte.

Zu sagen, ein Ereignis werde in der Erinnerung zum Mythos, klingt danach, dass die Faktizität dieses Ereignisses auf lange Sicht fraglich werden mag.


Ich verwende „mythisch“ hier im Sinne einer sinn- und identitätsstiftenden Erzählung. Selbstverständlich sind vergangene Ereignisse immer nur als erinnerte und damit medial vermittelt zugänglich. Die Frage, welche Aspekte eines Ereignisses aus welchen Gründen relevant für das jeweilige Selbstverständnis einer Kultur werden, bildet ja eine Leitfrage meiner Schriften.

Angewandt auf das alte Ägypten muss man nun eher von einer Vergessens- als einer Erinnerungsgeschichte sprechen. Worin liegt für Sie der ursprüngliche Beitrag Ägyptens für die europäische Geistesgeschichte?

Das Besondere des europäischen kulturellen Gedächtnisses ist seine Zweistöckigkeit. Das haben die Chinesen nicht, auch die Inder nicht. Unser kulturelles Gedächtnis geht zurück zu den Griechen und zur Bibel. Und sowohl die Griechen wie auch die Bibel blicken auf Ägypten als ihren Ursprung zurück, das allerdings in ganz verschiedener, ja gegenteiliger Weise. Die Bibel zeigt ein verzerrtes, polemisches Ägyptenbild und grenzt sich von dieser Kultur mit aller Macht ab – also von Magie, Totenkult, Herrscherkult, allen Formen des innerweltlichen Göttlichen. Bei den Griechen hingegen war es ein Verhältnis faszinierter Bewunderung, direkt über den Kontakt mit Ägyptern vermittelt, die auf ihre Kultur wiederum selbst mit einem Abstand von bis zu 3000 Jahren zurückblickten. Längst zu einem Besatzungsland geworden, hatten die Ägypter damals nur noch ihre Kultur, die sie den Griechen dann entsprechend großartig und überhöht präsentierten.

Worin bestand dann der religiöse oder philosophische Kerngedanke dieser Jahrtausende währenden Kultur?

Die ägyptische Grundidee ist, dass die phänomenale Wirklichkeit, wie wir Menschen sie wahrnehmen, die Manifestation einer Gottheit ist, die sich als Welt entfaltet hat. Es ist eine Welt, die ihrerseits wieder eine Welt voll verschiedener Götter ist, aber diese Götter gingen eben letztlich aus einem einzigen Gott hervor. Ich habe diese Lehre Kosmotheismus getauft, weil sie den gesamten Kosmos als eine Manifestation des göttlichen Urprinzips versteht. Die theoretisch spannende Frage für das alte Ägypten war nun: Wie hängt unsere sichtbare Welt mit dem Prinzip zusammen, aus dem sie hervorging und ständig hervorgeht? Diesen Zusammenhang haben die Ägypter insbesondere mit der Sonne identifiziert.

Die Sonne als Sinnbild des herrschenden, schöpferischen Urprinzips?


Ja, alles, was aus etwas hervorgeht, bleibt nach ägyptischer Sicht von seinem Ursprung abhängig. Alles, was aus der Sonne hervorgeht, bleibt von der Sonne abhängig. Diese Abhängigkeit haben die Ägypter als Herrschaft gedeutet. Die Sonne hat sich aber an einem bestimmten Punkt der Weltentwicklung an den Himmel zurückgezogen und auf Erden das Königtum als Stellvertreter eingesetzt, um die Herrschaft an ihrer Stelle auszuüben. Ganz wie später die Kirche nach Christi Himmelfahrt seine leibliche Präsenz auf Erden ersetzen wird, bis er zurückkommt, war der ägyptische Staat ein Ersatz für Abwesenheit oder Entfernung der Götter. Er hielt, mit dem Pharao an der Spitze, die Verbindung zu ihnen aufrecht.

Wie haben sich diese ägyptischen Konzeptionen auf die Griechen und ihre Philosophie übertragen?


Prägend für die griechische Philosophie ist die starke Konzentration auf die Einheitsperspektive – die Welt von einem Ursprung abzuleiten, der sich in ihr manifestiert und verkörpert, zum Beispiel die Welt als Körper einer Gottheit zu denken, die diesen Körper beseelt, wie in der Stoa. Der zweite entscheidende Faktor war die Deutung der Hieroglyphen.

Ausgewählte Werke von Jan Assmann


Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität
in frühen Hochkulturen (C. H. Beck, 1992)

In diesem theoretischen Grundlagenwerk geht Assmann
im Dreiklang von Vergangenheitsbezug, Identitätsbildung und kultureller Kontinuität am Beispiel der antiken Hochkulturen Ägyptens, Israels und Griechenlands nach.

Ägypten. Eine Sinngeschichte (Hanser, 1996)

Assmann zeigt den großen, in unserem kulturellen Gedächtnis oft verdrängten
Einfluss der ägyptischen Kultur auf Europa und lädt ein, diese Kultur erinnernd, denkend und tastend kennenzulernen.

Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus (Hanser, 2003)

In diesem kontrovers aufgenommenen Buch legt Assmann die Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ in der Religion als eine kulturelle Innovation frei, die mit Mose in die Welt getreten sei – und die bis heute ein erhebliches kulturelles Gewaltpotenzial in sich trage.

Die Zauberflöte: Oper und Mysterium (Hanser, 2005)

Die Freimauerei, das alte Ägypten, die Mysterienkultur – Assmann ö net die Augen für die Geschichte hinter Mozarts bekanntester Oper und erlaubt so ein völlig neues Hörerlebnis.

 

Die wurden doch erst sehr viel später entschlüsselt, erst im 19. Jahrhundert?


Ja, die Griechen konnten die Hieroglyphen nicht lesen, aber sie kannten ägyptische Theorien, zum Beispiel dass der Schöpfergott die Welt zunächst einmal in seinem „Herzen“ – das heißt Geist – entworfen hat, und zwar als Hieroglyphen. Als er diese aussprach, verwirklichten sich diese Schriftzeichen in die Dinge, die sie darstellten. Während wir in der Bibel also eine Schöpfung durch das Wort haben, haben wir in Ägypten eine Schöpfung durch die Schrift. Diese Hieroglyphen verhalten sich zu den sichtbaren Dingen wie platonische Ideen zur sichtbaren Welt. Diese Beschreibung der ägyptischen Schriftmythen als platonisches Prinzip stammt schon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Wenn man nun daran glaubt, und dafür gibt es Hinweise, dass Platon wirklich in Ägypten war, dann müsste ihn das auch fasziniert haben. Eine Wahlverwandtschaft von Hieroglyphentheorie und Ideenlehre scheint ganz offenbar gegeben.

Das Verhältnis von dem Einen zu den Vielen bildet auch ein Leitmotiv Ihrer religionstheoretischen
Schriften.

Die Idee, alle Götter sind letztlich eins, ist in fast allen Polytheismen präsent. Eigentlich gibt es deshalb nur Monotheismen. Selbst bei den Griechen verfügt Zeus über die berühmte goldene Kette, mit der er alle anderen Götter zu sich heraufziehen könnte. Der kulturtheoretisch entscheidende Unterschied ist der zwischen inklusivem und exklusivem Monotheismus. Inklusiver Monotheismus bedeutet: Alle Götter sind letztlich eins. Der exklusive, ausschließende Monotheismus ist der biblische und besagt: Keine anderen Götter, nur dieser eine! In den älteren biblischen Texten herrscht ein Monotheismus der Treue vor, der zwar anerkennt, dass es andere Götter gibt, aber aus Gründen der Bundestreue darauf besteht, sich nicht mit diesen einzulassen. Später tritt dann ein von mir so genannter „Monotheismus der Wahrheit“ hinzu, der behauptet, dass es die anderen Götter gar nicht gibt, und damit alle anderen Religionen zu „falschen Religionen“ erklärt.

Sie haben die Einführung des Begriffspaars „wahr“ und „falsch“ mit Bezug auf Mose die „mosaische Unterscheidung“ genannt – und dafür viel Kritik geerntet.

Ja, aber das war von mir stark verkürzt formuliert! Das muss ich hier mal ausdrücklich zurücknehmen. Bei Moses’ Monotheismus – Auszug aus Ägypten, Bilderverbot et cetera – ging es ganz klar um Treue, nicht um Wahrheit. Andere Götter mag es geben, aber nur dieser eine hat uns befreit. Wir stehen zu ihm. Der Befreier-Gott ist etwas ganz anderes als der Schöpfergott. Der kommt erst etwa im 6. Jahrhundert hinzu, und mit ihm die Wahrheitsfrage. Das ist dann keine Sache der Treue, sondern der Erkenntnis. Das war eine gewaltige Neuerung! Zuvor wäre niemand auf die Idee gekommen, die Götter einer anderen Kultur für falsch, für „Götzen“ zu erklären. Das waren wirkungsvolle Mächte, mit deren Einfluss hatte man zu rechnen.

Sie verbinden den mosaischen Monotheismus, insbesondere die Einführung des Sprachspiels von „wahr“ und „falsch“ in der Religion ganz explizit auch mit der Freisetzung von Gewaltpotenzialen.

Sämtliche dieser Religionen predigen zunächst und vor allem Frieden – die Aussöhnung mit den Menschen und mit Gott. Aber es gibt in allen drei großen Monotheismen eine Art sprachlichen Sprengstoff , der zwar entschärft, aber eben auch gezündet werden kann. Er besteht in der grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Freund und Feind, durchaus im Sinne des absoluten Feindes, wie ihn der Staatsrechtler Carl Schmitt auf den Begriff gebracht hat. Diese Unterscheidung wird auch explizit in den Heiligen Schriften getroffen, wie sie eben auch nur diese Religionen kennen: Gott hat Feinde und Freunde, am deutlichsten im Islam, aber auch gleich im Ersten Gebot der Bibel. Dieser Gott wird insbesondere als ein eifersüchtiger Gott dargestellt – ganz wie ein eifersüchtiger Mann (oder eine Frau) –, der die Sünde derjenigen, die ihn hintergehen, bis ins dritte, vierte Glied heimsuchen wird. Das heißt, sich mit anderen Göttern einzulassen, ist eine Art Ehebruch.

Das klingt zunächst noch nachvollziehbar genug…

Gefährlich wird dieser sprachliche Sprengstoff im Ernstfall. Dann zeigt sich, wer Freund und Feind ist. Der religiöse Ernstfall schlechthin ist die Apokalypse. Wenn man unter diesem Blickwinkel den Koran liest, gehen einem die Augen auf. Die Apokalypse sieht der Koran als unmittelbar bevorstehend an. Es geht gerade heute darum, diese Bombe zu entschärfen, wozu ich auch mit meinen Schriften beitragen will. Meine Weise, die Idee von Freund und Feind in der Religion zu verabschieden, sie in ihrer Geltung zu schwächen, besteht darin, ihre kulturgeschichtlichen Quellen oder, wie Nietzsche und Foucault sagen würden: ihre Genese freizulegen.

In Monotheismen liegt sprachlicher Sprengstoff


 

Würden Sie sich als Atheisten bezeichnen?

Nein. Gott ist für mich eine offene Frage; für die Atheisten ist sie gelöst. Ich würde meinen, dass alle Religionen Übersetzungen von etwas Verborgenem, aber irgendwie Spürbaren sind. Religionen finden im Sinne dieser „verborgenen Religion“ dann jeweils andere Bilder, andere Übersetzungen dieser Grunderfahrung. Das ist die Weisheit der Ringparabel, deren Varianten bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen. Die Wahrheit ist verborgen, aber wir dürfen nicht aufhören, sie in unserem Tun und Denken anzuzielen.

Ihre Schriften legen einen engen Zusammenhang zwischen Medienrevolutionen und der Ausbildung neuer religiöser Systeme nahe. Wie sehen Sie die Zukunft der monotheistischen Religionen vor dem Hintergrund der Digitalisierung?

Man muss hier zunächst zwischen Schrifterfindung und Schriftverwendung unterscheiden. Die Wende, die den biblischen und auch islamischen Monotheismus hervorgebracht hat, lässt sich als Wende der Medienverwendung beschreiben, und zwar als Kanonisierung, also das Treffen einer Auswahl von Schriften, die man mit absolut höchster Autorität ausstattet und dann entscheidet: Da darf nichts mehr hinzukommen, nichts weggenommen werden – was jetzt noch kommt, ist Auslegung. Dieser Prozess ist auch für das humanistische Erbe entscheidend, denn bereits im 2. Jahrhundert vor Christus wurde in Alexandria mit den griechischen Schriften ähnlich kanonisierend verfahren. Und hier bedeutet die Digitalisierung – die ja eigentlich eine Doppelrevolution ist, neue Schriftform und neue Verwendungsweise – eine Dekanonisierung der Kultur, und zwar in doppeltem Sinne: Erstens, weil einfach alles gleichrangig nebeneinandersteht und das einzige verbleibende Ordnungsprinzip von Google und Amazon das der Nachfrage ist. Da fehlt also jede Relevanz und Normativität. Und zweitens, weil jeder seinen eigenen Zugang zu diesem von der Quote dirigierten Salat finden und seinen eigenen Kanon basteln muss, um eine Identität auszubilden.

Das Tor des Kanons öffnet sich also gerade wieder?


Das hat sich schon mit der Aufklärung geöffnet, jetzt aber vor allem in Richtung eines narzisstischen Exhibitionismus. Diese Facebook- und Bloggerkultur, jeder kann seinen privaten Sinn und Unsinn veröffentlichen, das hat es so noch nicht gegeben. Aber ich bin mir natürlich bewusst, dass ich jetzt fast wie der alte Plato mit seiner berühmten Schriftkritik klinge, der mit Erfindung der Schrift einst auch den Untergang seiner Kultur kommen sah, da die Schrift angeblich das dialogische Gedächtnis zerstöre, was ja nun wirklich nichts als Schwarzmalerei war.

Also gibt es noch Hoffnung?

Die Welt, wie wir sie vorfinden, ist nun mal vergänglich, ständig von Verfall und Umwälzung bedroht. Das war ja bereits der Gedanke, der die Ägypter am meisten schreckte und dem sie mit ihren Bauten etwas absolut Endgültiges, Ewiges entgegensetzen wollten. Das hat nun so nicht geklappt. Aber extrem haltbar war es schon. Es kommt darauf an, die Balance zwischen Stabilisierung und Veränderung zu finden.

Wie deuten Sie als Ägyptologe die aktuellen Entwicklungen in Ägypten? Hallt hier etwas aus fernster Vergangenheit nach und prägt die Handlungsweisen von Volk und Militär?

In dieser Sache bin ich als Ägyptologe Partei. Alle meine Freunde und Kollegen in Ägypten, säkulare Intellektuelle und Wissenschaftler, standen hinter der Rebellion vom Frühjahr 2011. Alle waren sie im höchsten Maße entsetzt und besorgt, als immer deutlicher wurde, wie die Muslimbrüder Schritt für Schritt die Revolution kapern und im Sinne eines islamistischen Gottesstaats umfunktionieren. Als im vergangenen November Mursi die Justiz entmachten wollte, sprachen alle von „Machtergreifung“ und setzten ihre Hoffnung auf das Militär, das allein durch rechtzeitiges entschlossenes Eingreifen die Demokratie retten und eine neue Diktatur verhindern könnte. Dass jetzt Menschen sterben, geht allein auf das Konto derjenigen, die sich jeder friedlichen, kooperativen Lösung verweigern und die gewaltsame Konfrontation suchen. Sisi ist kein Pinochet und Mursi kein Allende. Was das Militär in Ägypten anstrebt, ist keine Militärdiktatur, sondern eine liberale Demokratie, wie sie mit den Islamisten vorerst nicht erreichbar scheint. •

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 6 / 2013 veröffentlicht.