Dostojewski und die Schuld

In seinen leidenschaftlichen, abgründigen Romanen begegnet man Ausgestoßenen, Schwachsinnigen, exaltierten Spielern – und vor allem Mördern. Als Meister des metaphysischen Krimis lässt uns der russische Schriftsteller Dostojewski in die Abgründe der menschlichen Natur blicken. Wir erscheinen darin als gespaltene Wesen, hin- und hergerissen von gegensätzlichen Kräften: Liebe und Hass, Wahrheit und Lüge, Gut und Böse – stets gefangen in Versuchung. Jedes Verbrechen, ob mit oder ohne Gewissensbisse begangen, zieht in der Realität notwendigerweise eine Strafe nach sich. Dostojewski geht sogar noch weiter: Ihm zufolge sind wir alle schuldig. Das Gefühl der Schuld ist nichts Zufälliges, sondern die Grundlage aller Existenz. Michel Eltchaninoff beleuchtet die daraus resultierende Ethik Dostojewkis.


Dostojewski in 6 Daten
  • 1821 Geburt in Moskau
  • 1846 erste Romanveröffentlichung: „Arme Leute“
  • 1850 Beginn der vierjährigen Haft im Straflager im sibirischen Omsk
  • 1866 Verfassung von „Schuld und Sühne“ und „Der Spieler“
  • 1871 Ende seiner Spielsucht, sukzessive Veröffentlichung des Romans „Die Dämonen“
  • 1881 Tod in Sankt Petersburg

Albert Camus war ein großer Dostojewski-Leser: In seinem Buch „Der Fall“ erwähnt er eine mittelalterliche Folterzelle, die er „Un-Gemach“ (malconfort) nennt. Diese ist so eng, dass der darin lebenslänglich Gefangene weder aufrecht stehen noch liegen kann. Mit diesem Bild führt uns Camus das erdrückende Leid der Schuld vor Augen: Es ist schwierig, mit dem Gefühl fertig zu werden, nicht richtig geliebt, schlecht gehandelt, etwas schlecht gemacht zu haben. Wir glauben, uns als moderne Menschen von alten Autoritäten – Göttern, Vätern, Traditionen – befreit zu haben, indem wir sie infrage stellten, leugneten, ja „umbrachten“. Doch die Schuld, die wir damit zur Tür hinausbefördert zu haben meinten, ist zum Fenster wieder hereingekommen. Denn der Versuch, die großen Anderen hinauszuwerfen, war vergeblich. Umso mehr schämen wir uns vor den „kleinen Anderen“ und uns selbst. Sind wir der Größe unseres Begehrens gewachsen? Sind wir des Vertrauens unserer Nächsten, unserer Kollegen, der Gesellschaft würdig? Warum war man heute Morgen so gestresst und hat sich den Tag dadurch verdorben, dass man immer wieder daran gedacht hat? Es ist eine Eigenheit der Schuld, dass sie sich selbst nährt.

Echte und imaginäre Verbrechen

Der russische Schriftsteller Dostojewski kannte den Sumpf der Schuld wie seine Westentasche. Er ist 17 Jahre alt, als er vom Tod seines Vaters erfährt – einem niederen Adligen und Alkoholiker, der seine Umgebung gern schikanierte. Vermutlich wurde er von seinen Leibeigenen ermordet; das juristische Verfahren dazu wird jedoch eingestellt. Angesichts dieser symbolischen Leere musste der junge Dostojewski sich fragen, wer die größere Schuld trug: der adelige Vater, der seine Bauern tyrannisierte, oder die Untergebenen, die ihren Herrn hassten? Hat nicht auch er den Tod seines Vaters herbeigewünscht? In einem Brief, in dem er die Ermordung seines Vaters erwähnt, kommt er zu dem Schluss: „Der Mensch ist ein Geheimnis (…) Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.“
In den folgenden Jahren steht Dostojewski den utopischen Sozialisten nahe und empört sich über die Ungerechtigkeit der Leibeigenschaft, der Zensur und der Willkür des Zaren. Doch seine Überzeugungen werden mit Strafen quittiert. 1849 wird er schließlich verhaftet und zum Tode verurteilt. Am Tage der Hinrichtung selbst wird seine Strafe umgewandelt in vier Jahre Arbeitslager und anschließend sechs Jahre Verbannung nach Sibirien. Am selben Abend schreibt er seinem Bruder: „Noch nie sind mir so reichhaltige und gesunde Vorräte an geistigem Leben aufgekeimt wie jetzt.“ Er hat seine Rettung in dieser Prüfung gefunden, als ob das Verbüßen einer Strafe ihn von einer noch grundlegenderen Schuld befreien würde.

KONZEPTE
VON SCHULD

Paulus
ca. 5–5 bis ca. 62–64

„Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod“ („Römerbrief“). In der „Genesis“ isst erst Eva und dann Adam die verbotene Frucht vom Baum der Erkennt­nis – ein fataler „Ungehorsam“ gegenüber Gott. Mit dieser Übertretung reißt Adam alle Menschen mit sich in die Tiefe, die nunmehr sterblich und schuldig sind und in ihrer Fleischlichkeit vom Bösen in Versuchung geführt werden.
Augustinus
354–430

Der Kirchenvater benutzt den Begriff der „Erbsünde“ – der weder in der Bibel noch bei Paulus vorkommt – und richtet die christliche Lehre daran aus. Selbst Kinder, die keine moralische Verantwortung tragen, sind von der Sünde Adams befleckt: „Niemand, absolut niemand wurde daraus befreit, wird befreit oder befreit werden, außer durch die Gnade des Erlösers“ („Die Gnade Christi und die Erbsünde“).
Hegel
1770–1831

Hegel entwickelt eine juristische Konzeption von Schuld: Wird einem Schuld beigemessen, heißt das, dass einem die Verant­­­wortung für eine straf­bare Handlung zuerkannt wird, die man bewusst begangen hat. Dies ist keine Bestrafung, sondern ein Recht: „Das Recht des Subjekts, die Handlung in der Bestimmung des Guten oder Bösen, des Gesetzlichen oder Ungesetzlichen zu kennen“, welche die Gesellschaft vorgibt.
Nietzsche
1844–1900

Die Moral beruht auf der Unterdrückung der lebens­bejahen­den Kräfte – Ressenti­ments entstehen. Der Mensch verinnerlicht diese und wendet sie gegen sich selbst: Das „schlechte Gewissen“ keimt auf. Es besteht in ständigen Selbstbeschuldigungen. Daraus entsteht eine tiefe Abscheu des Menschen vor sich selbst und vor dem Leben – das schlechte Gewissen ist das Zugpferd
des Nihilismus.
Freud
1856–1939

Der Ödipuskomplex besteht in dem unterdrückten Wunsch, den Vater zu ermorden, und ist der Ursprung für ein starkes „Schuldgefühl“, das teilweise unbewusst ist. Freud überträgt diese Logik auf das gesell­schaft­­liche Leben, das uns zum „Verzicht“ zwingt: Wir müssen unsere aggres­siven Triebe unterdrücken. Das Über-Ich ist jene Instanz, die das Ich verurteilt und bestraft, wenn es die ihm innewohnende Gewalt anzuwenden versucht.
Lévinas
1906–1995

Man ist nicht schuldig, sondern ver­antwortlich, so Lévinas. Die Subjektivität ist keineswegs in sich abge­schlossen, sondern definiert sich durch die Aus­richtung auf den anderen, die Verant­wortung für ihn. Daraus folgt: Ich bin verant­wortlich für alles Unrecht, was anderen angetan wird, auch wenn ich kein direkter Verursacher bin. Mehr noch, als „Geisel“ des anderen, muss das „Ich“ als Stellvertre­ter für dessen Schuld büßen …
Ricœur
1913–2005

Laut dem französischen Philosophen Paul Ricœr ist der Mensch nicht per defini­­tionem schuldig, sondern „fehlbar“:
Er kann zur Verbrei­tung des Bösen beitragen – oder auch nicht. Wir sind endliche Wesen, kontingent und unvollkom­men. Diese „mensch­­liche Zerbrechlich­keit“ geht mit einem „heim­lichen Riss“ einher, einem inneren Schwachpunkt, durch den wir jeden Moment auf die Seite des Bösen rutschen können.

Dostojewskis gesamtes Werk ist durchzogen von der Suche nach einer Antwort auf die Frage der Schuld: Woher kommt sie? Und vor allem: Wie damit umgehen? In „Schuld und Sühne“ stellt Dostojewski die (seiner Ansicht nach vergeblichen) Versuche dar, sich ihrer zu entledigen. Der Protagonist Raskolnikow ist ein stolzer Student, der versucht, „ohne Kasuistik“ und ohne Gewissensbisse zu töten. Er ermordet eine Wucherin und deren Schwester, um ein wenig Geld zu stehlen. Der Roman zeigt Raskolnikows langsamen Weg zur Anerkennung der eigenen Schuld. Dostojewski stellt dabei einige „entschuldigende“ Ideologien seiner Zeit an den Pranger. Eine davon, die sogenannte „Milieutheorie“, spricht jede schlechte Handlung im Namen gesellschaftlichen Leides frei. Doch Dostojewski zufolge müsse „das Laster immer noch Laster genannt“ werden. Er kritisiert auch die Psychiatrie seiner Zeit, die Verbrecher für nicht schuldfähig erklärt mit der Begründung eines „plötzlichen Wahnsinnsanfalls“. Der junge Mörder Raskolnikow hingegen, der sich der Polizei gestellt hat, versucht gar nicht zu entkommen! Dostojewski lehnt jene Theorien ab, die Schuld als situativen Automatismus verstehen, und sieht in der Schuld mehr als nur eine situationsbedingte Verirrung.

Als Dostojewski zehn Jahre später aus Sibirien zurückkehrt, ist er sich seines Erfahrungsschatzes bewusst. Anders als die großen Schriftsteller seiner Zeit hatte er Umgang mit dem einfachen Volk, hat dessen Abgründe und Schönheiten studiert. Er ist davon überzeugt, den Charakter des Verbrechers verstanden zu haben, und spricht von nun an nur noch über den Unterschied zwischen der Unschuld vor dem Gesetz und der inneren Schuld, wenn er in seinen Romanen über intellektuelle Mörder schreibt („Schuld und Sühne“), über Mörder aus Leidenschaft („Der Idiot“), über Menschen, die aus politischen Gründen töten („Die Dämonen“), und schließlich über Vatermörder („Die Brüder Karamasow“). Hatte Dostojewski selbst sich etwas vorzuwerfen? Er hatte einen schwierigen Charakter und seine Feinde haben sich bemüht, ihm die scheußlichsten Verbrechen anzuhängen. Dostojewski, den der Schriftsteller Iwan Turgenew „unseren Sade“ nannte, war Gegenstand hartnäckiger Gerüchte über angebliche sexuelle Gewalt an Minderjährigen.

Getrieben von der Spielsucht


Mit welcher Herzbeklemmung höre ich jedesmal den Croupier rufen: trente et un, rouge, impair et passe, oder: quatre, noir, pair et manque!“, das sagt Aleksej Iwanowitsch, die Hauptfigur in „Der Spieler“. Oder das Alter Ego von Dostojewski, der selbst fast zehn Jahre lang von der Spielsucht besessen war. Sommer 1862: Der Schriftsteller ist auf Reisen und betritt ein Casino in Wiesbaden. Er gewinnt sehr schnell 10 000 Francs beim Roulette. Am nächsten Tag verliert er alles. Kurze Zeit später dasselbe in Baden-Baden: 600 Francs gewonnen und sofort wieder verschleudert. Eine fatale Spirale. Dostojewski ist hoch verschuldet und leidet chronisch unter Geldmangel. Doch das Übel reicht tiefer, wie er es (sich) schließlich in einem Brief eingesteht: Das Wichtigste ist „das Spiel selbst. Ich schwöre, es ging nicht allein um den Gewinn.“ Dostojewski zufolge ist das Spiel eine Metapher für das Leben voller Leidenschaft, für die Zerrissenheit zwischen Gut und Böse, Rettung und Verlust – mit seinen schwarzen und roten Kästchen, seinem Gerade und Ungerade ist das Roulette ein Symbol für die Widersprüche und Qualen des menschlichen Daseins. Hält die Kugel an der falschen Stelle, so ist man verloren. Dostojewski  empfindet ein unerträgliches Gefühl von Schuld und Scham. Dass er in seiner Sucht tief gesunken war, ist noch milde ausgedrückt. 1867 ist er erneut in Baden-Baden, begleitet von seiner zweiten Frau, Anna Grigorjewna, die er ursprünglich als Stenografin für den Roman „Der Spieler“ an­gestellt hatte. Der Schriftsteller kann dem Lockruf der Casinos nicht widerstehen und das Glück wendet sich gegen ihn. Er verspielt Annas Ring, dann ihre Brosche, ihre Ohrringe – sein Hochzeitsgeschenk … 1871 ruiniert sich Dostojewski ein weiteres Mal in Wiesbaden. Verstört irrt er durch die Straßen; er möchte beichten, glaubt eine Kirche zu sehen, doch es handelt sich um eine Synagoge. Zurück im Hotel schreibt er seiner Frau: „Jetzt ist alles vorbei! Das war wirklich das allerletzte Mal! Wirst Du mir glauben, Anja, dass meine Hände jetzt frei sind, ich war durch das Spiel gefesselt, ich werde jetzt an die Arbeit denken und nicht mehr nächtelang vom Spiel träumen.“ Und tatsächlich: Dostojewski spielt nicht wieder. Die Jahre seines Roulette-Spieles offenbaren ein grundlegendes Motiv, das in seinen Romanen präsent ist: Um Erlösung zu erlangen und im Leben das Gute zu tun, muss man die Erfahrung der Schuld und des Nichts durchmachen. Für Dostojewski liegt der Ausweg in der uneigennützigen Nächstenliebe – einer Liebe, bei der die Leidenschaft in sich ruht –, in der Zuwendung zum Christentum. Noch einmal also ein gewagtes Spiel, doch der Croupier hat nun ein anderes Gesicht, und das Spiel dreht sich um das moderne Elend des Menschen ohne Gott. Martin Duru
 

Seine Helden erinnern stark an jene Personen, die Freud „Verbrecher aus Schuldgefühl“ genannt hat. In „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit“ (1915/16) mutmaßte Freud, dass einige verbotene Handlungen begangen werden, „weil mit ihrer Ausführung eine seelische Erleichterung für den Täter verbunden war“. Das Verbrechen wäre somit nicht die Ursache für das Schuldgefühl, sondern würde selbiges a posteriori rechtfertigen. Für Freud liegt der Ursprung dieses Gefühls im Ödipuskomplex. Betrachten wir als Beispiel „Die Brüder Karamasow“: Der Roman erzählt vom Mord an Fjodor, einem lasterhaften Gutsbesitzer in der Provinz. Wer trägt die Schuld daran? Sein ältester Sohn, Dmitri, eine leidenschaftliche Seele, fühlt sich um sein Erbe betrogen und steht in sexueller Konkurrenz zum Vater. Iwan, der verzweifelte Intellektuelle, verachtet den skrupellosen Genussmenschen Fjodor. Smerdjakow hasst den Vater, der ihn nie anerkannt hat. Aljoscha, der Jüngste, scheint nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun zu können; doch mit seinem sensiblen Wesen schämt er sich für seinen Vater. Jeder Sohn kann sich vorwerfen, den Tod des Vaters herbeigewünscht – und sogar indirekt daran mitgewirkt zu haben. Für Freud enthüllt sich hier das Mysterium der Schuld. In seinem Essay „Dostojewski und die Vatertötung“ schreibt er: „Der Vatermord ist nach bekannter Auffassung das Haupt- und Urverbrechen der Menschheit wie des einzelnen. Er ist jedenfalls die Hauptquelle des Schuldgefühls (…) und darum sind bis auf die Kontrastfigur des Aljoscha alle Brüder gleich schuldig.“

Statt dem Selbsthass zu dienen, wird die Schuld bei Dostojewski zum Anlass, auf andere zuzugehen


 

Freud erfasst dabei allerdings nicht die Originalität von Dostojewskis Denken. Denn Dostojewski gelang in seinem letzten Roman die konzeptuelle Meisterleistung, einen Ausweg aus dem Verlies des „Un-Gemachs“ aufzuzeigen. Zunächst muss man sehen, dass alle Brüder, ohne Ausnahme, schuldig sind. Dmitri war nur einen Schritt davon entfernt, zur Tat zu schreiten. Iwan, der vom Problem des Bösen besessen ist, hat sich ein komplexes totalitäres System zurechtgelegt, das von der Figur des Großinquisitors beherrscht wird, welcher als wachsamer Vormund einer verdummten Menschheit die Last der Schuld abnimmt. Er trägt zu dem Mord an seinem Vater durch stillschweigende Ermutigungen bei. Smerdjakow führt ihn aus, um in der Familie Anerkennung zu finden. Auch Aljoscha ist schuldig. Er hätte Iwans Abgleiten in den Wahnsinn verhindern können, wenn er sich die Mühe gemacht hätte, bei der Erzählung über den Großinquisitor richtig hinzuhören. Doch er begnügt sich damit, darin eine Anschuldigung gegen die katholische Kirche zu sehen. Sind also alle schuldig? Ja. Doch bei Dostojewski ist nicht der Ödipuskomplex die Quelle des Übels. Es ist unsere ununterdrückbare Lust an der Überschreitung von Geboten, die wiederum ein Kind unserer Freiheit ist. In Dostojewskis Romanen ist niemand unschuldig. Die Kinder begehen wie ihre Eltern gern das Böse um des Bösen willen, „einfach so“, „aus Spaß“. Auch die seltenen positiven Figuren müssen alle die Wirren des Bösen durchleben, welches sie aktiv, durch Unterlassung oder in Gedanken vollbringen.

 

Diese universale Schuld ist jedoch gleichzeitig der Schlüssel zur Lösung. So hält der Mönch Sossima, die Lichtgestalt des Romans „Die Brüder Karamasow“, die weisen Worte seines Bruders fest: „jeder von uns ist vor allen anderen schuldig, und ich am allermeisten“. Dostojewski schlägt vor, das Prinzip der Schuld zu verallgemeinern und es zur Grundlage der intersubjektiven Beziehungen zu machen. Bekanntlich schätzte Immanuel Kant die Gültigkeit einer moralischen Maxime danach ein, ob sie geeignet sei, zu einer allgemeinen Regel erhoben zu werden: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum ALLGEMEINEN NATURGESETZE werden sollte.“ Dostojewski schlägt eine Verallgemeinerung des Schuldgefühls vor. Wenn es unser Schicksal ist, schuldig zu sein, bejahen wir unsere Schuld vor anderen und entledigen uns so der inneren Qualen. Das bedeutet keine Befreiung von Schuld. Weil alle Schuld tragen, heißt das nicht, dass am Ende keiner mehr schuldig ist. Aber das Aussprechen der Schuld ermöglicht die ethische Beziehung mit anderen. Der Fokus der Schuld wird umgekehrt: Statt dem Selbsthass zu dienen, wird sie zum Anlass, auf andere zuzugehen. Diese Idee wird der Philosoph Emmanuel Lévinas (1906–1995) aufnehmen, der von einer gegenseitigen Verantwortung spricht. Sich vor anderen als schuldig zu bezeichnen, impliziert Bescheidenheit, die Anerkennung der Gleichheit des anderen und die Möglichkeit zur Versöhnung.

 

Ethik des lebendigen Lebens

Doch auf welches innere Antriebsmotiv kann man diese Rehabilitierung der Schuld gründen? In dem Roman „Der Jüngling“ wird ein von Dostojewski-Experten oft übersehener Begriff angesprochen, der jedoch grundlegend ist. Bei dem Roman handelt es sich um die Bekenntnisse eines jungen Mannes, der auf der Suche nach einer Richtung für sein Leben ist. Diese erscheint ihm in der seltsamen Vokabel des „lebendigen Lebens“, welches er so definiert: „Das lebendige Leben muss etwas unglaublich Einfaches sein, das Alltäglichste und Unverborgenste, etwas Tagtägliches und Allstündliches, etwas dermaßen Gewöhnliches, dass wir einfach nicht glauben können, dieses Einfache könnte es sein, und deshalb gehen wir schon so viele Jahrtausende an ihm vorüber, ohne es zu bemerken und zu erkennen.“ Diese Vorstellung von einem „nicht langweiligen und fröhlichen Leben“ bedeutet nichts anderes, als die Intensität des Lebens zu spüren – eine Erfahrung, die Dostojewski in den letzten Minuten vor seiner vermeintlichen Hinrichtung gemacht hat. Die Freude, am Leben zu sein, muss zur Grundlage dieser glücklichen Schuld werden. Dieses Verständnis von Schuld ist vom Christentum geprägt, von den Begriffen der Fleischwerdung, Verklärung und Wiederauferstehung. Letztlich gesteht Dostojewski jedoch, ein Kind seines Jahrhunderts zu sein, „ein Kind des Unglaubens und der Zweifelssucht“. Das Schuldeingeständnis gegenüber den „kleinen Anderen“ soll auch die Schuld vor dem großen Anderen, vor einem rachsüchtigen Gott oder dem Großinquisitor, ersetzen. Die Liebe zum Leben in all seinen Details und in jedem Moment, das ist letztlich der Schlüssel für Dostojewskis Denken. Dies hat er nicht in philosophischen Aufsätzen geschrieben, sondern in Romanen, die sich gerade mit den niedersten Aspekten unseres Lebens beschäftigen. Er verlagert den Fokus der Schuld, ohne zu versuchen, sie zu unterdrücken. Er ruft uns nicht zu larmoyanter Reue auf, die stets im Verdacht der Scheinheiligkeit steht, sondern zu einer Bejahung des Lebens, dessen Sinn es ist, in der Welt und in anderen Menschen aufzugehen. •

Aus dem Französischen von Grit Fröhlich

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 4 / 2015 veröffentlicht.