„Keine Demokratie ohne Störenfriede!“

Was tun, wenn man sich fremd in der eigenen Gesellschaft fühlt? Gar eine radikal andere Welt will? Fragen, die im Zentrum des Denkens von Dieter Thomä stehen. Ein Gespräch über kindischen Lebenshunger, gestörte Männer und die tödliche Sehnsucht nach totaler Ordnung.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger / Fotos von Malte Jäger

Dieter Thomä

in sechs Daten

  • 1959
    Geburt in Heidelberg,
    Kindheit in Freiburg im Breisgau
  • 1983
    Volontariat an der
    Henri-Nannen-Schule,
    darauf Redakteur beim
    Sender Freies Berlin
  • 1989
    Promotion mit einer
    Arbeit zur „Kritik der
    Textgeschichte Martin
    Heideggers“
  • 1996
    Joseph-Roth-Preis für
    Essayistik der Stadt
    Klagenfurt
  • 1997
    Habilitation in Rostock
  • 2000
    Professur für Philoso-
    phie an der Universität
    St. Gallen (bis heute)
  • Alles bestens, nur die Musik stört. Zu laut. Freundlich erkundigt sich Dieter Thomä bei der Bedienung seines Stammcafés, ob man sie für die nächsten 90 Minuten leiser stellen könnte. Schließlich gibt es Wichtiges zu besprechen. Über fünf Jahre hat er an seinem Werk „Puer robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds“ (Suhrkamp) gearbeitet, das im Oktober 2016 erschien. Nimmt man die Gesellschaft nach der Lektüre Thomäs wieder in den Blick, sieht man sie in den westlichen Demokratien derzeit überall: notorische Querulanten, radikalisierte Fundamentalisten, egozentrische Populisten. Menschen, die mit aller Macht und manchmal auch aller Gewalt vom Rande der Gesellschaft ins Zentrum vordringen wollen. Thomä war einst selbst so eine Gestalt. Aus den allzu heilen Lebenswelten Süddeutschlands brach er nach Berlin auf, begann dort zu studieren, schloss sich der Hausbesetzerszene an. Heute, nach langem Marsch durch die akademischen Institutionen, lehrt er bestens etabliert als Professor in St. Gallen. Stören will er freilich noch immer. Und zwar mit der Kraft kluger Gedanken.

    Philosophie Magazin:
    Herr Thomä, was hat Sie am Zustand der Welt als junger Mensch eigentlich so gestört, dass Sie sich für die Philosophie entschieden haben?

    Dieter Thomä:
    Da treffen Sie was. Ich war als Jugendlicher tatsächlich furchtbar unzufrieden mit mir, kam bei den Frauen nicht gut an, las dafür wie ein Wahnsinniger und fand dann als 16-Jähriger dieses Buch, durch das mir aufging, dass es um die ganze Welt nicht so gut bestellt ist, nämlich Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“. Das war für mich eine Art Schlüssel.

    Aber ein Denker der Kritischen Theorie oder Frankfurter Schule sind Sie dann gerade nicht geworden.

    Nein, denn ich war zeitgleich auch ein riesiger Jazzfan und bekam sehr schnell mit, was Adorno so Fieses und Lustfeindliches über den Jazz geschrieben hatte. Diese Miesmacherei störte mich. Es gab damals zwei Extreme in mir. Einerseits war ich ein wirklicher Buchmensch und versunkener Leser, andererseits aber auch so extrem lebenshungrig, dass ich zeitweilig sogar das Studium abgebrochen habe und stattdessen lieber Journalist und Hausbesetzer gewesen bin. Ich habe dann versucht, beim Denken mehr Lebensnähe zu erreichen. Das bedeutet für mich heute nicht, Ratgeberphilosophie zu betreiben. Sondern ich versuche, mich mit dem Gegenstand, mit dem ich mich beschäftige, auch praktisch auseinanderzusetzen oder mich gedanklich ganz in eine Situation hineinzubegeben – und erst dann einen Schritt zurückzutreten und zu sehen, was ich davon halte.

    Das klingt eher nach einem schriftstellerischen, narrativen Verfahren als nach strenger Argumentation.

    Es gibt, denke ich, grundsätzlich zwei philosophische Haltungen. Die eine ist komplett unabenteuerlich, distanziert und strebt an, gedankliche Ordnung zu schaffen. Und als notwendige Voraussetzung dafür gilt, selbst nicht Teil des Schlamassels zu sein. Beispielhaft für diese Haltungen stehen Plato und Descartes. Die Gegenagenda lotet lieber aus, welche Bewegungen innerhalb des Lebenszusammenhangs möglich und sinnvoll sind, in den man konkret eingebunden ist. Für diese Haltung steht am Anfang der Moderne Michel de Montaigne, wenn er in seinen „Essais“ schreibt: „Ich male nicht das Sein, ich male den Übergang.“ Ich sehe mein Philosophieren eher auf Montaignes Seite.

    Und deshalb haben Sie nun einer solchen Übergangsgestalt unserer Moderne eine eigene philosophische Abhandlung gewidmet, die, wie Sie schreiben, gleichzeitig eine „Abenteuergeschichte“ ist.

    Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich der Held meiner Geschichte – nämlich die Gestalt des puer robustus oder eben des Störenfrieds – dadurch auszeichnet, dass er keinen festen Platz im Leben hat.

    Die ›innere Migration‹ ist die politisch eigentlich bedrohliche


     

    Dadurch wird er von all den anderen, die ihren Platz im Leben bereits genau zu kennen glauben, als jemand wahrgenommen, der die bestehende Ordnung stört und infrage stellt. Als eine Art Überraschungsgast ist er immer für Abenteuer gut – sei es, dass er auf der Schwelle zu etwas Neuem steht, sei es, dass er die Party sprengt.

    Gemäß Ihrer Erzählung fällt die Geschichte der westlichen Demokratie mit der Geschichte des Störenfrieds als radikaler Randgestalt zusammen. Also keine Demokratie ohne radikale Störer?

    Systematisch gesehen konzentriert sich in der Gestalt eines radikalen Störenfrieds schlicht die Grundfrage jeder politischen Philosophie. Sie lautet: Wie legitimiert sich eigentlich die bestehende Ordnung? Denn zu jeder Ordnung gibt es ja Alternativen. Außerdem schließt jede Ordnung gewisse Verhaltensweisen explizit ein – und aus. Sonst ist sie keine. Rein philosophiehistorisch betrachtet taucht der puer robustus als Gestalt eines Menschen, der die bestehende Ordnung bedroht, bei Thomas Hobbes 1647 zum ersten Mal auf. Wenn man so will, steht er also tatsächlich am theoretischen Ursprung der westlichen modernen Politik.

    Wie beschreibt Hobbes die Figur des puer robustus, deren Karriere Sie dann in Ihrem Buch über mehr als drei Jahrhunderte verfolgen und nachzeichnen?

    Hobbes spricht wörtlich davon, dass „ein böser Mann so ziemlich einem kräftigen Knaben oder einem Manne mit kindischem Sinne gleicht“. Kräftiger Knabe, lateinisch: puer robustus. Hobbes’ gesamte politische Theorie beruht nun darauf, eine Ordnung zu errichten, die aus einer freien und vernünftigen Entscheidung der betroffenen Personen hervorgeht. Das ist das Konzept des Leviathans: Man tritt als Subjekt gewisse Rechte an den Staat ab und unterwirft sich freiwillig gewissen Regeln, weil man einsieht, dass das besser für alle und vor allem für einen selbst ist. Der puer robustus ist nun der hobbessche Albtraum eines Menschen, der dieses bürgerliche Spiel nicht mitspielt, der die vorgeblich vernünftigen Regeln nicht einsieht, ihnen nicht folgt – und der dazu noch über gehörige physische Kräfte verfügt. Er ist der Bad Boy jeder Ordnung. Gleichwohl stecken gerade in solchen Schwellengestalten ein enormer Lebenshunger und das Potenzial zur produktiven Störung. So ergibt sich eine interessante Spannung – gerade in sogenannten offenen Gesellschaften. Welcher Friede ist ein fauler Friede? Welche Störung gefährdet die Gesellschaft? Welche bringt sie weiter? Es gibt darauf keine Antworten a priori. Darin besteht, wenn Sie so wollen, ja gerade das Experiment oder eben das Abenteuer der Demokratie. Demokratien ohne radikale Störenfriede sind jedenfalls keine.

    Sie betonen immer wieder den Schwellencharakter dieser Störenfriede. Verstehe ich Sie richtig, dass diese Störenfriede also weder ganz von außen auf das System einwirken noch bereits innen sind?

    Ja, und das ist mir besonders wichtig, weil gerade in der heutigen politischen Philosophie sehr viel über totale Ausgrenzung und Andersheit gesprochen wird, weniger aber über die Randbereiche einer Ordnung. Der puer robustus ist aus meiner Sicht deshalb systematisch viel wichtiger als etwa der homo sacer von Giorgio Agamben, der als eine Gestalt gedacht wird, die ganz außerhalb des Systems steht und so von diesem als rechtloses Subjekt einfach ausgelöscht werden kann. So war es beispielsweise im alten römischen Recht der Fall und so verhielt es sich auch, um mit Agamben zu sprechen, bei den KZ-Häftlingen. Das sind absolute Extremfälle, die, wenn man sie zur Grundlage einer Theorie macht, sehr leicht in einen Jargon des absoluten Innen und Außen, des absolut Eigenen und Anderen führen. Historisch wie systematisch ist es aber so, dass die eigentlich wichtigen Dinge an den Rändern geschehen. Gerade dort herrscht historischer Hochbetrieb.

    Populisten und Islamisten sind nicht Störer, sondern radikale Ordnungsfanatiker


     

    Könnten Sie konkrete Beispiele nennen?

    Die klassische Figur in diesem Sinne ist Schillers Wilhelm Tell. Der fängt als reiner Quertreiber an und wird am Schluss zum Gründer einer neuen Ordnung. Aber Sie können realhistorisch auch daran denken, dass der puer robustus von Karl Marx im Proletarier oder von Victor Hugo in den Pariser Barrikadenkämpfern wiederentdeckt worden ist. Selbst in Barack Obama steckt ein kleiner Störenfried. Manchmal wird die Störung selbst zum neuen Zentrum und erzeugt dann notwendig neue Ränder und Aufrührer. Wer sich immer nur auf das absolute Außen, die radikale Andersheit konzentriert, macht es sich philosophisch zu bequem.

    Das klingt wie eine grundsätzliche Kritik am derzeitigen Diskursverhalten. Gerade die politisch Linken huldigen dem Kult des „absolut Anderen“ und „ganz und gar Ausgegrenzten“.

    Ja, sowohl die Rede über Andersheit als auch die Rede über Identität sind derzeit pathetisch aufgeladen, auch aufseiten der Theorie. Obwohl beide theoretischen Lager nicht miteinander reden und keine Gemeinsamkeiten sehen, sind es letztlich verwandte Phänomene. Im einen Lager feiert man die Figur des anderen, über den man dann allerdings möglichst wenig sagen darf, weil man ihn oder sie damit ja schon irgendwie festlegt und vom System aus bestimmt. Dieser andere muss also etwas ganz Geheimnisvolles bleiben. Die andere Fraktion spricht von Leitkultur und Identität, als sei eine Gesellschaft eine wertvolle Vase im Regal und nicht selbst ein lebendiges Ganzes, das sich in permanenter Transformation befindet. Man erschöpft sich also beidseitig in Schutzhaltungen der totalen Alterität oder Identität.

    Heute denkt man bei Bewegungen an den Rändern unserer Ordnung nicht zuletzt auch an Migranten und Flüchtlinge. Und zwar nicht selten im Sinne einer Störung, sei es im guten wie im schlechten Sinne.

    Dieses Phänomen der Migration ist uns vielleicht viel weniger fremd, als wir glauben. In unserer Gesellschaft findet nämlich seit jeher so etwas wie „innere Migration“ statt. Sie beschreibt das Verhältnis des puer robustus zu seiner jeweiligen Gesellschaft sehr präzise. Viele der politischen Störenfriede, die ich behandle, sind innerliche Migranten. Sie fühlen sich fremd in der Ordnung, in der sie faktisch aufgewachsen sind. Bei Kleist gibt es eine schöne Stelle, da nennt er sein „Herz“ eine „Südfrucht“ im Norden, die „treibt und treibt“, aber nicht reifen kann – und er sagt: „Ich passe mich nicht unter die Menschen.“

    Diese Form der Migration hätte dann eher mit generationellen als mit geografischen oder kulturellen Fragen zu tun?

    Das ist ja durchaus eine elementare Frage der politischen Theorie: Inwieweit eine Generation der kommenden vorschreiben kann, an welche Regeln sie sich zu halten hat. Ein Politiker wie Thomas Jefferson ist aus genau diesem Grund zu dem Schluss gekommen, die Gültigkeit von Gesetzen zeitlich zu limitieren, ihnen sozusagen von Beginn an ein Verfallsdatum zu geben. Es gibt in allen revolutionären Bewegungen dieses Bewusstsein: Man will keine fremde Ordnung über sich verhängt sehen und sie später auch anderen nicht aufzwingen. Diese Alterität der inneren Migration ist zunächst viel unscheinbarer, weil sie uns gerade nicht in Gestalt eines fremdartigen Menschen, einer Störung aus der Ferne entgegentritt.

    Klingt nach ewiger Pubertät, zumindest ewigem Vaterkonflikt. Sie haben ja selbst zuvor ein Buch über die Figur des Vaters geschrieben, und Ihr Vater war in den 1960er und 1970er-Jahren ein sehr einflussreicher Psychoanalytiker in der Bundesrepublik.

    Man kann sagen, dass die Dramatisierung der sogenannten Pubertät selbst ein modernes Phänomen ist. Es ist ja durchaus vorstellbar, dass jemand in einer Kultur aufwächst, dort genau gesagt kriegt, was er zu tun hat, und dass dieser Prozess so verschult und starr ist, dass es gar nicht erst zur inneren Migration kommen kann. Aber genau so soll es in einer Demokratie ja nicht funktionieren. Sie ist nicht das Schauspiel einer Dauerpubertät, sondern ein Projekt von Menschen, die bewusst beweglich bleiben.

    Werke von Dieter Thomä
    Fern von Ratgeberkultur, Patentrezepten oder Freischeinen deutet Thomä das Streben des modernen Menschen nach „Glück“ als Ausgangspunkt einer Kritik der jeweiligen Gegenwart.
    Die gesellschaftliche Stellung des Vaters durchläuft einen stetigen Wandel. Aus der historischen Vogelperspektive untersucht Thomä die Frage, was Vatersein bedeuten kann und soll.
    Mit seinen Porträts einflussreicher Philosophen, deren Theorien eine autobiografische Wende nahmen, wagt Thomä eine inspirierende Ideengeschichte der Gegenwart.
    Was tun mit Menschen, die sich einfach nicht ins System einpassen wollen? Von Hobbes ausgehend legt Thomä die Spannung zwischen Ordnung und Störung in modernen Demokratien frei.

    Könnte es sein, dass sich derzeit eine gesamte europäische Generation in einer Art inneren Migration befindet, die von dieser Regierungsform wegführt?

    Sicher, im Moment ist es so, dass wir mit einer Reihe von Störenfrieden konfrontiert sind, die sich als Randfiguren stilisieren und von dort aus eine Art Verweigerungshaltung einnehmen. Sie ziehen klare Linien, rufen: „Ihr seid die Lügenpresse!“, „Ihr seid das Establishment!“, „Ihr seid Washington, Brüssel …!“ Das Gefährlichste ist immer, wenn Störer anfangen, sich in einer eigenen, ganz fest gezimmerten Welt der Vorurteile einzurichten, wohingegen der wahre Störenfried in einer Demokratie – das ist sozusagen seine Arbeitsplatzbeschreibung – ja immer eine Art Ungewissheit hat, sich noch nirgendwo eingerichtet hat. Pathetisch ausgedrückt ist der Moment, in dem sich der Störenfried irgendwo einrichtet, der, in dem er sich selbst verrät. Er wird dann selbst zum radikalen Ordnungsfanatiker. Dieses Phänomen ist etwas, wenn man es brutal ausdrücken will, was Populisten und Islamisten derzeit gemeinsam haben.

    Sie nennen diesen Typus auch den „massiven Störenfried“. Warum?

    Der Aspekt des Selbsthasses spielt bei diesem Typus eine wesentliche Rolle. Den „massiven Störenfried“ kann man in der Geschichte des puer robustus als Erstes im Faschismus beobachten. Max Horkheimer spricht in diesem Kontext vom „kleinen Wilden“ und zitiert dabei Diderot, der sich wiederum an Hobbes anlehnt. Nur ist dieser „kleine Wilde“ bei Horkheimer kein charmanter Exzentriker mehr wie noch bei Diderot, sondern erst einmal jemand, der radikal verloren und desorientiert ist: finanziell, sozial, weltanschaulich. Und nun gibt es diesen Punkt, der dazu führt, dass dieser Störenfried nicht nur ein gemeiner Krimineller wird, sondern sich stattdessen politisiert, und dieser Punkt wird erreicht, wenn der Überdruss an der Verlorenheit des eigenen, läppischen, machtlosen, kleinen Ichs so überwältigend ist, dass er sich nach einer höheren Erfahrung sehnt und Teil eines großen Ganzen werden will, das dann ganz homogen und aus einem Guss sein muss. Er will also mit seinem Ich in der Masse aufgehen. So wird der Jude als „Volksfeind“ verprügelt oder eben das Attentat gegen die „Ungläubigen“ begangen.

    Das kann dann als Störimpuls mit Demokratie aber nichts mehr zu tun haben, oder?

    Nein, sondern das ist eben eine Störungsform, die ich die „gestörte Störung“ nenne, denn diese Störung ist selbst wiederum extrem ordnungssüchtig. Entsprechend kann man auch sagen, dass dieser „massive Störenfried“ ein Nebenprodukt einer extrem individualisierten Gesellschaft ist, in der die kleinen „Ichs“ von sich die Nase voll haben. Man kann diese beiden Phänomene nicht voneinander trennen. Im dunkelsten Fall will man sich dann mit dieser imaginären Ordnung so total vereinigen, dass selbst der eigene Leib, die eigene lebendige Existenz als Hemmnis für die angestrebte Symbiose erscheint. Wie dieses Motiv des Aufgehens in einer totalen Einheit zur Todessehnsucht wird, kann man vor allem bei den heutigen islamistischen Terroristen beobachten.

    Das scheint sich mit der Diagnose zu decken, viele der jüngsten männlichen Amokläufer beziehungsweise Attentäter seien narzisstisch gestörte Persönlichkeiten.

    Eigentlich liegt der Störenfried, um den es mir vorrangig geht, quer zu dieser Narzissmustheorie. Und das aus dem einfachen Grund, dass Narzissmus ein Ich-Thema und eine Ich-Störung ist. Während der politisch relevante Störenfried nicht immer nur in den Spiegel sieht, sondern auch hinaus in die Welt schaut. Wer merkt, dass er irgendwie nicht „passt“, dass er seinen Platz noch nicht gefunden hat, ist erst unterwegs zu sich selbst – aber auch unterwegs zu anderen. Die Selbstbeschreibung dieses Störenfrieds basiert also immer auf einer Bezugnahme zu jemand anderem oder allen anderen. So weit kommt der extreme Narzisst gar nicht.

    Dennoch liest sich Ihre Abenteuergeschichte der Störenfriede auch wie eine Geschichte der modernen Männlichkeit, bis hin zur aktuell dominierenden Schwundstufe des „gestörten Störers“.

    Es gibt derzeitig bei den Männern sicherlich eine gewisse Bereitschaft, sich verkannt und gering geschätzt zu fühlen. Und das eigentlich kulturübergreifend, also auch unabhängig von religiösen Prägungen, weil Männer sowohl hier als auch anderswo schlicht daran gewöhnt sind, das Sagen zu haben. Offenbar existiert hier ein leicht abrufbares Kränkungspotenzial, gerade bei den Männern, die sich als gesellschaftlich abgehängt erfahren. Genau diese Männer sind es ja auch, die einen so egozentrischen Störenfried wie Donald Trump wählen.

    Sie haben 2011 angefangen, an diesem Buch zu arbeiten, und es vor kurzem abgeschlossen. In diesen fünf Jahren kam es auch zu einer rapiden Zunahme an radikalen Störungen des Systems und dem Auftreten zahl­reicher neuer Störenfriede – hier wie anderswo.

    Ja, das war schon ein bisschen unheimlich. Ich habe zur Zeit des Arabischen Frühlings und von Occupy Wall Street angefangen und komme nun beim Aufschwung der Populisten und selbstradikalisierten Attentätern zu einem Ende. Eine brutale Beschleunigung also, vor allem, wenn man an einer Geschichte arbeitet, die sich über Hunderte von Jahren erstreckt. Es besteht dann die Gefahr, das historische Weitwinkelobjektiv mit einem ganz engen Teleobjektiv zu vertauschen, das nur noch auf die aktuellen Täter blickt. Im historischen Weitwinkel sieht man sehr viele produktive, attraktive Störenfriede, aber natürlich auch garstige Gesellen, die an Abscheulichkeit kaum zu überbieten sind. Und das galt auch für die letzten fünf Jahre, die mir deshalb wie eine extrem beschleunigte Version des Zeitraums erschienen, über den ich eigentlich schrieb.

    Wie schätzen Sie die Störungsresistenz der westlichen Demokratien derzeit ein?

    Im Moment scheint es so, als würden sämtliche möglichen Störenfriede gleichzeitig ihren Auftritt haben und sogar übereinander herfallen. Das wäre also in der Tat eine besonders explosive Lage. Dennoch muss man genau hinsehen und wählerisch bleiben. Das heißt für mich, einerseits der Versuchung zu widerstehen, Störenfriede zu romantisieren, andererseits aber auch zu betonen, dass jede Ordnung gestört werden darf, dass keine Ordnung sakrosankt ist. Der zweite Aspekt scheint mir derzeit sogar der wichtigere zu sein. Gerade mit Blick auf die Entwicklung unserer westlichen Demokratien. •

    Dieser Beitrag wurde in Ausgabe Nr. 6 / 2016 veröffentlicht.

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