Die Welt als Blase

Vollüberdacht, klimakontrolliert, lustmaximierend. Willkommen in der Welt von morgen! Anstatt sich an einer zunehmend lebensfeindlichen Außenwelt abzuarbeiten, setzen Utopisten verstärkt auf die Idee einer voll technisierten Kunstsphäre. Wie es sich anfühlt, sollte diese Vision Wirklichkeit werden, lässt sich bereits heute in einem alten Zeppelin-Hangar außerhalb Berlins erspüren.

Eine Reportage Von Philipp Felsch und Yael Reuveny


Bild: © Jan Single

Philipp Felsch

ist Juniorprofessor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin. Jüngste Publikation: „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte“ (C.H. Beck, 2015)


Bild: © privat

Yael Reuveny

ist Dokumentarfilmerin und lebt in Berlin und Tel Aviv. Ihr Film „Schnee von ges- tern“ (2014), der einen Teil ihrer Familiengeschichte erzählt, wurde mit zahlrei- chen Preisen ausgezeichnet

Nachdem uns der Shuttle-Bus zurück auf die Erde gebracht hat, stehen wir wortlos an den Gleisen. Der Bahnhof von Brand in der Niederlausitz ist ein trostloser Ort. Ein verrammelter Backsteinbau im schütteren Kiefernwald und nasser Schnee auf ausgebrannten Fundamenten. Kaum zu glauben, dass hier schon seit 25 Jahren keine DDR mehr ist. Doch trotz der Tristesse kommt uns die Szene idyllisch vor. Inbrünstig heben wir die Augen zum grauen Himmel. In tiefen Zügen atmen wir die nach Braunkohle duftende Luft. In einer halben Stunde kommt der Regionalexpress, der uns zurück nach Berlin bringen wird. Zeit genug, um ein paar der Eindrücke zu notieren, die uns in den letzten 24 Stunden zuteilgeworden sind.

Wir haben gesehen, wie 6000 Kubikmeter Wasser mit Natriumhypochlorit-Konzentrat „geimpft“ werden. Wir haben irgendwann aufgehört, die Tribal-Tattoos, Bauchnabel-Piercings und Deutschlandtrikots zu zählen. Wir haben festgestellt, wie viele Gerichte es gibt, die man mit Dosenananas verfeinern kann. Wir haben herausgefunden, dass wir zusammen 135 Kilo wiegen. Wir sind in einem Heliumballon über den Regenwald geflogen. Bei 28 Grad haben wir einen Tag und eine Nacht lang nichts als unsere Badesachen angehabt. In einer sprudelnden, grün leuchtenden Lagune sind wir um Mitternacht in hysterisches Gelächter ausgebrochen. Wir haben vergeblich versucht, einen hellblauen Papagei namens Carlos zum Sprechen zu bringen. Wir haben angefangen, uns gegenseitig mit Nummern anzureden. Wir waren überrascht festzustellen, wie leicht uns das fiel.

Tropical Islands, Europas größtes tropisches Indoor-Badeparadies (wie der malaysische Betreiber seine Anlage bewirbt), befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen sowjetischen Militärflughafens. In den sechziger Jahren soll Juri Gagarin hier einmal gelandet sein. In einem gigantischen Hangar, den die Cargolifter AG in den Jahren um die Jahrtausendwende auf dem brachliegenden Gelände für ihren nie in Fertigung gegangenen Lastenzeppelin errichten ließ, wachsen heute mehrere gefühlte Hektar Regenwald. Während der Hochsaison im Winter passen bis zu 6000 Besucher in die Halle. Für 1000 von ihnen gibt es Übernachtungsmöglichkeiten – vom individuell gestalteten Designerzimmer über die Lodge am Ufer der Lagune bis zum Safarizelt. Im Hochsommer parken manche Gäste ihre Wohnmobile auf dem nahen Campingplatz und gehen zum Baden in die Kuppel. Es gibt Tropical-Islands-Fans, die seit Jahren kommen. Ein älteres Ehepaar verbringt in jedem Februar drei Wochen am Stück im Zelt. Von der Terrasse unseres im spanischen Kolonialstil gehaltenen Zimmers können wir seinen Lagerplatz gut überblicken. Die bunten Handtücher, die in den Bäumen hängen, werden hier wahrscheinlich niemals richtig trocken. Durch die Blätter sieht man die große Rutsche, von der fernes Geschrei herüberweht. Nichts sei in der großen Architektur, hat der Theoretiker der Sphären Peter Sloterdijk notiert, was nicht zuvor in der Metaphysik gewesen sei. Daher überprüfte er die Kuppeln und Rundbauten der Zivilisationsgeschichte auf ihre geistigen Gehalte. Auch Tropical Islands ist mehr als ein Spaßbad und eine Wellness-Oase. Der Dom, in den der Eiffelturm liegend und die New Yorker Freiheitsstatue stehend passen, simuliert eine ganze Welt.

Kerbe im Realitätskontinuum
Auf dem Shopping Boulevard von Tropical Islands kann man Badelatschen kaufen; es gibt Airbrush-Tattoos und Sonnenbrillen und Lektüre für den Strandurlaub: die neue Helene-Fischer-Biografie, das Tagebuch der Anne Frank und „Das große Nutella Kochbuch“. Besonders empfohlen wird eine Hommage an den „Blauen Planeten“. Fotos der Erde, wie sie das Coffee-Table-Book enthält, sind seit den siebziger Jahren die Ikone aller künstlichen Biosphären. „The good old earth“, hatte der Astronaut Bill Anders im Dezember 1968 in sein Funkgerät gesagt, als er die Erde während der ersten Mondumrundung im Fenster von Apollo 8 aufgehen sah. Doch obwohl sein Bekenntnis von Heimweh nie den Bekanntheitsgrad des berühmten Satzes erreichte, mit dem Neil Armstrong im Jahr darauf seinen Schritt auf die Mondoberfläche kommentierte, bezeichnet er den entscheidenden Wendepunkt der NASA-Mission. Auf lange Sicht machte die Eroberung eines leblosen Himmelskörpers nämlich weniger Eindruck als der Blick zurück vom Mond. Der Anblick der Erde, die verloren im Weltall schwamm, leitete die Wende zum ökologischen Denken ein. Er schuf ein Bewusstsein dafür, dass wir keine Alternative haben. Dass das Verhalten jedes Einzelnen Konsequenzen für alle anderen nach sich zieht. 1969 veröffentlichte der Architekt und Futurist Richard Buckminster Fuller seine Bedienungsanleitung für das „Spaceship Earth“. Aus demselben Jahr datiert der deutsche Neologismus „Umweltschutz“.

In den siebziger Jahren, nachdem die Prognosen des Club of Rome die Wachstumseuphorie in den westlichen Industrienationen gedämpft hatten, stellte die NASA weitere Mondmissionen ein und begann stattdessen, in die Erforschung der Funktionsweise von künstlichen Biosphären zu investieren, denn was dem Raumschiff Erde fehlte, waren Rettungsbote. Den ersten Einschließungsversuch mit Menschen unternahmen die Sowjets gegen Ende des Jahrzehnts. In den Achtzigern, als während des zweiten Höhepunkts des Kalten Krieges der Atomkrieg in greifbare Nähe zu rücken schien, intensivierten sich die Bemühungen auf diesem Gebiet. 1983 hätte ein fehlgedeutetes NATO-Manöver um ein Haar einen sowjetischen Präventivschlag provoziert. Auch auf dem Flughafen Brand saßen die russischen Piloten startklar in ihren Bombern und hatten nukleare Sprengköpfe an Bord. Wenn es damals zum Ernstfall gekommen wäre, würde sich hier heute vielleicht auch eine Kuppel aus der Ebene erheben. Nur hätten wir sie dann womöglich noch nie von außen gesehen.

Draußen in der Niederlausitz herrschen heute Temperaturen um die null. Von drinnen schlägt uns feuchte, warme Luft entgegen. Obwohl Tropical Islands weder hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt ist noch uns irgendjemand daran hindern wird, den Hangar morgen wieder zu verlassen, fühlt sich die Drehtür ins Innere wie eine Kerbe im Realitätskontinuum an. Während wir uns durch die langen Schlangen von Familien und Teenagergruppen kämpfen, um zum Presseeingang zu gelangen, gehen uns die Bilder von 1991 durch den Kopf, als die Bewohner der Biosphere 2 vor den Augen der Fernsehöffentlichkeit in ihr Paralleluniversum zogen. „Was passiert, wenn man Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen in eine Glasflasche steckt und diese dann verschließt?“, lautete in den Worten des leitenden Ingenieurs die Frage hinter dem wohl aufwendigsten Versuch, eine künstliche Welt zu schaffen, der bis heute unternommen worden ist. Mit fünf Klimazonen, darunter eine Savanne, ein Regenwald und ein 250 000 Liter Salzwasser umfassender Ozean, emulierte Biosphere 2 in der Wüste von Arizona eine zweite Erde. Die Glaskuppel, von einem Buckminster-Fuller-Schüler entworfen, war an die Form eines Maya-Tempels angelehnt. Nach dem Vorbild von Noahs Arche bestand die Crew, die zwei Jahre in der Kuppel überleben sollte, aus vier Frauen und vier Männern. Nachdem sich die luftdichten Türen geschlossen hatten und die Bewohner von der anderen Seite der Scheibe in die Kameras winkten, sahen sie in ihren roten Overalls wie eine Mischung aus Astronauten und Todeskandidaten aus.

Im Umkleidetrakt, der mit seinen Orange- und Brauntönen wie eine Sportanlage aus den siebziger Jahren wirkt, entledigen auch wir uns unserer Alltagskleidung. Die Uniform, die in Tropical Islands getragen wird, ist die Bademode. Ein Österreicher, der schon zum siebten Mal kommt, schwärmt davon, dass er für eine Woche Urlaub nicht mehr als ein Hemd und eine Hose braucht. Das sind die Sachen, die er während der zehnstündigen Anfahrt aus dem Waldviertel trägt. Für den Rest der Zeit kramt er Campingutensilien und ein Paar albern gemusterte Shorts hervor. Bis zur Abreise gibt es keinen Grund, die Halle zu verlassen. Mit unseren Kleidern lassen wir auch unser Geld, unsere Karten und Schlüssel im Spind zurück. Alle Insassen von Tropical Islands bekommen eine Art Armbanduhr aus blauem Plastik ausgehändigt, die einen Chip und eine Nummer trägt. Bezahlt wird, wie bei IKEA, erst am Ende des Vergnügens. Auf diese Weise verliert man leicht die Übersicht. Daher gab es am Anfang Probleme mit zu hohen Rechnungen.

Nichts sei in der Architektur, was
nicht zuvor die Metaphysik beschäftigte,
so Sphären-Theoretiker Sloterdijk


 

Unterwegs im Anthropozän
Leicht bekleidet stürzen wir uns in unser Indoor-Abenteuer. Erster Eindruck: Die Halle ist wirklich groß. Wir haben das seltene Glück, dass eine helle Februarsonne scheint. Auf der Südseite ist der Dom mit einer für UV-Licht durchlässigen Kunststoff haube abgedeckt. Daher kann man sich am großen Südseestrand bei diesem Wetter einen Sonnenbrand holen. Wir spazieren in den Regenwald, durch dessen Blätterdach vereinzelte Sonnenstrahlen dringen. Auch die Schildkröten scheinen sich hier wohlzufühlen; aus guter Deckung beobachten wir ein Pärchen beim Liebesspiel. Die beiden Fesselballone, die hoch oben in der Kuppel schweben, verleihen der Szene einen retrofuturistischen Touch. Unter einer Gruppe von Baobab-Bäumen machen uns Schautafeln mit den Helden des klassischen Entdeckerzeitalters vertraut: Alexander von Humboldt, Georg Forster, Maria Sibylla Merian. Wir betrachten Schlangen- und Schmetterlingspräparate. Von weit weg kommt gedämpfte Discomusik. Das ist, erklärt uns unsere Begleiterin aus der PR-Abteilung, die morgendliche Aerobic-Gruppe. Michael Jacksons „Blame it on the Boogie“ vermischt sich mit exotischen Vogelstimmen. Gegen Abend werden sich Zikaden hinzugesellen.

Doch die Geräusche des Dschungels kommen aus versteckten Lautsprechern. Und die Anhöhe, auf der der Regenwald wächst, ist hohl. Drei Etagen tief ist das Tropenparadies unterkellert. Von hier aus „fahren“ die Ingenieure die Anlage rund um die Uhr im Dreischichtsystem. Im Anthropozän, von dem die Philosophen seit ein paar Jahren reden, baut der Mensch nicht nur Autos und Häuser. Er bringt auch sein Gegenüber, die Natur hervor. Schon in den fünfziger Jahren diagnostizierte Martin Heidegger, als Bewohner des technischen Zeitalters seien wir von der Technik in eine technische Seinsform „gestellt“. Genau wie wir wäre er hier daher sicherlich als Erstes in die Katakomben hinabgestiegen. Während der Kreuzfahrt, die er 1966 in sein geliebtes Griechenland unternahm, hielt er sich lieber unter Deck im Maschinenraum auf, als Tempelruinen zu besichtigen. Um die Conditio humana nach dem Zweiten Weltkrieg zu ergründen, schien es ihm unumgänglich, der Technik, dieser „höchsten Gefahr“, ins Auge zu sehen. Unter Technik verstand Heidegger allerdings nicht nur Maschinen und Apparate, sondern eine Weise des Weltzugangs, die die Dinge darauf reduzierte, funktional zu sein. Daher plädierte er für urtümlichere „Weisen des Entbergens“ und hielt an der Dichtung als höherer Wahrheit fest. „‚Der Rhein‘, verbaut in das Kraftwerk, und ‚der Rhein‘, gesagt aus dem Kunstwerk der gleichnamigen Hymne Hölderlins“: Dazwischen lagen nach Heideggers Ansicht Welten.

In der „Technosphäre“ von Tropical Islands stoßen wir auf die Bedingungen der Möglichkeit des Tropenparadieses: Schwefelsäurefässer, blinkende Anzeigetafeln und ohrenbetäubender Pumpenlärm. Nicht allem, was auf unserer Führung in schnörkelloser Brandenburger Art erklärt wird, können wir daher folgen. In den großen Tanks hier vorne wird die Südsee gefiltert, dort drüben springt gerade einer der großen Whirlpools an. Dank eines Kraftwerks und eines Grundwasserbrunnens, den noch die Russen gebohrt haben, verfügt die Wellness-Oase über eigene Ressourcen. Dass die Rote Armee die Infrastruktur gebaut hat, auf der heute das kapitalistische Spaßbad thront, ist ein schönes Beispiel für die Dialektik der Geschichte. Weil permanent Außenluft auf 28 Grad Celsius vorgeheizt und in die Kuppel geblasen wird, herrscht im Hangar tags- und nachtsüber eine Einheitstemperatur. Es beruhigt uns zu hören, dass elektronische Sensoren die Zusammensetzung der Binnenatmosphäre ständig überwachen. „Steuerung und Sicherung“: Das hatte schon Heidegger als Kerngeschäft des technischen Zeitalters ausgemacht. Eine der größten Schwierigkeiten, mit der die Bewohner der Biosphere 2 zu kämpfen hatten, war der rätselhafte Sauerstoffschwund. Um das Experiment nicht aufs Spiel zu setzen, durfte bis zur Lokalisierung der Fehlerquelle keine Frischluft eingeleitet werden. Daher litt die Crew während des ersten Jahres nicht nur unter Hunger, sondern auch unter Atemnot. Wie man seither weiß, erschwert chronischer Sauerstoffmangel die Gemeinschaftsbildung. In absurder Verdoppelung der globalen Lage kam es auch in der gläsernen Maya-Pyramide zum Kalten Krieg. Während sich die Eingeschlossenen wegen der vielen Süßkartoffeln orange verfärbten, wuchs ihre Missgunst untereinander. Als die Ursache schließlich gefunden wurde, hatten sie längst zu kommunizieren aufgehört.

Außenansicht der Tropical Islands. Der ursprünglich für einen Lastenzeppelin erbaute Hangar befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen sowjetischen Militärflughafens in der Niederlausitz
Bild: © CC-by-SA 3.0 Stephan Kühn


 

Lust am Exotismus
Nach dem Rundgang durch Bio- und Technosphäre haben wir unser Pflichtpensum erfüllt. Jetzt gilt es, Spaß zu haben. Es ist ein Uhr mittags: Zeit für einen leichten Lunch. Denn danach haben wir bis zum Abend noch ein paar Stunden Wellness vor. Die Karte im Restaurant Tropical Gardens ist nicht nur auf Deutsch und Englisch, sondern auch auf Polnisch verfasst. Sie klärt darüber auf, dass „Penne Coco Loco“, die „jamaikanische“ Nudelpfanne, auf einer „altindischen“ Rezeptur beruht. Vor lauter Tropenbegeisterung überschlagen sich hier manchmal die Exotismen. Das kann man auch an der Architektur von Tropical Islands ablesen, die selbst den Eklektizismus der Postmoderne in den Schatten stellt. Auf engstem Raum tummeln sich ein thailändischer Tempel, ein karibisches Piratennest und ein Langhaus aus Borneo, in dem man Pizza und Currywurst essen kann. Der thailändische Tempel, der aus Originalteilen besteht, wurde vor der Wiedereröffnung von einheimischen Priestern rituell gereinigt.

Nach dem Essen versuchen wir, einen Liegeplatz an der Südsee zu ergattern. Da der Sandstrand aber hoffnungslos überfüllt ist, machen wir uns stattdessen zur Saunalandschaft auf. Dazu müssen wir ein zweites Mal den Regenwald durchqueren. Vom Dach der Kuppel fällt Kondenswasser in dicken Tropfen auf die Blätter. Als wir zum dritten Mal an den Schildkröten vorbeikommen, dämmert uns, dass man sich in Tropical Islands tatsächlich verirren kann. Anders als am Vormittag liegen die Tiere jetzt träge im Wasser. Am Himmel sind Wolken aufgezogen. Im diffusen Licht wirken die Bäume staubig. Unmerklich verwandelt sich das Spaßbad in eine Innenwelt. In den vergangenen Stunden ist kein Windstoß durch den Dom gegangen. Der Gedanke, dieselbe Luft wie die 5200 anderen zu atmen, die mit uns ihre Freizeit gestalten, verursacht plötzlich Atemnot. Doch was uns am meisten irritiert, ist der Verlust des Zeitgefühls. Der habituelle Blick, den wir hin und wieder auf unsere Handgelenke werfen, hilft nicht weiter; er ruft uns nur unsere Nummern in Erinnerung zurück.

Man kennt das Gefühl von langen Flugreisen: Was hilft, ein Gitternetz über die teigige Zeit zu legen, sind die Mahlzeiten. Deshalb hat jede Erdnuss, die man zwischen Start und Landung kriegt, beinah ein existenzielles Gewicht. Hier drinnen scheint die bessere Alternative aber der Aufgussplan zu sein, der im Format DIN A2 unübersehbar an allen Saunen hängt. Wie das Glasen der Schiffsglocke gibt er den Rhythmus vor. Er verkündet, wo wann im Saunalabyrinth welche Essenz auf die heißen Steine gegossen wird – von „Piña Colada“ über den ominösen „Comedy-Aufguss“ bis zur rustikalen Duftnote „Bier und Knoblauch“. Wir entscheiden uns für „Cuba Sunset“. Bis „After Eight“, dem letzten Aufguss, mit dem um 20 Uhr in der Vishnu-Steinsauna der Wellness-Tag ausklingt, ist noch etwas Zeit. Nach dem letzten Aufguss würde man normalerweise die Sachen packen. In Tropical Islands beginnt danach das Abendprogramm.

Als wir dampfend aus der Inipi-Kräuter-Schwitzhütte herauskommen, wird es draußen dunkel. Die ersten Strahler gehen hoch oben in der Kuppel an. Am Ufer der Südsee wird jetzt irgendwo getrommelt. Die Angkor-Wat-Replikation, in der sich eine weitere Sauna befindet, erstrahlt in elektrischem Fackellicht. Über dem Dom ist auf der Südseite eine frühabendliche Mondsichel aufgegangen. „Der gute alte Mond“, müssen wir nicht ohne eine gewisse Sehnsucht denken, während wir uns in flauschige Badetücher wickeln. Er steht wie ein alter Bekannter am Himmel und grüßt aus einer Welt, die den Gefrierpunkt mittlerweile unterschritten hat, während der leichte Regen allmählich in Schnee übergeht.

Fluch der Saturiertheit
Die Probanden der Biosphere 2 hatten rund um die Uhr zu tun. Sie mussten Experimente durchführen, ihre Biosphäre instand halten und ihre Nahrung anbauen. Unsere einzige Aufgabe besteht darin, uns wohlzufühlen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Karl Marx die Entstehung einer klassenlosen Gesellschaft vorausgesagt, in der der Mensch nicht länger zum Arbeiten gezwungen sei. „Das Reich der Freiheit“, schrieb er in seinem Hauptwerk „Das Kapital“, „beginnt erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.“ Auf der anderen Seite führte Marx die historische Vorreiterrolle des Proletariats allerdings gerade auf seine Produktivkraft, also auf die Tatsache, dass es arbeitete, zurück. In der Frage, ob die Arbeit nun die Geißel oder die Bestimmung des Menschen darstellte, blieb er daher immer ein wenig zweideutig. Das gehört bis heute zum Erbe des Marxismus. Zum konsequentesten Verfechter einer hedonistischen Arbeiterbewegung wurde Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue, der 1880 das „Recht auf Faulheit“ propagierte. Als einer der Ersten malte er sich das Leben in der Überflussgesellschaft aus. Wie „glückliche Südseeinsulaner“ sah er die Menschen, deren Arbeit von Maschinen erledigt werde, ihrem leiblichen Genuss und ihrem Nichtstun frönen. Dem Prospektmaterial nach zu urteilen, das wir in der Pressemappe finden, sehen das die Betreiber von Tropical Islands genauso.

Doch die Bilder von fröhlichen Familien und attraktiven Paaren erzählen nur die halbe Wahrheit. Gerade eben haben wir den Österreicher, den wir beim Umkleiden kennengelernt haben, mit glasigem Blick aus irgendeinem Pool herausklettern sehen. Unter dem künstlichen Himmel staut sich die Langeweile. Der Familienvater, der zusätzlich zu seinem eigenen die Armbänder seiner Kinder am Handgelenk trägt, wirkt all seiner Illusionen beraubt. Das erinnert weniger an Paul Lafargue als an Friedrich Nietzsche, der in denselben Jahren eine andere Zukunftsvision entwarf. Der „letzte Mensch“, den er in seinem Versepos „Also sprach Zarathustra“ porträtierte, war für ihn die verächtlichste aller Kreaturen: ein physisch und geistig saturiertes Wesen, dessen letzte verbliebene Leidenschaft seiner Gesundheit galt. Als „Floh“ ließ er den letzten Menschen über eine „klein gewordene“ Erde hüpfen – ohne sich behaupten zu müssen, ohne der Kälte zu trotzen oder echte Sehnsucht zu verspüren. Das Ende der Geschichte, das Nietzsche als Wärmetod entwarf, ist seither in zahllosen Varianten durchgespielt worden: als Ära ohne Kriege, als American Way of Life oder als Rückkehr des Menschen zur Tierhaftigkeit. Auch ohne Nietzsches Herrenmenschenattitüde zu teilen, können wir seinen Schrecken nachvollziehen. Bei der Vorstellung, länger als eine Nacht – oder gar für immer – in einer Welt leben zu müssen, in der selbst die Tempel Saunen beherbergen und die letzten verbleibenden Überraschungen „Überraschungsaufgüsse“ sind, verschlimmert sich die Atemnot.

Peter Sloterdijk zufolge leben wir längst in einer solchen Welt. Vom Mutterleib über die Wohnhöhle bis zur politischen Gemeinschaft identifiziert der Philosoph den Menschen als soziales Blasenwesen, das in „innenhaften, erschlossenen, geteilten Rundwelten“ lebt. Weil zur Bildung von Sphären immer mindestens zwei gehören, manifestieren sie für Sloterdijk unsere ursprüngliche Sozialität. Als entscheidendes Ereignis der Moderne betrachtet er die Entstehung von Überflussgesellschaften, in denen „Verwöhnung“ zur letzten Sorge des Menschen wird. Die Gattungsgeschichte, die er in seinem systematischen Hauptwerk entfaltet, scheint daher beinah zwangsläufig auf Tropical Islands hinauszulaufen. Sloterdijks Posthistorie gleicht der Rückkehr in künstliche Uteri. Als Sinnbild des Lebens im „Verwöhnungsraum“ des Wohlfahrtsstaats bildet er eine japanische Wellness-Oase ab.

„Wir haben das Glück erfunden“, hatte Nietzsche seinem letzten Menschen verächtlich in den Mund gelegt.
Am Ende des Tages sind auch wir in der Wohlfühlblase angelangt.


 

Ausbruch aus dem Paradies
Nach dem Essen ziehen wir uns auf unser Zimmer im Piratennest zurück. Doch die Sloterdijk-Lektüre bereitet Kopfschmerzen. Leider hilft es nicht, das Fenster aufzureißen, denn drinnen wie draußen steht die gleiche tote Luft. Da an Schlaf hier nicht zu denken ist, beschließen wir, der blauen Lagune eine zweite Chance zu geben. Nachts schwimmen zu gehen, darauf waren wir von Anfang an erpicht. Das türkisfarbene Wasser leuchtet verführerisch. Es ist jetzt viel weniger los als vorhin. Ein paar Teenager, die keine Unterkunft gemietet haben, bauen ihr Nachtlager auf Liegestühlen auf. Während der Wasserfall rauscht und die Zikaden zirpen, turteln zwei von den Jugendlichen im flachen Wasser herum. Es ist der erste Fall von sexueller Aktivität, den wir hier bei Menschen beobachten. Tagsüber wird das von der Atmosphäre im Hangar irgendwie nicht unterstützt. Wir lassen uns treiben, schwimmen in die Felsengrotte und werden von der Strömung erfasst, die durch den hinteren Teil der Lagune geht. Hier ist auch um diese Zeit noch ein Schwarm von Kindern unterwegs. Keine schlechte Idee, sich mit ihnen von der Strömung im Kreis herumwirbeln zu lassen. Während der dritten Runde erleben wir einen blubbernden Lachanfall. „Wir haben das Glück erfunden“, hatte Nietzsche seinem letzten Menschen verächtlich in den Mund gelegt. Er hatte recht: Am Ende des Tages sind auch wir in der Wohlfühlblase angelangt.

Das Einzige, was den Moment jetzt noch besser machen könnte, wäre Schokolade. Hier drinnen ist zwar alles zu, aber draußen bei den Kassen haben wir heute Morgen einen Automaten gesehen. Als wir uns zuerst zu unserem Geld und dann ins zugige Foyer hinausstehlen, kommen wir uns wie Fahnenflüchtige vor. Der Automat brummt beruhigend; unsere Wahl fällt auf ein Snickers. Von Kokosnuss haben wir heute genug gesehen. Triumphierend tragen wir unsere Beute in die menschenleeren Umkleidekabinen zurück. Unter grellem Neonlicht machen wir es uns auf den Kunststoffpaneelen gemütlich – und essen den besten Schokoriegel seit langer Zeit. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2015