Die Ideologie der Information

Eine Figur von Licht und Schatten: Julian Assange
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Vor fünf Jahren, noch bevor der Wikileaks Gründer Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London Zuflucht vor einem schwedischen Haftbefehl und möglicher Auslieferung an die USA suchte, brachte das Philosophie Magazin den Australier ins Gespräch mit dem Moralphilosophen Peter Singer.
Nachdem Wikileaks im amerikanischen Wahlkampf mehrfach Material aus dem Inneren der Demokratischen Partei und dem Umfeld Hillary R. Clintons veröffentlichte, weitete sich die Kontroverse um den ohnehin umstrittenen Assange noch aus. Neben den Vorwurf verantwortungslos Informationen ohne inhaltliche Prüfung zu veröffentlichen, und damit unschuldige Menschen zu gefährden, trat nun die Anschuldigung, Wikileaks beziehe sein Material aus Hacks, die im Auftrag des Kreml ausgeführt würden und mache sich so zu einem Werkzeug der russischen Regierung – und mittelbar auch von Donald Trump.

Im Dialog mit Singer spricht Assange über die Axiome, die er seinem Handeln zu Grunde legt, seine Vorstellungen von Moral und darüber, kein Freund von Transparenz zu sein.

Von Alexandre Lacroix

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Julian Assange

Assange kam 1976 in Townsville, Australien zur Welt. 2006 gründete er die Organisation Wikileaks, die fortan geheime Dokumente der Öffentlichkeit zugängig machen soll und 2010 durch die Publikation einer Vielzahl diplomatischer Depeschen bekannt wird. Kurz zuvor hatte die schwedische Justiz eine Anklage wegen Vergewaltigung gegen Assange wieder aufgenommen, die früher im Jahr erhoben wurde. 2012 suchte er Asyl vor den Vorwürfen, das ihm von der ecuadorianischen Botschaft in London gewährt wurde, wo er seitdem lebt.

Tief in der englischen Grafschaft Suffolk. Die Straße führt an ausgedehnten Schweinefarmen entlang. In ihren Pferchen trotten die fetten Tiere hin und her. Es ist seltsam, sich so weit aufs Land hinaus begeben zu müssen, um Julian Assange zu treffen. Einen Menschen, dessen Namen man vor allem mit dem Internet, mit Computerhacking und ‚dem revolutionärsten Akt in der Geschichte des politischen Gebrauchs von Informationstechnologie‘ verbindet.

Peter Singer ist der zweite Mann, den ich an diesem Nachmittag um fünf Uhr sehen soll. Er hat einer transatlantischen Diskussion mit Assange über das Abenteuer Wikileaks zugestimmt, die sie per Skype führen werden. Laut der Zeitschrift New Yorker ist Singer „der einflussreichste lebende Philosoph der Welt“. Er ist vor allem als entschlossener Vorkämpfer für Tierrechte bekannt. Doch das ist nicht Singers einziges Interessengebiet: Im August 2011 veröffentlichte er im Harper’s Magazine eine bemerkenswerte Analyse der Auswirkungen des Internets auf unsere Welt. In diesem Aufsatz unter dem Titel „Visible Man“ zeichnet Singer einen Prozess nach, der die Welt immer transparenter macht. Jeder Mensch wird unter Beobachtung gestellt, für alle sichtbar. Wir verlieren allmählich den Schutz unseres Privatlebens – unsere Vorlieben bei der Freizeitgestaltung oder beim Sex werden öffentlich. Singer ist nicht sicher, ob er diese Entwicklung verurteilen soll. Denn für ihn bietet das Internet auch eine historische Chance, die Menschheit moralischer zu machen. Wenn wir wissen, dass alles am Ende bekannt wird, werden wir häufiger davon absehen, Schlechtes zu tun.

Eine Stunde später befinde ich mich in einem der Empfangszimmer von Ellingham Hall. Das Landhaus gehört Vaughan Smith, dem Nachfahren einer Militärdynastie, die mehrere Jahrhunderte lang im Dienst der englischen Krone stand. Julian Assange betritt das Zimmer. Verblüffend, welch tiefe Ruhe er ausstrahlt. Er wirkt völlig stressfrei – wenn man bedenkt, dass jeden Moment ein Gerichtsentscheid seine Auslieferung besiegeln könnte, dass in den USA eine Sonderkommission hinter verschlossenen Türen prüft, ob man ihn wegen Spionage anklagen kann. Wenn man dazu noch die Gefahr in Betracht zieht, eine zweifellos geringe, aber als Möglichkeit durchaus gegeben, dass ihm eine leichtsinnige Hand ein wenig Gift in den Tee schütten könnte, ist solche Gelassenheit doch erstaunlich. Die Skype-Verbindung ist hergestellt.

Vernunft in der Geschichte

Peter Singer: Als Philosoph interessiere ich mich für Phänomene, die in der Welt etwas bewirken, ich interessiere mich für Versuche, die Welt zu verändern und einen besseren Ort aus ihr zu machen. Und ich sah das, was du, Julian, getan hast, also Informationen offener, zugänglicher zu machen, von diesem Geist bewegt. Gewiss, das ist höchst kontrovers, und deshalb sind die Aktionen von Wikileaks eine Herausforderung für die politische und für die Moralphilosophie. Einerseits lässt sich argumentieren, dieses Ziel der Transparenz und Wahrhaftigkeit von Informationen könne zu besseren Formen des Regierens führen. Andererseits wurde das Vorgehen weithin kritisiert: Die Leute wandten ein, dass es Menschenleben aufs Spiel setze, etwa das Leben von Informanten, oder dass es Diplomatie, wie sie heute betrieben wird, unmöglich mache. Allgemeiner gesagt befürchten die Gegner von Wikileaks, dieses Projekt werde das Vertrauen der Bürger in ihre Staaten untergraben und zu erhöhten Sicherheitsausgaben führen. Das ist wahrlich ein Problem für die angewandte Ethik.

Assange: Ich bin kein großer Freund der Transparenz.


 

Julian Assange: Bevor wir uns dem Abenteuer Wikileaks zuwenden, sollten wir, denke ich, auf gewisse Axiome zu sprechen kommen, an die man sich zu glauben entscheidet oder nicht und die dem eigenen Leben eine Richtung geben. In was für einer Art von Welt würdest du gerne leben? Wie würde eine bessere Welt als die, in der wir leben, aussehen? In meinem eigenen Fall war es Teil meines Wesens, begreifen zu wollen, wie die Welt funktioniert, oder so viele Informationen wie möglich darüber sammeln zu wollen, wie sie funktioniert – was ja auf dasselbe hinausläuft. Als Heranwachsender war es dieser Informationsdurst, der mich erst zum Hacker machte und dann zu Australiens erstem „free speech publisher“ im Internet. 1993 führte ich zusammen mit anderen das Internet in Australien ein. Ich zog aus diesen Erfahrungen zwei Schlüsse. Erstens: Wenn du ohne große Kapitalreserven etwas Wichtiges schaffen willst, etwas mit echtem Effekt, bist du darauf angewiesen, auf einen Prozess des Informationsflusses einzuwirken. Zweitens denke ich, wir treffen unsere Handlungsentscheidungen auf Basis der Informationen, die wir haben. Natürlich tun wir alle dies auf individueller Ebene: Wir wägen unsere Gefühle ab und versuchen einen gewissen Grad an Zufriedenheit zu erreichen auf der Grundlage dessen, was wir für möglich und was wir für unmöglich halten. Doch dasselbe gilt auch im kollektiven Maßstab. Auf Informationen einzuwirken bedeutet, auf die Welt einzuwirken. Davon ausgehend, schaute ich mir an, wie sich die Menge der von vornherein zugänglichen Informationen vergrößern ließe, so dass die „rational agents“ sich auf die bestmögliche Weise verhalten könnten. Im Grunde ist Wikileaks nicht mehr als das: ein Versuch, jedem das Maximum an wahrer Information über seine Umgebung zur Verfügung zu stellen.

Peter Singer: Du legst nahe, dass wir Axiomen gemäß handeln, die wir für gegeben erachten. Wenn ich dich also richtig verstehe, ist der Wert der Transparenz für dich ein Axiom und nicht eine Schlussfolgerung, zu der du aufgrund gewisser Erfahrungen oder Anhaltspunkte kamst?

Julian Assange: Transparenz – nein, ihr spreche ich keinen axiomatischen Wert zu. Es mag dich überraschen: Im Gegensatz zu dem, was manche Leute behauptet haben, bin ich kein großer Freund der Transparenz. Ich glaube vielmehr, die Geschichte zeigt, wenn Menschen einander Informationen über ihre Umgebung weitergeben, die wahr sind, versehen sie sich selbst mit den Mitteln, um gute Entscheidungen über die Umgebung zu treffen, in der sie leben. In dieser eher dünnen Philosophie liegt die Essenz meiner Überzeugungen. Wenn ich sage, so eine Vorstellung habe für mich axiomatischen Wert, so heißt das schlicht, dass ich meine Argumente dafür inzwischen akzeptiert habe und nicht mehr dauernd darüber nachdenken muss. Sie ist zur Ideologie geworden.

Peter Singer: Das alles erinnert mich daran, wie die Buchdruckrevolution die Menschheit veränderte. Im 16. und 17. Jahrhundert begannen gedruckte Bücher nationale Grenzen zu überschreiten, dadurch wurde es möglich, dass Philosophen in Deutschland oder Frankreich oder Schweden miteinander in Austausch traten und damit eine frühe Form der internationalen Gemeinschaft aufbauten. Natürlich beschränkte sich diese intellektuelle Gemeinschaft auf eine relativ geringe Anzahl von Menschen, die lesen konnten, sich Bücher leisten konnten oder Zugang zu Büchereien hatten. Sie war ein eindeutig elitäres Phänomen. Dennoch kann man argumentieren, dass der Buchdruck die humanitäre Revolution des 18. Jahrhunderts auslöste und dass es Gutenberg war, der den Absolutismus der ­Monarchie zu Fall brachte. Wie hoch ist der Anteil der Menschheit, der heute keinen Zugang zum Internet hat – ein Viertel, ein Fünftel, ein Drittel? Solange wir keinen Weg finden, das Internet auf Entwicklungsländer und auch auf deren ländliche Regionen auszudehnen, können wir nicht sagen, dass es schon ein globales Phänomen sei. Wenn es uns jedoch gelingt, die Kosten für den Zugang zu Informationen weiter zu senken, haben wir gute Chancen, eine globale Gemeinschaft zu schaffen. Das wäre eine Neuerung in der Menschheitsgeschichte, und wir haben noch nicht all ihre Konsequenzen abgeschätzt, vor allem nicht auf der politischen Ebene.

Bild: © CC-by-SA 2.0 Fronteiras do Pensamento

Peter Singer

Der Ethiker Peter Singer, geboren 1946 in Melbourne, ist einer der berühmtesten – und berüchtigtsten – Philosophen unserer Zeit. Bekannt ist er vor allem für seine utilitaristischen Argumente für den Schutz von Tieren und den Einsatz gegen Armut. Singer lehrt an den Universitäten Princeton und Melbourne. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt „Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben.“ (Suhrkamp, 2016).

Julian Assange: Die Veröffentlichungsmöglichkeiten, die das Internet bietet, sind ein Wunder. Im Internet ist die Zugangsbarriere, also das erforderliche Kapital, um zum Verleger zu werden, minimal. Aber das Internet ist mehr als bloß ein Raum, um sich auszudrücken. Es ist das ausgeklügeltste Massenüberwachungssystem, mit dem wir es je zu tun gehabt haben – was Bücher natürlich nie gewesen sind. Information, die von unten kommt, von Menschen in aller Welt, die keine Macht haben, wird von diesem globalen Überwachungssystem durchleuchtet. Das Internet spannt sich zwischen diesen widersprüchlichen Tendenzen auf, und ich bin nicht sicher, ob die Kommunikationsfreiheit dabei siegt. Die Überwachungsbehörden und mit ihnen kollaborierende Unternehmen haben sich vergrößert und ausgebreitet wie eine unerkannte Krebserkrankung. Die Menge an öffentlicher Information wächst sublinear zur Menge an privater Information in den Händen mächtiger Gruppen. Die Menge an geheim gehaltener Information ist so gewaltig, dass schon kleinste Splitter, wenn sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – so wie unsere 251 000 amerikanischen Botschaftsdepeschen –, unsere Vorstellungskraft übersteigen.

Im Einsatz

Julian Assange: Der Arabische Frühling ist das Ergebnis eines langen Reifungsprozesses, das Resultat aus einer Vielzahl von Ursachen. Wikileaks war nicht der einzige Faktor. In einer Hinsicht hatten George W. Bush und Donald Rumsfeld recht: Der Krieg im Irak bereitete den Grund, aus dem der Drang nach Demokratie und Freiheit im arabischen Boden Wurzeln schlug. Allerdings in einer gegenüber den neokonservativen Verkündungen genau entgegengesetzten Weise. Der Krieg, gefolgt von einer langen Phase, in der die amerikanische Armee dort feststeckte, zeigte, dass die USA nicht imstande waren, arabische Widerstandsbewegungen zu zerschmettern; viele amerikanische Soldaten verloren ihr Leben bei Bombenangriffen. Das Spektakel dieses Scheiterns ließ das Gefühl anwachsen, die Vereinigten Staaten seien als Macht geschwächt und ausgelaugt. So wurde den Menschen klar, dass nun vielleicht ihr Jahrzehnt gekommen war. Die arabischen Satellitenprogramme bereiteten ebenfalls den Boden, vor allem Al-Dschasira. Dessen Nachrichtenchef beschrieb es mir einmal so: Katar traf die geostrategische Entscheidung, Al-Dschasira zu seiner „Nuklearwaffe“ zu machen. Das ist tatsächlich der Begriff, den er verwendete, „nuclear weapon“. Al-Dschasiras strategischer Entschluss im Februar 2011, Bilder von den Demonstrationen in Libyen auszustrahlen, zu zeigen, wie die Menschen auf den Straßen dort von der Polizei des Regimes Muammar al-Gaddafis brutal unterdrückt wurden, war sehr bedeutsam. Er weckte die arabische Öffentlichkeit auf und löste eine Welle internationaler Unterstützung aus. Nun stellt sich die Frage, warum die Revolutionen in der arabischen Welt im Dezember 2010 in Gang kamen: Warum gerade in diesem Moment? Es gab nur zwei wichtige Ereignisse, die in den frühen Dezember fielen. Das zweite war die Verzweiflungstat des jungen Tunesiers Mohamed Bouazizi, der sich am 17. Dezember selbst verbrannte. Das erste war die Veröffentlichung der amerikanischen Botschaftsdepeschen, begonnen am 28. November. Eine Anzahl von Aktivisten in Tunesien, und ebenso Amnesty International, meinen, dass diese Depeschen dazu beitrugen, die Diktaturen in der Region zu destabilisieren. Diese Destabilisierung – oder „Restabilisierung“, wie ich es damals nannte – war geplant. Wie wirkte die Destabilisierung? Die Depeschen belegten, dass amerikanische Diplomaten seit langer Zeit sowohl über die Folterpraktiken des Mubarak-Regimes als auch über die Korruption des Regimes von Ben Ali im Bilde waren. Seit der Veröffentlichung der Depeschen war es für die USA und für Europa schwierig geworden, diktatorischen Regimes Hilfe zu leisten und zugleich so zu tun, als wären ihnen die Gepflogenheiten dieser Regime nicht klar. Der westlichen Unterstützung verlustig und zu Hause angefeindet, stellten die Diktaturen der Region fest, dass sie verwundbar waren.

Wir dürfen einen weiteren Faktor nicht außer Acht lassen: Mut ist ansteckend. Das Beispiel der tunesischen Aktivisten und das Beispiel von Wikileaks, das es mit dem Pentagon aufnahm, riefen Vorstellungskräfte wach – wenn die es schaffen können, können wir es auch! Als wir „Cablegate“ vorbereiteten, dachten wir darüber nach, wie wir diese Veröffentlichung überleben könnten, und ich meine einfach nur überleben. Wir begannen verschiedene Strategien durchzuspielen. Am Ende hielten wir uns an eine sehr schlichte Hypothese. Wir dachten, es müsse eine Schwelle geben, eine kritische Anzahl von Krisen, mit denen das US-Außenministerium und das FBI simultan fertigwerden konnten, und alles, was wir zu tun hätten, sei, sie über diese Systemschwelle zu stoßen. Ich glaube, diese Strategie ging auf, sie rettete uns und half dem Arabischen ­Frühling.

Assange: Man warf uns vor, das Leben vieler Menschen in Gefahr zu bringen.


 

Peter Singer: Es ist hier leicht nachzuvollziehen, wie die Transparenz von Information ein neues Bewusstsein schuf und die Lage umzuwälzen half. Danach hatten wir den Dominoeffekt: Der Sturz des Ben-Ali-Regimes löste die ägyptische Revolution aus, dann die libysche Revolution … Wo aber liegen die Grenzen der Transparenz? Wie lassen sich ihre Grenzen definieren? Es ist sehr schwer, diese Frage prinzipiell zu beantworten. Tatsächlich denke ich, jede Situation muss in ihren Eigenheiten untersucht werden. Hillary Clinton zog ein interessantes Beispiel heran: Im ehemaligen Sowjetblock gibt es nukleare Waffenarsenale, die derzeit zerlegt werden. Wenn man den Standort dieser Arsenale aufdeckt, ist es möglich, dass Leute mit üblen Absichten versuchen werden, sie an sich zu bringen. Also ist es das Beste, diese Orte geheim zu halten, denn viele Leben stehen auf dem Spiel. Wir können somit das Kriterium anwenden: Jede Information, deren Freigabe eine eindeutige und unmittelbare Gefahr bedeutet, sollte geheim bleiben. Man denke an die Worte des amerikanischen Richters Oliver W. Holmes: „Niemand darf sich die Freiheit nehmen, ,Feuer!‘ zu brüllen, wenn er sich in einem überfüllten Theater ­befindet.“

Julian Assange: Außer, wenn es brennt!

Peter Singer: Da ist was dran. Dennoch beharre ich darauf, dass dieses erste Kriterium gültig ist: Wenn die Freigabe einer bestimmten Information eine Katastrophe auslösen könnte, sollte sie verboten sein, selbst wenn sie andernfalls dem Konzept einer transparenteren Demokratie dienen, uns zu einer besseren Regierung verhelfen oder Korruption ans Licht bringen würde. Darüber hinaus meine ich, jedes Eindringen in die persönliche Privatsphäre ohne öffentlichen Zweck sollte verboten sein. Nehmen wir den Fall vertraulicher Arztberichte: Die Freigabe derartiger Information ist nur dann relevant, wenn die betreffende Person öffentliche Verantwortung trägt und ihr Gesundheitszustand sich auf ihre Fähigkeit auswirken könnte, ihre Pflichten zu ­erfüllen.

Julian Assange: Wir sollten sehr genau darauf achten, wovon wir sprechen, wenn wir uns auf das Gebiet der Rechtsphilosophie vorwagen. Die Rechtsphilosophie unterscheidet sich sehr von der ethischen Philosophie. Sie bezieht sich immer auf ein bestimmtes Rechtssystem und ist damit eine Art institutionelle Philosophie. Die Ethik befasst sich mit unserem individuellen Streben. Ich ziehe es vor, diese Frage unter dem Aspekt der Verantwortung zu betrachten. Verleger haben eine Pflicht, Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen und ihre Quellen zu schützen. In ähnlicher Weise haben Ärzte oder die Polizei eine Pflicht der Verschwiegenheit den Patienten oder Geschädigten gegenüber. Aber was ist die Interventionspflicht für Parlament und Gerichtswesen in solchen Angelegenheiten? Wer sollte ermächtigt werden, Zwangsmaßnahmen gegen die Veröffentlichung von Informationen anzuwenden und wann? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir eine strenge begriffliche Unterscheidung treffen zwischen erwiesener tatsächlicher Gefahr und dem, was ich spekulative Gefahr nennen will. Meiner Ansicht nach sollten Zwangsmaßnahmen nur in Reaktion auf eine eingetretene tatsächliche Gefahr angewandt werden. Wenn wir ein Zensursystem haben sollen, wie soll dieses System dann betrieben werden? Wer wird für das System zuständig sein, wie werden die Verantwortlichen bestimmt, wie können wir sicherstellen, dass die Zensoren die ihnen zugewiesenen Pflichten erfüllen und ihre Macht nicht missbrauchen? Ein Zensursystem ist zwangsläufig ein System der Geheimjustiz. Der Gegenstand der Zensur wird nicht öffentlich gemacht. Somit ist sie ein geheimer juristischer Vorgang. Wir wissen jedoch aus langer und schmerzvoller Erfahrung, dass Recht nur dann geschieht, wenn man dabei zusehen kann. Während sie ihre Prozesse führen, stehen die Richter selbst vor dem Gericht der Öffentlichkeit. Nur indem die Operationen des Rechtswesens sichtbar sind, lässt sich Missbrauch vermeiden. Das Rechtssystem ist mächtig, weil es in der Lage ist, Zwangsmaßnahmen anzuordnen: Es ist ein System, das, wenn es korrumpiert, äußerst gefährlich wird. Korruption aber schleicht sich am leichtesten dort ein, wo ein System zugleich geheim und mächtig ist. Darum sage ich, das Veröffentlichen sollte nur infolge einer tatsächlichen Gefahr strafbar sein und niemals infolge einer spekulativen Gefahr. Es sollte keinerlei Vorabzensur geben.

 

Peter Singer: Betrachten wir den Fall von Informationen zur Sicherheit von Kernkraftwerken oder vielmehr zu ihren Schwachstellen, die von Terroristen ausgenutzt werden könnten: Glaubst du wirklich, dass man diese Informationen veröffentlichen und warten sollte, bis Schaden angerichtet worden ist, ehe man juristische Schritte unternimmt? In so einem Fall kann der Schaden gigantische Ausmaße annehmen. Und was dein Argument betrifft, dass Zensur etwas Geheimes sei, worauf du ganz zu Recht hinweist: Könnte man nicht einen Rahmen schaffen, indem man klar beschreibt, welche Art von Informationen der Zensur unterliegen, ohne sie zu enthüllen?

Julian Assange: Aber wer wäre dafür zuständig, so eine Beschreibung zu liefern?

Peter Singer: Mir scheint, wir müssen einen rechtlichen Rahmen einrichten, um zu definieren, welche Informationen geheim zu bleiben haben. Wenn dann die Sicherheitsregeln gebrochen werden, könnte der Ankläger sagen: Sie haben Informationen öffentlich gemacht, die als vertraulich eingestuft sind und bei denen Gefahr besteht, dass Terroristen sie erlangen …

Julian Assange: Wenn der Ankläger das sagt, ist die Information ja schon veröffentlicht und der Schaden bereits angerichtet. Es handelt sich also hier nicht um Vorabzensur.

Peter Singer: Wenn du sagst, „der Schaden ist angerichtet“, dann meinst du aber nicht, dass Terroristen die Information tatsächlich erlangt und genutzt haben?

Julian Assange: Doch, das meinte ich. Ich denke, es gibt in dem Vorgang, mit dem wir uns hier befassen, drei Phasen, die aufeinander folgen, sich aber klar unterscheiden: Es gibt einen ersten Zustand vor der Veröffentlichung, es gibt einen zweiten Zustand nach der Veröffentlichung, aber vor dem Schaden, und dann gibt es einen dritten Zustand, in dem ein tatsächlicher Schaden eingetreten ist. In den ersten beiden Phasen existiert der Schaden nicht wirklich: Er ist bloß eine theoretische Annahme – eine Spekulation. Die dritte Phase, der Fall, in dem tatsächlich ein Schaden eingetreten ist, kommt sehr selten vor. Schau dir zum Beispiel all die Kritik an, die gegen Wikileaks vorgebracht wurde: Man warf uns vor, das Leben vieler Menschen in Gefahr zu bringen, und unsere Gegner prognostizierten eine von uns ausgelöste Welle von Vergeltungsmaßnahmen und Lynchmorden an US-Informanten, vor allem im Irak und in Afghanistan. Das Pentagon verstieg sich zu der Behauptung, an meinen Händen klebe Blut. Wenn du bei Google „Wikileaks blood on hands“ eingibst, erhältst du zehnmal so viele Treffer wie bei „Pentagon blood on hands“. Das ist völlig absurd, zumal trotz all seiner Bemühungen nicht einmal das Pentagon uns nachsagen kann, dass infolge unserer Veröffentlichungen, die über 120 Länder abdecken, auch nur ein einziger Mensch zu Tode gekommen ist. Warum hält sich diese absurde Propaganda so hartnäckig? Ja, die Medien sind rhetorische Marionetten, weil sie der Macht, die sie kontrollieren sollten, so nahestehen. Aber der rhetorische Trick, den sie anwandten, um den Menschen diesen Müll einzutrichtern, war spekulatives Schmierentheater. Und es ist derselbe Trick, dessen Donald Rumsfeld und Dick Cheney sich bei ihrem Versuch bedienten, die Folter in den USA zu legalisieren: Wir müssen doch foltern, nicht wahr, denn wir könnten einen gewaltigen spekulativen Nutzen daraus gewinnen. Wenn irgendwo eine Zeitbombe versteckt ist, darauf programmiert, in 24 Stunden hochzugehen, und wir einen Terroristen geschnappt haben, der uns sagen könnte, wo sie sich befindet, dann werden wir Unschuldigen das Leben retten, indem wir ihn foltern, und um das zu tun, brauchen wir Foltergesetze. Spekulation öffnet jeder Art von Exzess die Türen – ganz zu schweigen von geheimen spekulativen Argumentationsweisen derer, die der Macht nahestehen.

Singer: Das Internet schafft eine riesige Gemeinschaft Gleichrangiger.


 

Peter Singer: Vor kurzem veröffentlichten australische Wissenschaftler eine Arbeit über die zufällige Mutation eines Virus, die es sehr viel tödlicher machte. Sie wurden darauf hingewiesen, dass die Information von Terroristen dazu genutzt werden könnte, gefährliche biologische Waffen herzustellen. Im Nachhinein bereuten es die Wissenschaftler, diese Information publiziert zu haben. Angenommen die Daten stimmen und dies macht es potenziellen Bioterroristen tatsächlich viel leichter, eine todbringende Epidemie zu verbreiten, könnte ich das als einen Fall sehen, in dem es gerechtfertigt wäre, einen Zugang zur Information zu verhindern. Aber für mich wäre da schon eine Situation dieser Art nötig, in der eine hinreichende Wahrscheinlichkeit für gewaltiges Leid besteht.

Julian Assange: Ich persönlich stehe mit dem Konsequenzialismus (wichtige philosophische Strömung in der englischsprachigen Welt, die darauf abhebt, dass der moralische Wert einer Handlung an ihren realen Konsequenzen zu bemessen sei und nicht an den dahinterstehenden Absichten, Anm. d. Red.) ziemlich auf Kriegsfuß. Allzu oft ist der Konsequenzialismus bloß ein Vorwand, um unser Blickfeld zu verengen. Gewiss stimme ich mit dir überein, im sehr begrenzten Kontext des Beispiels, das du vorgebracht hast. Was mich beunruhigt, ist, dass es auf Grundlage dieser Art von Beispielen – sehr ungewöhnlich, sehr umständlich – ganz klar möglich ist, ein weitreichendes Zensurregime zu legitimieren. Das Gleiche gilt für die Zeitbombe und die Folter: Ein isolierter und sehr unwahrscheinlicher Fall wird benutzt, um eine ungeheuerliche Praxis mit einer Aura der Legitimität zu versehen. Das ist die Schwierigkeit, die Gesetze und Normen aufwerfen: Wie können wir eine Struktur der Entscheidungsfindung schaffen, die robust genug ist, mit einem Einzelfall fertigzuwerden, ohne daraus einen Präzendenzfall zu machen, der den Weg für alle Arten von Unrecht eröffnet? Das wirkliche Problem der Zensur liegt darin, dass es, weil das zensierte Objekt verhüllt wird, unmöglich ist zu beurteilen, ob das System so arbeitet, wie es soll.

Peter Singer: Wogegen du dich da richtest, ist nicht so sehr der Konsequenzialismus als vielmehr der Ansatz, eine Begründungskette auf einem hypothetischen Fall aufzubauen und dann aus ihr zu extrapolieren, um allgemeinere Schlüsse zu ziehen. Dein Folterbeispiel ist sehr treffend, und ich stimme deiner Analyse zu: Es ist wahr, dass wir, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf einen Sonderfall richten, der Frage ausweichen, was die Konsequenzen einer Legitimierung von Folter wären. Nun geht es darum, ob wir ohne alle Restriktionen, was die Veröffentlichung von Informationen angeht, leben können. Das wäre sicherlich vorzuziehen, es sei denn, wir stünden vor einem Weltuntergangsszenario. Vom konsequenzialistischen Standpunkt aus müssen wir die Wahrscheinlichkeit einschätzen: Ist sie hoch genug, um die moralische Gewissheit zu überwiegen, dass Zensur zu Missbrauch führen wird?

Julian Assange: Danke für diese Klarstellung. Ich merke, mein Unbehagen richtet sich nicht gegen den Konsequenzialismus selbst, sondern gegen einen gewissen verengten rhetorischen Ansatz, dessen sich manche seiner Verfechter bedienen. Wir dürfen nicht alle Konsequenzen in Betracht ziehen. Auch wenn vielleicht diese rhetorischen Ansätze, gegen die ich mich wende, eine Konsequenz aus dem Konsequenzialismus sind!

Ist moralischer Fortschritt möglich?

Peter Singer: Wir wissen, dass die Menschen sich anders benehmen, wenn sie wissen, dass ihnen jemand zuschaut. Einige britische Psychologen führten dazu ein interessantes Experiment durch: Sie hängten über einer Kaffeemaschine ein Gemälde von einem Augenpaar auf. Sie stellten fest, dass die Summe, die die Kaffeetrinker im Geldkasten hinterließen, daraufhin deutlich anstieg. Und dabei war es doch nur ein Bild! Als sie es durch ein Blumenbild ersetzten, sanken die Beträge. Also scheint es, dass wir uns besser benehmen, wenn wir uns unter Beobachtung wähnen. Im Alltagsleben neigen wir auch dazu, verwerfliche Handlungen zu unterlassen, wenn andere Menschen uns sehen können, ob sie nun Menschen sind, die uns etwas bedeuten, oder Menschen, die uns bestrafen könnten. Das Internet hat den Vorzug, dass es eine riesige Gemeinschaft Gleichrangiger schafft. Das Internet gibt uns die Gelegenheit, eine andere moralische Umgebung zu schaffen, in der jeder für alle sichtbar unter Beobachtung gestellt ist, sodass die Menschen mehr und mehr dazu ermutigt werden, moralische Verhaltensweisen zu übernehmen.

Julian Assange: Ich glaube, unsere moralischen Instinkte wurden vor der Neuzeit geprägt, in kleinen Dörfern, eng begrenzten Gemeinschaften, wo jeder andauernd beobachtet wurde. Wir sind auf diese Art von Situation geeicht; sie kommt uns normal vor, also finden wir uns leicht in ihr zurecht. Die Menschheit ist vorangepasst an diesen moralischen Zustand, und mit dem Internet entdeckt sie ihn wieder. Ich stimme dir, Peter, zu: Wenn wir glauben, wir werden von den Menschen beobachtet, mit denen wir interagieren, wird unser Verhalten weniger unlauter sein oder zumindest weniger opportunistisch. Aber eines sollten wir nicht vergessen: Das Internet steht nicht nur für Transparenz, sondern auch für Überwachung. Diese Überwachung geht weniger von unseren Verwandten, Freunden und Kollegen aus als von staatlichen Geheimdiensten und ihren Kumpeln aus der Wirtschaft. Das ist ein ernstes, potenziell verhängnisvolles Problem für eine globalisierte Zivilisation. Wir brauchen unseren Privatbereich, um uns der Beobachtung zu entziehen, nicht durch unseresgleichen, sondern durch mächtige Gruppen, die unser Verhalten mit dem Ziel unter die Lupe nehmen, uns zu manipulieren. Überdies, als jemand, der einige Jahre in kleinen Provinzstädten gelebt hat, wo jeder jeden kennt, weiß ich, dass die Atmosphäre dort bedrückend sein kann. Solange du nicht weit von der Norm abweichst, ist alles gut. Aber wenn du fremde Kulturnormen befolgst, wenn du dich dem Gruppenkonsens widersetzt, kannst du in eine sehr ungemütliche Lage geraten. Ich denke hier zum Beispiel an die Schwierigkeit, in einer kleinen ländlichen Gemeinschaft homosexuell zu sein. Zumindest aber kann man von dort wegziehen. Ich bin also skeptisch gegenüber der reizvollen Schilderung, die du vorbringst. Die Aussicht auf global geteilte Moralvorstellungen ist gefährlich. Interpol gab eine „Red Notice“, also ihren Quasihaftbefehl, für Gaddafi aus, aber auch eine für mich.

Peter Singer: Ich bin ganz deiner Meinung, dass wir darauf konditioniert sind, in kleinen Gruppen zu leben, und dass unsere Instinkte an diese Situation angepasst sind – auf Gedeih und Verderb. Ich würde hinzufügen, dass die Menschen im Internet auch ihre eigenen Gemeinschaften finden und von ihnen Unterstützung erfahren können. Was die Homosexualität betrifft, das ist in den meisten entwickelten Ländern nicht mehr wirklich ein Problem. Aber es gibt auch andere Gruppen, die als „abweichend“ gelten oder sich selbst so betrachten und deren Mitglieder nun über das Internet miteinander in Kontakt treten und eine Unterstützungsgemeinschaft aufbauen können. Das ist ein entscheidendes Phänomen, es öffnet einen Ausweg aus jeder repressiven Moral.

Was die global gemeinsamen Werte angeht, die ich erwähnte, so beschränken sie sich in meiner Sichtweise auf ein paar wenige, ganz einfache Regeln: Respekt voreinander, zum Beispiel … Das einzige Moralsystem, das einen Anspruch auf Universalität erheben könnte, wäre eine sogenannte „Minimalethik“ mit einer kleinen Anzahl von Prinzipien. Anfangs erwähntest du, Julian, deinen Abscheu vor dem Leiden und deinen Wunsch, unnötiges Leid zu verhindern. Du sprachst von so etwas wie einer goldenen Regel. Aber du sagtest auch ganz deutlich, dass dies eine persönliche Überzeugung sei, die nicht unbedingt von anderen geteilt werde. Auf diesen Punkt möchte ich gerne zurückkommen: Es stimmt, dass manche Leute da anders denken als du. Nun: Diese Leute haben unrecht! Das kann ich vielleicht nicht auf dieselbe Art beweisen wie eine naturwissenschaftliche Tatsache, aber ich bin überzeugt, dass Gleichgültigkeit gegen das Leiden anderer eine objektiv verwerfliche Haltung ist.

Singer: Ich bin überzeugt, dass Gleichgültigkeit gegen das Leiden eine objektiv verwerfliche Haltung ist


 

Julian Assange: Moral ist normalerweise kein Thema, auf das ich näher eingehe. Wenn ich über die Gründe spreche, warum ich auf diese oder jene Weise handle, begnüge ich mich damit, sie zu äußern. Wenn jemand anders denkt als ich, halte ich mich nicht für befugt, von ihm zu verlangen, dass er seine Werte ändert. Es scheint mir nicht hilfreich, zu sagen: „Du solltest einfühlsamer sein, du solltest das Leid ablehnen.“ Meiner Ansicht nach sollten wir alle unseren Überzeugungen bis zum Ende folgen, sie ernst nehmen und unser Handeln an ihnen ausrichten. Wir können andere Menschen nicht umformen, sodass sie unserer Weltsicht entsprechen.

Peter Singer: Das bringt uns zurück auf ein ganz klassisches Problem: Ist Moral bloß eine Sache der persönlichen Überzeugung, oder gibt es rationale Argumente, die Menschen dazu bewegen können, ihre Ansichten und ihr Verhalten zu ändern?

Julian Assange: Ist es wirklich rational, gegen die eigenen Überzeugungen zu handeln? Wenn du dich in einem politischen Kampf befindest, hast du es oft mit sehr entschlossenen Gegnern zu tun, die dich auf die eine oder andere Weise zerstören wollen. Zum Beispiel versuchen FBI-Offiziere, eine Anklage wegen Spionage gegen mich zu erwirken. Ich kann das akzeptieren; es ist von ihrem Standpunkt aus rational, und es ist im Interesse ihrer Karriere. Doch wenn jemand eine Handlungslinie verfolgt, die weder in seinem noch in deinem Interesse liegt, er das aber nicht sehen kann, dann ist das so frustrierend! Allein in solchen Fällen sollte Moralphilosophie eine Rolle spielen, findest du nicht? Sie spricht dich direkt an und fragt: „Okay, woran glaubst du? Was willst du wirklich? Wie würdest du deine rationalen Interessen definieren?“ Nehmen wir an, wir haben es mit jemandem zu tun, der ehrliche Antworten gibt. „Nun gut, also, was ist dein Plan?“ Wenn der Befragte seinen Plan dargelegt hat, kann die Entgegnung lauten: „Das ist alles sehr schön, aber hast du auch über den und den anderen Plan nachgedacht, der noch rationaler wäre, weil er sowohl in deinem als auch im Interesse anderer liegt?“ Meiner Meinung nach ist das alles, was die Moralphilosophie tun kann.

Peter Singer: Das stimmt nicht! Die Leute haben oft einen sehr engen Begriff von ihrem eigenen Interesse, und es ist möglich, diesen zu erweitern oder zu verändern. Der FBI-Offizier versucht, seine Karriere voranzubringen, aber vielleicht gibt es eine Ebene, auf der ihn das nicht wirklich befriedigt. Vielleicht glaubt er, das FBI sei ein Wohltäter der Menschheit, wer weiß? Möglicherweise ist er auch entsetzt von Krieg und Folter. Um ein anderes Beispiel zu nennen: Im Zuge meiner Kampagnen zur Verteidigung der Tierrechte hatte ich Gelegenheit, den Sprecher einer Kosmetikfirma kennenzulernen, Revlon, die ihre Produkte an Tieren testete. Von diesem PR-Manager wurde sicherlich erwartet, dass er Kritik zum Verstummen brachte und seiner Firma voranhalf. Aber am Ende stellte er fest, dass er auf eine andere Weise heldenhaft sein konnte, nämlich indem er diesen Praktiken ein Ende setzte, die dem Ruf der Marke schadeten. Aus dem Grund gab Revlon eines Tages bekannt, dass sie aufhörten, Kaninchen zu blenden, indem sie ihnen Testprodukte in die Augen kippten! Das war die richtige Entscheidung, es war ein „win-win move“. Dieses Beispiel zeigt, dass es manchmal möglich ist, an ein Eigeninteresse zu appellieren, in dem weiteren Sinn, der auch das Selbstwertgefühl und den Wunsch, ein guter Mensch zu sein, einschließt. So kann man manchmal die Leute dazu bringen, ihre Interessen neu zu bewerten, ihre Selbstwahrnehmung und in der Folge die Handlungen, die sie zu vollziehen bereit sind.

Aus dem Englischen von Michael Ebmeyer

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 1 / 2012.

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