„Die deutsche Erfahrung ist für die Welt zentral“


Erotik und Erniedrigung, Romantik und Terrorismus, klassische Bildung und globaler Nihilismus. Pankaj Mishras Denken führt scheinbare Gegensätze zusammen, ohne dabei eine versöhnende Vermittlung anzustreben. Gespräch mit einem Mann, dessen Zorn ihn zu neuen Einsichten führt.


Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger

Bild: © Malte Jäger

Kulturphilosoph? Mishra zögert. Im Grunde sehe er sich vor allem als Schriftsteller. Mit seinen Romanen, Essays und Reportagen ist der gebürtige Inder in den vergangenen zehn Jahren zu einem der weltweit führenden Zeitdiagnostiker aufgestiegen. Mishra verkörpert als Person die Themen und auch Abgründe, die ihn als Autor bewegen. Westliche Moderne und östliche Tradition, Spiritualität und Analyse, frei schwebender Individualismus und tiefe kulturelle Verankerung. Gerade für das liberale Fortschrittsdenken des westlichen Mainstreams ist Mishra ein unbequemer, fast häretischer Denker. Mit Jean-Jacques Rousseau und Søren Kierkegaard, den beiden großen Antimodernisten Europas als Gewährsleuten, hält er der globalisierten Konsumkultur den Spiegel vor und wird zum wachen Chronisten ihrer sozialen Verluste und Verheerungen. So auch in seinem neuen Werk „Das Zeitalter des Zorns“ – mittlerweile ein globaler Bestseller. In dieser Gegenwartsanalyse führt Mishra das aktuell frei werdende Zornpotenzial in Ländern der islamischen Welt wie auch des indischen Subkontinents auf Dynamiken zurück, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts in Europa zutage traten und schließlich zwei Weltkriege auslösten. Von der zornigen Energie, die sein Schreiben treibt, ist in der Begegnung zunächst wenig zu spüren. Die Stimme sanft, der Akzent distinguiert britisch. Nicht so allerdings seine extrem bedenkenswerten Thesen.



Pankaj Mishra
in sechs Daten

g

1969
Geburt im nordindischen Jhansi

1992
Masterabschluss in Englischer Literatur in Neu-Delhi

1995
Mishra verö entlicht sein erstes Sachbuch: „Butter Chicken in Ludhiana. Travels in Small Town India“

2009
Nominierung als Fellow der Royal Society of Literature

2014
Mishra erhält den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung für „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“

2017
„Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart“ erscheint auf Englisch und Deutsch

Bild: © Malte Jäger

Herr Mishra, Ihr letztes Buch handelt von Zorn. Fühlen Sie den Zorn, den Sie beschreiben, in Ihrem eigenen Inneren?

Ich wäre nicht imstande, so ein Buch zu schreiben, ohne diese Wut über Ausgrenzung und Erniedrigung empfunden, ohne mich selbst verachtet und marginalisiert gefühlt zu haben.

Zumindest dem europäischen Verständnis nach gilt Indien als Gesellschaft ohne große soziale Mobilität. Sie selbst hingegen wären ein Beispiel für sozialen Aufstieg, nicht wahr?

In vielerlei Hinsicht bin ich ein Nutznießer jenes schnellen sozioökonomischen Wandels, den wir Globalisierung nennen. Wäre ich in den 1950er-Jahren geboren, wäre es für mich unmöglich gewesen, Karriere als Schriftsteller zu machen, in internationalen Zeitschriften zu veröffentlichen, in Europa zu leben. Doch das heißt nicht, dass dieselben Möglichkeiten von anderen Leuten mit meinem sozialen Hintergrund genutzt werden können. Wir leiten von Einzelbeispielen oft eine allgemeine Erfolgsstory ab, die aber auf einer falschen Vorstellung von Meritokratie gründet.

Wenn wir über Zorn sprechen, sprechen wir auch über Erniedrigung, Kränkungen. Beim Blick auf Ihren ersten Roman „Die Romantischen“ fällt auf, dass dort eine sexuelle Begegnung mit einer Person aus dem Westen im Zentrum steht. Ist die sexuelle Anziehung ein Faktor in diesem Drang nach Anerkennung des Ostens durch den Westen – und damit auch eine Quelle möglicher Erniedrigung?

Ich würde das Wort „erotisch“ vorziehen, weil es mehr verkörpert als nur die sexuelle Anziehung. Es ist vergleichbar mit der Anziehungskraft, die Paris im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert auf viele deutsche Provinzen ausübte. Das Hingezogensein zum Kosmopolitischen, zum Glamour, zum Eleganten. Auch das beschreibe ich in meinem ersten Roman. Wie Proust sagte: Wir lieben Leute nicht für das, was sie sind, sondern für die Welten, die sie darstellen.

So ist die Erotik des Westens anziehend für den Osten?

Absolut. Und deshalb ist das Potenzial für Erniedrigung groß. Seit dem Beginn der Moderne gibt es eine Gruppe von überwiegend in Westeuropa lebenden Menschen, die zu einem Modell für alle anderen geworden sind, ein Modell für politische und ökonomische Anziehungskraft. Und die von diesen Leuten verkörperte Anziehungskraft ist eine erotische, bis hin zu Macht und Wohlstand.

Es gibt ein jüngst veröffentlichtes Buch von Peter Sloterdijk mit dem Titel „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“, das Ihrem aktuellen Werk strukturell ähnelt. Sloterdijks Ausgangspunkt ist, dass es in modernen Gesellschaften immer mehr Ego-Energie gibt, als von diesen gebunden werden kann. Mit durchaus destruktiven, ja gewaltsamen politischen Folgen. Würden Sie dem zustimmen?

Ganz und gar. Die Kinder aus den Schwellenländern wollen eine bessere Welt, denn sie hatten im Großen und Ganzen vorher keinen Platz in der Kultur. Als dieses Emanzipationsprojekt sich Anfang des 19. Jahrhunderts weltweit auszubreiten beginnt, wird es jedoch zu einem unmöglichen Vorhaben, weil wir schnell feststellten, dass die Ausbeutung der Natur und die Kommodifizierung des Landes überaus gewaltsame Prozesse sind. Der globale Kapitalismus hat ein ständiges Bedürfnis nach Expansion aus den heimischen Märkten heraus, weil immer mehr Ressourcen, immer mehr Waren benötigt werden.

Die Geschichte vom Fortschritt, den wir über die ganze Welt verbreitet haben, ist ein Märchen


 

Weil sein Ressourcenverbrauch so hoch ist.

Heute gibt es keinen Teil der Welt, der von diesen Prozessen unberührt bleibt. Und zugleich entfesseln sie individuelle Sehnsüchte, Ambitionen und Energien. Wir erkennen gerade, dass der Planet möglicherweise nicht so ausgebeutet werden kann, dass mehr als drei Milliarden Menschen dieselben Vorzüge der Moderne erhalten können, wie sie die Menschen in diesem Teil der Welt über die letzten 100 Jahre genossen haben. In regelmäßigen Abständen geraten die daraus entstehenden Gefühle von Frustration, Wut und Erniedrigung zu einer politisch toxischen Mischung. Und immer gibt es Demagogen oder politische Bewegungen, die nur darauf warten, diese Energien in eine sehr gefährliche Richtung zu lenken.

Was würde es für eine Gesellschaft wie Indien bedeuten, sich einzugestehen, dass die Zukunft, die für andere Kulturen offenstand, aus menschengemachten Gründen ihr selbst nicht offensteht?

Sie sehen das sehr deutlich in der Ablehnung der Klimaabkommen, die Indien ausgehandelt hat. In Indien heißt es dann immer: Warum wollt ihr, dass wir unsere Kohleemissionen einschränken? Ihr seid doch diejenigen, durch die dieser Planet ruiniert wird, indem ihr dieses Konsumlevel aufrechterhaltet! Und jetzt wollt ihr nicht, dass wir zu euch aufschließen? Wie soll eine Kultur, die so viel investiert hat, um zum fortgeschrittenen Westen aufzuschließen, nun damit beginnen, sich Gedanken über die Grenzen des Wachstums zu machen und darüber, dass sie den Westen womöglich niemals einholen wird?

Welche Gesten müssten vom Westen ausgehen, um genau diese Situation zu moderieren?

Wenn Sie auf die Medien im Westen schauen, hängen viele einer unglaublich gefährlichen und naiven Idee eines Zusammengehens von globalem Kapitalismus und liberaler Demokratie an. Es ist die irrige Vorstellung, dass marktwirtschaftlich getriebenes Wachstum breite Mittelschichten und rechtsstaatliche Ordnung hervorbringen würde. Und die Geste, die ich an diesem Punkt gern sähe, wäre ein Hinterfragen dieser Ideologie, die den Westen für das Schicksal von Milliarden von Menschen blind gemacht hat. Ein Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe, bestand darin, die Leute auf die Geschichte der Modernisierung aufmerksam zu machen, die voller Imperialismus, Genozid und Sklaverei ist. Diese Geschichte vom Fortschritt, den wir über die ganze Welt verbreitet haben, ist ein Märchen. Denn er wurde wahnsinnig teuer bezahlt.

Deutschland gehört zu den Ländern, denen die Kosten, die dieses Versprechen erzeugt hat, vermutlich am deutlichsten gewärtig sind.

Die Menschen deutscher Sprache sind philosophisch am besten gerüstet, um die Situation zu verstehen, in der sich Hunderte Millionen von Menschen in Indien, China oder Indonesien befinden. Denn die Erfahrung von verspäteten Nationen, die zu den Vorreitern der Moderne aufschließen wollten, ist heutzutage von grundlegender Bedeutung. Und Deutschland nimmt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle ein. Es war die erste Nation, die auf die moderne Zivilisation Frankreichs und Großbritanniens antwortete und dann sehr selbstbewusst versuchte, deren industriellen und politischen Vorsprung aufzuholen. Es ist die deutsche Erfahrung, die für das Verständnis der modernen Welt zentral ist.

Deutschland ist auch das erste Land, dessen Politik im Zuge dieser Erfahrung eskalierte.

Absolut. Wenn wir den gegenwärtigen Aufstieg des ethnisch-rassischen Nationalismus verstehen wollen, müssen wir diese Erfahrung aus dem späten 19. Jahrhundert verstehen. Derzeit fokussieren wir zu sehr auf die im 20. Jahrhundert begangenen monströsen Verbrechen statt auf die Entstehung einer Gesellschaft, die sich zurückgelassen und erniedrigt fühlt und meint, ihre Würde nur zurückgewinnen zu können, indem sie militärisch stark wird. Das ist eine Fantasie, die man derzeit in Indien beobachten kann. Es gibt in Indien heute einen regelrechten Adolf-Hitler-Kult. Warum? Weil er als großer Manager und Nationalist gesehen wird, dessen Beispiel es zu folgen gelte.

Es gibt ein deutsches Phänomen, das vor allem in den 1920er-Jahren präsent war: „German Angst“. Wie kommt es zum Übergang von Angst zu Zorn?

Es gibt gutartige Aspekte dieser Angst, die man an der damaligen Literatur- und Philosophieproduktion in diesem Land ablesen kann, die ohnegleichen war. Es gab eine überbetonte Spiritualität, eine Vorstellung von Kultur als Form der Innerlichkeit. Genau das passiert, wenn durch die politische und intellektuelle Kultur die Bedingungen für eine nationale Modernisierung als Aufholprojekt geschaffen werden. In Japan war das ebenfalls zu sehen. Das ist eine Situation, in der wir uns selbst zu katastrophalem Scheitern verurteilen. Wenn Deutschland heute wohlhabend ist, dann deshalb, weil es diesen Projekten den Rücken gekehrt hat. In der Nachkriegszeit hat es einen vollkommen anderen Weg eingeschlagen, eine andere Art von Verfassung und von politischer Ordnung angenommen, während es einige Aspekte des alten, bismarckschen Wohlfahrtssystems beibehielt. Doch Nationen wie Indien oder China befinden sich heute in diesem Aufholprojekt, alles in ihrer politischen und intellektuellen Kultur ist dieser Sache geweiht. Es ist ein Zueilen auf die Katastrophe.

Werke von Pankaj Mishra


  • Die Romantischen (Suhrkamp, 2007))

Der Debütroman erzählt die Erlebnisse des jungen Brahmanen Samar in der heiligen indischen Stadt Varanasi, wo er eine Gruppe westlicher Expats und einen Studentenaktivisten kennenlernt. Der kulturelle Austausch bereichert Samars Sicht auf Indien und führt ihn zur Entdeckung seiner eigenen Identität.

  • Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens (S. Fischer, 2013)

Was waren die intellektuellen und geistesgeschichtlichen Reaktionen Asiens auf das Vordringen westlicher Kolonialmächte im 19. Jahrhundert? Diese Frage beantwortet Mishra, indem er drei herausragenden asiatischen Intellektuellen eine Stimme gibt.

  • Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart (S. Fischer, 2017)

Wenn „Humanismus und Rationalismus die Welt, in der wir leben, nicht mehr erklären können“, müssen andere Deutungsmodelle gefunden werden, so Mishra. Daher unterzieht er das westliche Wertemodell einer kulturhistorischen Analyse und fokussiert die „Abwehrreaktionen“ anderer Kulturen auf den vermeintlich globalen Siegeszug des Westens.

     

    In Ihrem Buch zitieren Sie eine berühmte Zeile Schillers: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“ Das wäre mehr oder weniger das deutsche Erbe von „Bildung“. Für Sie offenbar noch immer ein globales Leitmodell?

    Die deutschen Romantiker haben mit die entscheidendsten Beiträge zur Literatur- und Philosophiegeschichte geliefert. Da gab es objektive Gefühle der Erniedrigung.
Sie waren konfrontiert mit den Franzosen, die auf die deutsche Sprache und Kultur verächtlich herabschauten. Und jemand wie Napoleon manifestierte das auf brutalste Weise. Insgesamt war die deutsche Romantik
der Versuch, eine andere Form des Wohlbefindens, eine
Art innerer Kultivierung zu erdenken, einen Weg, um
im säkularen Kontext über Religion und Spiritualität nachzudenken. Genau in dem Moment, in dem man ein gewisses Gleichgewicht zurückerlangt und in Zeiten rascher Veränderungen Vorstellungen von menschlicher Würde und Integrität aufrechterhält, wandelt sich die Welt radikal.

    Die Romantiker waren nun aber auch Weltmeister im Ich-Sagen. Einerseits scheinen Sie anzudeuten, dass wir diese Energie, die auch eine spirituelle ist, brauchen; doch andererseits sollten wir vorsichtig sein.

    Die deutschen Romantiker weichen nicht grundlegend vom Projekt des Individualismus ab, aber mit ihrem Konzept der Bildung vertiefen sie es in einer unerwarteten Richtung. So gesehen ist das keine rückwärtsgewandte Bewegung. Marx verfolgt dieses Projekt in gewisser Weise weiter. Er artikuliert die Leiden der deutschen Romantiker in einem viel politischeren Idiom.

    Es gibt heute zwei große Zivilisationen, die in einem Narrativ gefangen sind, dem sie nicht Rechnung tragen können: die amerikanische Zivilisation, der es aktuell sehr schwerfällt, ihre Führungsrolle anzupassen – und auf der anderen Seite das islamische Narrativ, das in seinem expansiven Anspruch ebenfalls nicht weiterkommt. Gibt es eine Verbindung zwischen beiden?

    Die amerikanische Revolution mit ihren Vorstellungen von Universalismus ist von Beginn an kompromittiert durch ihre Ausgrenzungspraxis – es waren die Sklavenhalter, die von Freiheit sprachen. In ihrem Emanzipationsprojekt war für Schwarze, amerikanische Ureinwohner oder auch Frauen keine Rolle vorgesehen. Und wenn dieses Narrativ heute in Schwierigkeiten ist, dann deshalb, weil noch viel mehr Leute begriffen haben, dass es ein trügerisches Narrativ war. Es ging um Freiheit durch endlose Expansion, und nachdem diese innerhalb des Territoriums der Vereinigten Staaten ausgeschöpft war, folgte die Inbesitznahme des Landes anderer Menschen. Land von Mexikanern, von amerikanischen Ureinwohnern. Nach dem Zweiten Weltkrieg reisten sie schließlich durch die ganze Welt und erwarben überall Stützpunkte und Territorien. Dieses Projekt sieht sich nun vor ernsthafte Probleme gestellt, weil es inzwischen auch im Kerngebiet der Vereinigten Staaten viele Desillusionierte gibt, also nicht mehr nur jene Menschen, die in verschiedenen Weltteilen die Folgen amerikanischer Waffengewalt zu spüren bekamen, sondern auch Leute daheim in den Vereinigten Staaten. Das Scheitern dieses universalistischen Projekts sollte uns die Augen dafür öffnen, was wir selbst in dieses Expansionsprojekt investiert haben.

    Wie steht es mit der islamischen Welt? Auch diese musste mit der Enttäuschung über ihr eigenes Expansionsnarrativ zurechtkommen.

    Das eine Narrativ, das alle Muslime umfassen würde, gibt es nicht. In den verschiedenen Gegenden der Welt haben die muslimischen Bevölkerungen eine jeweils andere Geschichte. Gleichwohl teilen sie oft eine Erfahrung, die durch das Projekt der säkularen Modernisierung definiert wird: die Bildung moderner Nationalstaaten, die aber nur von einer kleinen Anzahl gebildeter Eliten regiert werden. Schauen Sie auf Libyen, Algerien, Pakistan oder Iran. Es war abzusehen, dass diese Staaten für die Mehrheitsbevölkerung nicht funktionierten. Deshalb schwenkten sie in der Folge zum politischen Islam, der bereits im späten 19. Jahrhundert als Antwort auf das allgemeine Gefühl von Unzulänglichkeit und Schwäche formuliert wurde. Die iranische Revolution von 1978/1979 war ursprünglich nicht islamisch, alle möglichen Leute waren an ihr beteiligt. Doch sie wurde gekapert und in eine islamische Revolution verwandelt. Heute schließt sich hier gewissermaßen der Kreis, da es in Iran dieser Tage eine große Zahl von Leuten gibt, die die Revolution gern ungeschehen machen würden. Man hatte die Erfahrung von säkularer Modernisierung und nun die Erfahrung von politischem Islam gemacht, und beide haben sich für viele als äußerst repressiv erwiesen. Was kommt nun als Nächstes? Wir wissen es nicht.

    In gewisser Hinsicht wissen wir es, weil wir den IS als eine mögliche Folge haben.

    Ja, das ist definitiv eine mögliche Folge.

    Transzendenzverlust erzeugt ein Umfeld, das Wut und Entfremdung gedeihen lässt


     

    Die Analyse vom Aufstieg des IS in Ihrem Buch ist sehr interessant, da Sie eine rein soziokulturelle Erklärung bieten. Glauben Sie ernsthaft, dass Religion keine Rolle dabei spielt?

    Ich kann nicht stark genug betonen, wie sehr ich die Obsession mit dem Islam nach 9/11 bedauere. Zumal sie das Problem nur verschlimmert hat. Heute gibt es viel mehr Terroristen auf der Welt. Das liegt auch daran, dass die lange, im späten 19. Jahrhundert beginnende Geschichte von millenaristischer Gewalt und anarchischem Terrorismus völlig ignoriert worden ist. Dieses Phänomen tauchte zur gleichen Zeit auf wie der ethnisch-rassische Nationalismus und die rechtsextreme Demagogie. Gerade Länder, in denen die politische Lage besonders hoffnungslos war, etwa Russland oder Spanien, brachten viele Terroristen hervor. Auch aus Frankreich zogen gebildete Leute in anarchistische Immigrantenkommunen in Amerika. Oft sind es Immigrantenkommunen, aus denen diese Personen hervorgehen, Personen, die bereit sind, zu töten oder getötet zu werden. Der Gedanke, dass der Islam darauf programmiert sei, solche Gewalttäter zu erschaffen, ist intellektuell einfach katastrophal. Wir sollten das alles als Teil einer größeren Krise verstehen, die sich periodisch als Ausbruch millenaristischer oder anarchistischer Gewalt manifestiert.

    Wenn wir auf mögliche Lösungen schauen, dann lese ich Ihr Buch als eine zaghafte Anregung, hauptsächlich über das verlorene Gefühl für Transzendenz und dessen Bedeutung für die menschliche Existenz nachzudenken.

    Vollkommen richtig, denn dieser Transzendenzverlust erzeugt ein klaustrophobisches Umfeld, das Gefühle wie Zorn, Wut und Entfremdung hervorruft. Und derzeit gibt es keine Perspektive außer jener, die von den rechten Demagogen geboten wird. Darum hadere ich mit dem Verlust der alten Transzendenzangebote, dank derer die Menschen über einen Großteil der Menschheitsgeschichte durch ihr Leben geleitet wurden. Seit dem Beginn der Moderne sind wir ohne diesen Horizont nie ausgekommen. Deshalb ist sein Verschwinden auch ein radikales Projekt, in das wir alle involviert sind. Das sehe ich besonders, wenn ich meine Familie in Indien treffe: Sie stehen noch immer mit einem Bein in der Vormoderne, wo die Welt etwas ist, das von Gott erschaffen wurde. Die Europäer haben dieses Gefühl verloren. Seit Pascal ist Gott hier dem Zweifel unterworfen. Doch für viele Menschen im heutigen Indien, vor allem für die ältere Generation, ist das Gefühl eines immanenten Gottes – und somit auch die Möglichkeit von Transzendenz – noch immer sehr stark.

    Es gibt zwei Wege, Transzendenz zu denken: als vertikale und als horizontale Transzendenz. Die vertikale Transzendenz ist Gegenstand der Religion in Verbindung mit dem personalen Seelenheil, wohingegen Nachhaltigkeit die horizontale, geschichtliche Transzendenz der Zukunft einer Gemeinschaft anspricht. Welche Transzendenz halten Sie an dieser Stelle für die wichtigere?

    Vermutlich die horizontale. Der Schaden, der durch die Entfesselung der individuellen Sehnsüchte und Ambitionen dem Planeten zugefügt wurde, ist an einen Punkt gelangt, an dem eine Vielzahl von Arten schlichtweg nicht mehr existiert. In großen Teilen der Welt steht die Existenz der menschlichen Spezies selbst infrage. In diesem Sinn hat die Umweltkrise bei der Fokussierung des Denkens geholfen, weil die Krisen, denen der Kapitalismus und die Nationalstaaten bislang ausgesetzt waren, uns noch nicht mit dem Problem des Aussterbens konfrontiert haben. Der leitende Gedanke sollte sein, dass wir diesen angerichteten Schaden begrenzen müssen. Wir sind alle Teil eines defensiven Manövers.

    Das ist aber kein besonders attraktives Narrativ.

    Das stimmt. Doch in der jetzigen Situation müssen wir uns dringend für eine bessere Welt engagieren, und zwar mittels einer Art des apokalyptischen Denkens. Es ist der Gedanke, dass die Welt, wie wir sie kennengelernt haben, in einem dramatischen Wandel begriffen ist, der unsere Kinder und Enkel vor große Herausforderungen stellen wird. Und wir würden vermutlich die Bürde dieser Herausforderungen verringern, wenn wir uns wirklich eingestehen, dass ein Aussterben im Bereich des Möglichen liegt – und entsprechend denken und handeln. Ein Großteil des intellektuellen Betriebs unterschätzt das vielleicht. Doch wenn wir uns das eingestehen, können wir anders über unseren Platz in der Welt nachdenken, Transzendenz und positive Ziele neu definieren.

    Was tun Sie, um Ihren Geist zu besänftigen, wenn Sie in sich Wut aufkommen fühlen?

    Schreiben ist stets die beste Therapie, aber ich glaube auch an Meditation als Weg, um über seine Gefühle die Oberhand zu behalten und sich nicht von ihnen treiben zu lassen. Ich empfinde hier wie Rousseau, denn was er in seinem letzten Buch beschreibt, ist im Wesentlichen eine Meditationserfahrung. Wenn er auf sein Leben und seine Karriere zurückblickt und sagt, dass das, was er wirklich mag, die Stille und diese Einsamkeit sei, dieses Ausharren, in dem er bestimmte Gedanken und Gefühle bezwingen könne, dann resümiert er im Wesentlichen die buddhistische Theorie der Meditation. •

    Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 6 / 2017 veröffentlicht.