Die Apokalypse für Deutschland?

Ängste schüren, die Katastrophe herbeireden, Feinde erfinden: Bereits vor 80 Jahren analysierte
Walter Benjamin die Wahlkampftaktik der heutigen AfD. Lieferte er das Gegengift gleich mit?

Von Wolfram Eilenberger


Graphik: © CC BY-SA 3.0 Volland77, Daniel Roßbach

Nach den Landtagwahlen ist die rechtsextrem-2016 ist die rechtsextrem-populistische AfD in zehn Landtagen vertreten.

Was lässt sich mit Walter Benjamin über die Gründe für und Mittel gegen den Erfolg der AfD sagen?

In dem Schatze jener Redewendungen, mit welchen die aus Dummheit „Feigheit zusammengeschweißte Lebensart des deutschen Bürgers sich alltäglich verrät, ist die von der bevorstehenden Katastrophe – indem es ja ,nicht mehr so weitergehen‘ könne – besonders denkwürdig.“ So beschrieb Walter Benjamin im Jahre 1926 anlässlich einer sich stetig verschärfenden Wirtschaftskrise, Inflation und politischen Radikalisierung die Stimmung in Deutschland. Dem Buch, aus dem diese Beobachtung stammt, gab er damals den viel sagenden Titel „Einbahnstraße“. Tatsächlich bietet Benjamins Text die bis heute treffendste Analyse für den Aufstieg der AfD zur neuen politischen Macht. Was anderes nämlich tut diese Partei, als seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise, bis in exakte Formulierungen hinein, die Angst vor einem drohenden Untergang zu schüren: „Das kann so nicht weitergehen.“ „Es muss sich jetzt schnell etwas ändern“, sonst „endet das womöglich in der Katastrophe“.

Nach Benjamin beruht die politische Wirksamkeit solcher Untergangsappelle insbesondere auf einer „hilflosen Fixierung an den Sicherheits- und Besitzvorstellungen vergangener Jahrzehnte“. Wieder ein Volltreffer! Denn auch der gemeine Angstbürger von heute erahnt seine Fixierung auf vergangene Besitzstandshorizonte ja als letztlich hoffnungslos. Gerade deshalb beharrt er mit besonderer Aggressivität auf ihnen. Zur vollendet verstellten und also im wahrsten Wortsinne perversen Paranoia mutiert solch eine Haltung schließlich, wenn sich, wie Benjamin schreibt, „die Volksgemeinschaften Europas“, angeheizt von rechtspopulistischer Rhetorik, „wie Einwohner einer rings umzingelten Stadt“ fühlen, „denen Lebensmittel und Pulver ausgehen und für die Rettung menschlichem Ermessen nach kaum zu erwarten ist“. Denn damit wird die eigentlich problembestimmende Ausgangssituation in ihr gerades Gegenteil verkehrt: Sind es in Wahrheit nicht gerade die Flüchtlinge, die in ihrer großen Mehrheit aus solchen umzingelten Städten zu uns fliehen?

Es würde allemal ausreichen, den Aufstieg von Parteien zu verhindern, die unter dem Banner einer echten „Alternative“ in Wahrheit nur die Angst vor einer scheinbar alternativlosen Apokalypse befeuern.


 

So vortrefflich Benjamins Analyse, so enttäuschend bleibt sein damaliger Lösungsvorschlag. Getreu seiner religiös getränkten Geschichtsphilosophie riet er einen Mitbürgern damals lediglich zu einer Haltung „angespanntester klagloser Aufmerksamkeit“ sowie dem messianischen Hoffen auf ein alle befreiendes „Wunder“ – für ihn die Ankunft eines rettenden „Gottes“. Eine Strategie, die insbesondere mit Blick auf das faktische Schicksal von Benjamins Weimarer Republik heute nur die wenigsten von uns überzeugen dürfte. Wesentlich aussichtsreicher erscheint es da schon, sich bis auf Weiteres auf das Vollbringen eines Wunders zu konzentrieren, das Benjamin selbst für vollkommen ausgeschlossen hielt. Es bestünde in dem jeweils ganz persönlichen Streben, sich als sorgender deutscher Bürger für die kommende, kritische Zeit weder von „Dummheit“ noch „Feigheit“ leiten zu lassen.

Das mag zunächst nach wenig klingen. Aber es würde allemal ausreichen, den Aufstieg von Parteien zu verhindern, die unter dem Banner einer echten „Alternative“ in Wahrheit nur die Angst vor einer scheinbar alternativlosen Apokalypse befeuern. Das, wenigstens, sollte anno 2016 in diesem Land doch zu schaffen sein. Oder?

Dieser Beitrag wird in der Ausgabe Nr. 3 / 2016 veröffentlicht – erhältlich ab dem 17. März.