Der Mensch ist ein Fluchttier

Bild: © Monika Höfler

Alexander Kluge ist die Trümmerfrau der Philosophie. Auf den Kriegsschauplätzen des 20. Jahrhunderts erforscht er die Bedingungen, aus denen blitzartig Frieden entstehen kann. Im Gespräch erklärt er, woher sein Vertrauen in den Menschen kommt
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Das Gespräch führte Philipp Felsch


 

Auch mit 85 wirkt Alexander Kluge wie jemand, der noch eine Menge vorhat. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sucht er die Trümmerfelder der Geschichte nach nicht ergriffenen Fluchtwegen und Rettungsgassen ab. Bei seiner von Walter Benjamin und Theodor W. Adorno inspirierten Grabungsarbeit lässt er sich weder auf eine Gattung noch auf ein Medium festlegen, schreibt Bücher, macht Filme und schmuggelt seine Kulturmagazine ins Privatfernsehen ein. Doch so verschieden seine Formate auch sind, so lassen sie sich alle an ihrer charakteristischen Methode erkennen: Auf den Schlachtfeldern, in den Apparaten und inmitten der großen Katastrophen lotet Kluge die gegen die Macht der Verhältnisse gerichtete Kraft der menschlichen Gefühle aus. Man begegnet diesem Widerspruch auch in seinen Augen, in denen sowohl die Weltzugewandtheit des Philanthropen als auch die nüchterne Sachlichkeit des Juristen liegen. Die Faszination, die sein Denken auslöst, hat mit diesem Paradox zu tun. Alle Versuche, es in die eine oder andere Richtung aufzulösen, müssen scheitern.

Herr Kluge, Sie sind Jurist, machen Filme, sind literarischer Autor – und obendrein auch Philosoph. Sind Ihnen all diese Tätigkeiten gleich wichtig, oder haben Sie ein Kerngeschäft?

Ich habe kein Kerngeschäft, aber einen Kern. Alles, was ich mache, findet nämlich im selben Gravitationsfeld statt. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie mit dem Fahrrad oder
mit dem Auto fahren – oder sich auf einen Stuhl setzen und ihre Gedanken schweifen lassen. Mir geht es immer um dasselbe. Es gibt allerdings keinen richtigen Ausdruck dafür. Sie könnten „Öffentlichkeitsmacher“ sagen. Aber das würde das Hermetische, das in meinem Beruf steckt, unterschlagen. Ich sammle die Kräfte, die wir der Wirklichkeit entgegensetzen. Das findet in verschiedenen Formen statt. Wenn ich einen Film mache, muss ich mit vielen Leuten zusammenarbeiten. Das ist beim Schreiben anders. Da bin ich Autokrat. Da kommt mir nichts in die Buchstaben, was ich nicht selbst vertrete. Aber abgesehen davon sind das nur verschiedene Mittel, um mich auszudrücken. Um Schuhe oder Mobiltelefone herzustellen, brauchen wir Arbeitsteilung. Beim Denken hindert das.

Sie sind Jahrgang 1932. Nach dem Krieg haben Sie erst einmal Jura studiert.

Eigentlich wollte ich Arzt werden, so wie mein Vater. Mein Vater war Landarzt, er machte alles – vom Wadenwickel bis zur Geburtshilfe. Die ärztliche Betrachtungsweise, die sich auf den ganzen Menschen richtet, ist der Gegenpol zur juristischen Tätigkeit. Als ich 1949 aber an die Universität nach Marburg kam, war Numerus clausus. Ich wurde als Medizinstudent nicht angenommen. Da saßen jugendliche Majore, Hauptleute, die aus dem Krieg kamen, die hatten etwas nachzuholen und belegten die Studienplätze. Und ich ging in die akademische Wartehalle und fing mit Jura an. Eigentlich wollte ich das nur studieren, bis ich auf Medizin umsteigen konnte.

Aber Sie blieben und haben sogar Ihren Doktor in Jurisprudenz gemacht. Wie hat die Rechtswissenschaft Ihr Denken geprägt?

Als Jurist habe ich gelernt, in Prozessen zu denken. Das heißt, Sie ziehen die gesamte Wirklichkeit durch ein methodisches Nadelöhr. Wer verlangt was, von wem und aus welchem Grund? Es geht darum, Realitätspartikel in etwas zu verwandeln, worauf sich ein Urteil gründen lässt, also um die Einhegung des Streitgegenstands. Das ist die juristische Methode, eine hohe Kunst. Sie ist meine moderne Bewaffnungsform, oder vielleicht sollte ich besser: meine Rüstung sagen. Wie bei einer russischen Puppe befinden sich darunter viele andere Schichten. Und ganz im Kern, da sitzt der Poet. Ich bin ein bewaffneter Poet, wenn Sie so wollen.

Alexander Kluge
in sechs Daten

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1932 Geburt in Halberstadt

1945 Halberstadt wird bei einem Luftangriff zerstört

1950 Studium der Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik

1968 Bei den Filmfestspielen in Venedig erhält Kluge den Goldenen Löwen

1987 Gründung der Entwicklungsgesellschaft dctp, die Kulturmagazine für das Privatfernsehen produziert

2015 Kluge ist Mitglied im Kreativteam von Chris Dercon, der ab Sommer 2017 die Intendanz der Berliner Volksbühne übernehmen wird

Ein Thema, auf das Sie immer wieder zurückkommen, ist der Krieg. Im April 1945 wurde Ihr Geburtsort Halberstadt durch einen Bombenangriff zerstört, Ihr Elternhaus brannte ab. Welche Bedeutung hat diese Kindheitserfahrung für Sie?

Ich hatte eine glückliche Kindheit, ich war ein Sonntagsjunge. Durch den Angriff wurde dieser Erfahrungsraum plötzlich überraschend dementiert. Das ist ein ungeahntes, unvorhersehbares Ereignis, das man im Moment überhaupt nicht verstehen kann. Ich war damals 13 Jahre alt. Da laufen die Wahrnehmungen turbulent durcheinander. Die reichen von Beten bis zu: Ach herrje! Ich habe ja ganz vergessen, dass heute Nachmittag Klavierstunde ist. Trivialitäten vermischen sich mit Todesfurcht. Wenn ich Ihnen diese Eindrücke wiedergebe, dann finden Sie ein Chaos unterschiedlichster Gedanken: Ich freue mich, dass ich morgen in der Schulpause etwas zu erzählen habe, und gleichzeitig fällt mir voller Enttäuschung ein, dass die Schule morgen wahrscheinlich gar nicht stattfinden wird. Abgesehen davon habe ich die intuitive Idee, dahin zu flüchten, wo Wasser ist. „Die Stadt brennt.“ Zusammen mit meiner Schwester habe ich in einer Badeanstalt Zuflucht gesucht. Wenn ich jetzt die Bilder aus Aleppo sehe, werden meine eigenen Erinnerungen aktiviert. Die Städte in Syrien sehen für meinen Eindruck noch schlimmer aus als unsere Städte 1945. Wahrscheinlich, weil sie mit mehr Beton gebaut sind, und weil die Bomben heute eine viel größere Zertrümmerungskraft haben.

Ist das ein Trauma, das Sie immer wieder bearbeiten müssen?

Ich bin nicht sicher, ob die dicke Haut der Illusionen, die ein Kind hat, durch eine Bombe so leicht zu durchschlagen ist. Während wir diese Tage durchlebten, hat unsere Illusionsfähigkeit wie eine Hornhaut gewirkt. Daher glaube ich nicht, dass das ein Trauma ist, das bohrt und Klärung braucht. Eher würde ich von einem Stachel sprechen. Wenn es ein Trauma gibt, dann hat das mit folgender Enttäuschung zu tun: Dass wir so angreifbar waren und so kapitulationsunfähig wie in dieser Situation des Bombenangriffs von 1945, das hat mich mit Einsicht geschlagen. Wir Kinder hatten den Einfall, hängen wir doch, wenn die Bomber kommen, aus der Martinikirche aneinandergenähte weiße Bettlaken heraus. Dann sieht das Bomberkommando das und weiß, dass wir kapitulieren wollen. Ein 13-Jähriger merkt nicht, dass seine Hoffnung auf etwas Unmögliches gerichtet ist. Selbst wenn der Pilot die Bettlaken sehen würde, könnte er darauf nicht mehr reagieren, weil er Teil einer Automatik ist, die von den Rüstungszentren über Detroit und Chicago bis nach Halberstadt reicht.

In einem Ihrer Texte schreiben Sie, dass es im alten Ägypten kein Wort für Frieden gegeben habe. Das sei erst viel später als semitisches Lehnwort in die ägyptische Sprache gekommen. Ist Frieden – nicht Krieg – der historische Ausnahmezustand?

Wenn man sich die ursprüngliche Konstitution von Gesellschaften ansieht, ist die Fähigkeit, Frieden zu schließen und eine Situation offener Gewalt zu beenden, fast nicht vorhanden. Sie entsteht erst als Produkt von lauter glücklichen Konstellationen und stellt einen Teil dessen dar, was wir Zivilisation nennen. Als Ganze betrachtet sind Zivilisationen ja hoch aggressiv gebaut. Unsere Zivilisation hat zum Beispiel den Blitzkrieg erfunden. Aber in ihrem aggressiven Bau gibt es Keller und Dachgeschosse, in denen die seltsame Möglichkeit lagert, dass es umgekehrt auch so etwas wie „Blitzfrieden“ geben kann. Als Spurenelement in der Zivilisation gibt es diese Friedensfähigkeit. Sie hat etwas Blitzartiges, das Walter Benjamin meinte, wenn er von „schwachen messianischen Kräften“ sprach: eine Lücke im historischen Kontinuum, in der sich etwas völlig Unvorhergesehenes ereignen kann. Nehmen Sie jemanden wie Pierre Mendès France, der völlig überraschend im Jahr 1955 Ministerpräsident von Frankreich wird. Er erklärt, innerhalb von vier Wochen Frieden in Vietnam zu machen oder andernfalls zurückzutreten. Doch er hat Erfolg! Das ist so ein Fall von Blitzfrieden. Mit der gleichen Intensität, mit der ein Bombergeschwader eine Stadt zerstören kann, können wir Elemente entwickeln, in denen Frieden entgegen aller Wahrscheinlichkeit zustande kommt.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit – das scheint mir den Kern Ihrer intellektuellen Arbeit zu berühren.

Ich bin in der Kritischen Theorie zu Hause. Die Kritische Theorie sagt, dass es immer einen Ausweg gibt. Wenn die Wirklichkeit den Menschen demütigt und entmündigt, dann glauben wir eben nicht an diese Wirklichkeit. Dann behalten wir uns vor, eine andere zu wählen. Der Antirealismus des Gefühls, wie ich das nenne, beruht auf einer Innenausstattung, die wir haben. Wir sind keine Wahrheitssucher. Wir sind insofern Illusionisten, als wir eine Balance zwischen den der Realität zustimmenden und den ihr widersprechenden Empfindungen suchen. Für Kant bestand der Kern der Aufklärung darin, sich des eigenen Verstands zu bedienen. Das wäre mir zu wenig. Ich möchte mich auch meiner übrigen Sinne bedienen. Das, was Kant macht, ist, wenn Sie so wollen, Schlachtschiffbau. Ich möchte seine Flotte durch Beiboote erweitern: U-Boote, Minensuchboote, improvisierte Dampfer, Flöße – notfalls Balken. Ich muss alle Kräfte des Menschen gegen die überwältigende Objektivität in Stellung bringen, die sich im Lauf der Geschichte angesammelt hat – und in der die besten Teile der Subjektivität in Form von geleisteter Arbeit stecken. Das heißt, wir kämpfen gegen uns selbst, wenn wir gegen Unterdrückung kämpfen. Der Soziologe Georg Simmel nannte das die „Tragödie der Kultur“. Da kann ich nicht groß wählerisch sein, sondern muss mich aller Möglichkeiten bedienen, und das ist auch der Grund, warum ich Jurisprudenz, öffentlichen Diskurs und hermetische, verrätselte Texte auf Augenhöhe nebeneinanderstelle. Das ist mein Waffenarsenal.

Alexander Kluge erhält durch Petra Roth die Urkunde zum „Theodor-W.-Adorno-Preis“ (2009) in der Paulskirche überreicht. Bild: © CC-by-SA 3.0 Dontworry

 

Dass Sie der Kritischen Theorie nahestehen, hat auch mit Ihrer Begegnung mit Theodor W. Adorno in den späten 1950er-Jahren zu tun. Wie haben Sie Adorno kennengelernt?

In der Antrittsvorlesung eines Historikers in Frankfurt saß ein Mann mit flauschiger grauer Haarkrause und auffallend aufmerksamen Augen vor mir. Ich hatte Thomas Manns Tagebücher zum Doktor Faustus gelesen, in denen es eine Beschreibung von Adorno gibt. Daher dachte ich, das könnte er sein, und sprach ihn an: „Sind Sie Herr Adorno?“, und er nickte, als wollte er sagen: „Interessant, erkannt zu werden.“ Und dann verabredeten wir uns auf den nächsten Tag zum Tee.

Für Walter Benjamin und auch für Adorno waren die letzten Freiheitsspielräume, die es in der verwalteten Welt gab, in der Konsumsphäre zu finden. Sie hingegen interessieren sich nicht für Waren, sondern für Organisationen und Apparate – also für das, was Adorno die Produktionssphäre nannte. Betrachten Sie Institutionen als Möglichkeitsräume?

Ganz generell halte ich Großorganisationen für unsere Feinde. In den 1960er-Jahren habe ich mich einmal an einem Entwurf für ein neues Max-Planck-Institut beteiligt. Da waren weder interne Abteilungen noch Hierarchien vorgesehen. Daraus wurde aber nichts. Davon abgesehen muss ich jedoch der Tatsache Rechnung tragen, dass sich in einer Firma wie Siemens oder in der Elektrifizierungskampagne der Sowjetunion nach 1917 ein Teil des Könnens von Ingenieuren verdichtet. Und deshalb darf ich die große Masse an menschlichen Eigenschaften und Können und Verlässlichkeiten, die in Großorganisationen stecken, nicht übersehen. Da muss ich, wie Spartakus, der Anführer des großen römischen Sklavenaufstands, sagte, auf der Seite der Mehrheit bleiben, selbst wenn sie irrt.

Der Konsumsphäre scheinen Sie dagegen weniger zuzutrauen.

Nehmen Sie die Industrie 4.0, die neueste Entwicklung aus dem Silicon Valley. Sie zielt darauf, das letzte Quäntchen Konsumfähigkeit aus den Menschen herauszupressen, also einen Kapitalismus zu schaffen, der sich weniger auf die Produktion von Waren als auf die Mobilisierung von Zeitquanten richtet, in denen einer etwas kaufen kann. Es geht um den Konsumenten, der im Auto sitzt und gleichzeitig kauft, am besten gleich verzehrt, vielleicht noch Schach spielt. Das ist eine verquere Umsetzung von Karl Marx’ Utopie des freien Menschen, der am Morgen jagt, nachmittags fischt und nach dem Essen Kritiken schreibt. Für die Erzeugung von Mehrwert kommt es heute auf die Rekrutierung der Konsumsphäre an. Doch dazu muss die Lebenszeit von Menschen enteignet werden, denn dem Rekrutierenden kann an der Selbstorganisation der Menschen nicht gelegen sein. Im Gegenteil, er muss sie überrennen. Das sind wir längst von der Werbung gewohnt, aber systematisch machen das erst die neuen Algorithmen, die so in das individuelle Bedürfnis einsteigen, dass sie zum Anführer der Begierden werden. Algorithmen sind mir suspekt, weil sie versuchen, Wünsche vorweg zu organisieren.

Welche Möglichkeiten haben wir, uns dieser Fremdbestimmung zu widersetzen?

Die Libido ist ein Lebewesen in uns, das unseren Charakter, unsere Abwehrfronten, unsere Begehrungsvermögen, wie das bei Kant heißt, also unsere offensiven Fähigkeiten erzeugt. Daher ist sie auch in der Lage, sich der Enteignung durch Algorithmen zu widersetzen. Je mehr ihr Vorgeformtes angeboten wird, umso intensiver wird sich ihr eigenes Begehrungsvermögen zuspitzen. Anders gesagt: Alles, was ich tue, speist sich aus der Überzeugung, dass wir viel zu alte und komplexe Lebewesen sind, um durch irgendeinen Apparat, der sich uns als Objektivität gegenüberstellt, zähmbar zu sein. Im Notfall müssen wir eben Partisanen unserer Wünsche werden.

Werke von Alexander Kluge

(Spielfilm, 103 Min., 1968) Alexander Kluge gehört zu den stilbildenden Regisseuren des Neuen Deutschen Films. Mit diesem Film, der die Schauspielerin Hannelore Hoger bekannt machte, gewann er bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1968 den Goldenen Löwen.
(mit Oskar Negt, Zweitausendeins, 1981) Zusammen mit dem Soziologen und Philosophen Oskar Negt betreibt Kluge parallel zu seiner literarischen Arbeit ein großes Theorieprojekt, als dessen Hauptwerk „Geschichte und Eigensinn“ gelten kann. In Fortschreibung des Marxismus geht es den beiden Autoren um eine politische Ökonomie der Arbeitskraft.
(TV-Magazin, dctp, seit 1988) Seit 1988 produziert Kluge für das Privatfernsehen das Kulturmagazin „10 vor 11“, in dem er Gesprächspartner aus Kunst, Literatur und Wissenschaft befragt. Die Sendungen addieren sich zu einer Enzyklopädie der Gegenwart.
(Suhrkamp, 2001)
Der Titel ist Programm: Auch wenn sich Kluge
in seinem gesammelten Erzählwerk mitunter dem Jargon des militärisch-industriellen Komplexes annähert, ist es der Macht der Gefühle gewidmet, die der Autor bis in die Tiefen der menschlichen Gattungsgeschichte zurückverfolgt.

Anders als Adorno sind Sie ein Optimist?

Was heißt Optimist, ich suche nach Auswegen. Meine Haltung ist folgende: Wenn eine Wirklichkeit mich unwirtlich behandelt, dann interessiert mich nicht die Wirklichkeit oder die Wahrheit, sondern mich interessiert der Ausweg. Wenn das Floß sinkt, können wir immer noch schwimmen lernen. Wie die Pferde sind auch die Menschen Fluchttiere. Es ist absurd, dass man Pferde im Galopp auf fremde Truppen zureiten lässt, das ist die Umkehrung ihrer natürlichen Bewegungsrichtung. Ganz ähnlich ist auch unsere Intelligenz gebaut.

Sie beziehen sich immer wieder auf unsere Gattungsgeschichte, einen Zeitraum, der sich in Jahrtausenden oder sogar in Millionen von Jahren bemisst. Der Antirealismus des Gefühls, von dem Sie sprechen – kommt der aus dieser tiefen Vergangenheit?

Es gibt eine longue durée, die wir in uns tragen – so wie die 37 Grad des Urozeans, die unserer Körpertemperatur entsprechen. Oder die vier Kilo Bakterien und Pilze, die unseren Darm bevölkern. Die richtige Mischung, die wir zum Verdauen brauchen, ist 30 000 Jahre alt. Gattungsgeschichte, das heißt auch, sich der in uns versammelten Minoritäten, der Spurenelemente gewahr zu werden. Sie enthalten noch mal einen weiteren Menschen. Intentional werden Sie keine Revolution zustande bringen. Der homo novus entsteht zwischen uns, wenn wir mal nicht hinhören, also relativ absichtslos.

Die lange Dauer ist die Zeitdimension, aus der Sie Hoffnung schöpfen. Walter Benjamin hat von der „kleinen Pforte“ gesprochen, durch die jederzeit der Messias treten kann. Projizieren Sie diese messianische Idee von der Zukunft in die Vergangenheit zurück?

Wenn Sie die Vergangenheit als eine ungeheure Sammlung von Möglichkeiten verstehen, die man hätte ergreifen können. Die Vergangenheit hat Seitenstränge, sie ist nicht mit dem bloß Geschehenen identisch, sondern da gibt es auch das beinahe Geschehene, die Möglichkeitsform. Durch eine kleine Verschiebung hätte alles anders kommen können. Die Lösungen, die wir benötigen, liegen in diesem riesigen Archiv. 800 Meter vor der Kreuzung, an der Ödipus seinen Vater umbringen wird, hätte er umkehren können. In diesem Fall hätten sich auch Eteokles und Polyneikes, seine Söhne, nicht gegenseitig töten müssen. Von Ödipus aus bin ich an diesem Punkt schon in die Zukunft der nächsten Generation gelangt. Sie können wie ein Geologe die Summe der Vergangenheit aufklopfen. Dann haben Sie eine Landkarte, eine Kartierung von Zukunft vor sich. Das reine Denken, der Aktivismus der Intelligenz, ist wirkungslos. Die Intelligenzform, an die ich glaube, hat ein sammlerisches Element. Ich sammle die Auswege, die in jeder Katastrophe stecken. Dieses Sammlerische können Sie sich so ähnlich wie bei den Gebrüdern Grimm vorstellen, deren großes Wörterbuch sich auf 20 Bände beläuft.

Wir befinden uns in einer historischen Situation, in der sich zwischen alten Institutionen und neuen Medien eine Kluft auftut. Zeitungen, Parteien, Gerichte oder Universitäten befinden sich in einer Krise, die viel damit zu tun hat, dass sie dem Angriff der neuen Medien ausgesetzt sind. Mit einem einzigen Tweet kann Donald Trump die Republikanische Partei und die New York Times zugleich umgehen. Müssen wir heute auf der Seite der alten Institutionen stehen?

Die alten Institutionen sind heute tatsächlich durch die neuen Medien bedroht. Bedroht waren sie aber immer. Unsere Aufgabe besteht darin, sie in etwas Neues zu übersetzen. Das Bedürfnis, in einer Zeitung zu lesen, kann ich nicht wiederherstellen, wenn das, was ich lese, schon am Vorabend im Netz und im Fernsehen bekannt war. Der Postweg ist zu langsam. Gewisse Dinge sind in gewissen Situationen unwiderruflich überholt. Aber das Bedürfnis, mit Ihnen dieses Gespräch zu führen, entspricht dem, was das Briefeschreiben im 18. Jahrhundert, zur Zeit Voltaires, ausgemacht hat, nämlich eine freundliche, außerhalb der Tagesrealität liegende Kommunikation zu unterhalten. Als Bedürfnis ist das heute noch genauso lebendig wie damals. Und deswegen muss man nur suchen, wo der Seitenweg ist. Ist die Autobahn zersprengt, schaue ich, wo die nächsten Waldwege sind. Ist die Stadt zerstört, sammeln wir die Backsteine und bauen etwas Neues auf. •

Dieser Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 4 / 17