„Der Ballermann ist ein Epizentrum menschlicher Kultur“

Der Soziologe Sacha Szabo erforscht seit langem das Phänomen Ballermann. Er erläutert, welche Sehnsüchte der Ort erfüllt und weshalb dem Mythos mittlerweile die Zerstörung droht.

Die Fragen stellte Dominik Erhard


Bild: © Conny Ehm

Sacha Szabo

Der Soziologe leitet das Institut für Theoriekultur in Freiburg.
In seinem 2011 erschienenem Buch „Ballermann“ (Tectum Verlag) untersucht er das Erlebnis eines Mallorcaurlaubs aus soziologischer Perspektive.

Herr Szabo, Mallorca steht ein Rekordsommer bevor. So viele Urlauber wie schon lange nicht mehr wollen in die spanische Sonne. Was macht die Insel als Reiseziel so attraktiv?

Sonne, Sand, Meer sind unmittelbare Körperwahrnehmungen und als solche ein Komplementärerleben zur entfremdeten Alltagswirklichkeit. Zugegeben, diese Deutung ist ein wenig denkfaul. Denn letztlich folgt auch der Tourismus einer Warenlogik und da bieten die westlichen Mittelmeerinseln ein sehr verlässliches Angebot. Mallorca erlebte in den sechziger Jahren als eine der ersten Flugdestinationen einen Aufschwung als eines der ersten Ziele des Massentourismus. So wurden die Mallorca-Urlauber auch als „Neckermänner“ verspottet und später als der Urlaub auch für breitere Schichten bezahlbar wurde, wurde Mallorca als „Putzfraueninsel“ diffamiert. Womit wir es dabei zu tun haben, ist – Hans Magnus Enzensberger – nannte dies „Denunziation“ eines Urlaubsziels, durch die ehemals privilegierten Schichten, die nun die Exklusivität ihres Urlaubsortes einbüßen. Wir sehen am Beispiel Mallorcas prototypisch wie ein Kulturgut, der Urlaub, früher die adlige Grand Tour jetzt über Jahrhunderte in die unteren Schichten herabsinkt.

Viele Urlauber kommen jährlich wieder, residieren in den selben Hotels und verweilen in ähnlichen Kreisen. Inwiefern ist Mallorca für seine Besucher identitätsstiftend?

Natürlich ist Mallorca eine schöne Insel und gerne wird ergänzt trotz des „Ballermanns“. Ich würde dem entgegnen, nein, gerade deshalb. Denn im Grund gleichen sich viele Mittelmeerinseln. Strände, Steilküsten, Grotten, gerne grüne oder blaue, ein Berg oder zwei und dazu ein besonders alter Baum und natürlich Kirchen. Das ist die Grundvoraussetzung für ein stimmiges Inselflair. Das aber haben nun viele Inseln im Mittelmeer, was Mallorca wirklich heraushebt – und viele werden das nicht gerne hören – ist der „Ballermann“. Wobei es sich dort weniger um einen Ort handelt als vielmehr um ein Phänomen handelt. Dieses umfasst zwei Straßen, die „Bierstraße“ und die „Schinkenstraße“ und dazu noch drei Diskotheken. Der „berüchtigte“ Ballermann 6 selbst ist nämlich bloß ein Strandkiosk und heute recht ruhig, lediglich ein paar Betrunkene suchen ihn auf in der Hoffnung, dass der Mythos dort noch lebt. Was man jetzt am „Ballermann“ verfolgen konnte, war wie sich ein Fest entwickelt. Es ist sozusagen ein Blick in ein Epizentrum menschlicher Kultur. Und wie im Zeitraffer konnte man verfolgen wie ein archaisches, rohes und vorzivilisiertes Fest sich zuerst etablierte und institutionalisierte und jetzt im Hinblick auf seine Erlebnisqualität konfektioniert wird.

Wie wichtig sind Orte der archaischen Entgleisung wie der Ballermann für unsere Gesellschaft?

Der Mensch als Wesen mit einem reflexiven Bewusstsein trägt die Last des Wissens um seine Verletzlichkeit und seine Endlichkeit, zeitweilig drängt es ihn diese Last zu vergessen und aus seiner exzentrischen Positionalität herauszutreten. Dies sind die Momente der Ektase und des Rausches. Es ist das Erleben eines außeralltäglichen Zustandes, so hat dies Max Weber beschrieben. Dieser Zustand ist bei Weber an das Charisma gekoppelt, das auch von Dingen und Orten ausgehen kann. Und der Ballermann ist solch ein außeralltäglicher Ort an dem der Mensch eine unreflektierte Unmittelbarkeit erleben kann.

Der Ballermann hat eine karnevalistische Grundstruktur, die ziemlich genau Bachtins Beschreibung des Karnevals entspricht


 

In ihrem Buch vergleichen Sie die Rituale eines Mallorca-Aufenthalts mit denen eines religiösen Erlebnisses. Können Sie das näher erläutern? Ist Gott also nicht tot, sondern einfach auf die Insel ausgewandert?

Für mich war das Überraschende, wie viele religiöse Zitate am Ballermann präsent sind. So waren vor zwei Jahren Rosenkränze als Modeschmuck ein großer Trend. Ja die größte Disko, der „Megapark“ ahmt die Architektur einer Kirchenruine nach und in den Bleiglasfensters wird Hopfen und Malz gepriesen. Sie ist – wenn man so will – das verfemte Spiegelbild der Kathedrale von Palma. Und diese religiösen Zitate findet man sogar wieder in Partylieder wie etwa Micki Krauses „Laudate si“, das letztlich den Sonnengesang des Franz von Assisi parodiert. Und auch wenn dies ein wenig nach Profanation klingt, selbst der Eimer mit den Strohhalmen ähnelt einem Ritualgefäß, das zur Herstellung der Communitas, der Festgemeinschaft dient. Dieses Erleben von Gemeinschaft ist gleichzeitig wieder etwas, das in unserem Alltag zurückgeht und dieses Bedürfnis danach wurde nun am Strand von Mallorca gestillt. Wobei nicht ohne Ironie ist: dass das Gefäß auf der „Putzfraueninsel“ ein Putzeimer ist.

Ist Mallorca und insbesondere der Ballermann ein Ort, an dem sich unsere Gesellschaft ihrer selbst als eine Erlebnisgesellschaft versichert?

Die Erlebnisgesellschaft folgt ja, so Gerhard Schulze, dem Imperativ „erlebe dein Leben“, was zu einer Art Erlebnisstress führt. Womit wir es beim Ballermann zu tun haben ist ein Heterotop. Ein besonderer Ort, der auch in der Geographie eingelassen ist, an dem andere Regeln herrschen. Es ist ein Festort an dem buchstäblich die Regeln des Alltags aufgehoben und ins Gegenteil verkehrt sind. Ich habe einmal André Engelhardt, der den Begriff des Ballermanns etablierte, gefragt was für ihn Ballermann bedeutet und er antwortete: „Karneval das ganze Jahr“. Und genau das ist es: Der Ballermann hat eine karnevalistische Grundstruktur, die ziemlich genau Bachtins Beschreibung des Karnevals entspricht. Dazu gehört der lockere Umgang mit Sexualität, eine Art Verbrüderung im Rausch, dazu gesellt sich die Verkehrung des Alltags, oftmals sichtbar in den verschieden T-Shirt aufdrucken und als letztes die Profanation religiöser Rituale. Interessanterweise finden man all dies wieder als Motive in Jürgen Drews Ballermannhit: „Ich bin der König auf Mallorca“.

Muss man selbst dort gewesen sein, um das Phänomen Ballermann zu verstehen?

Nein, der Ballermann hat sich als Phänomen letztlich schon von dem Ort gelöst. Am Ort selbst existiert nur noch eine Art Mythos, dem die Besucher hinterher jagen. Im Übrigen geht die Bezeichnung für dieses Phänomen letztlich auf ein Wording des Markeninhabers Engelhardt zurück. Davor sprach man – das zeigen die Magazine vor Mitte der neunziger Jahre – noch von „Malle“. Engelhard propagierte die Bezeichnung und ging ihr hausieren bis sich diese dann mit Hilfe der BILD-Zeitung auch durch dem Film mit Tom Gerhard etablierte. Heute kann man Ballermannpartys auch im Ruhrpott fern von Sonne, Sand und Meer erleben und hier versichert sich jetzt die Erlebnisgesellschaft ihrer Identität und das sogar mit „Erlebnisgarantie“.

Oft hört man, dass „z.B. der Norden der Insel ja ganz anders als der Ballermann“ sei. Woher kommt diese vermeintliche Notwendigkeit einiger Mallorcareisender, sich zu rechtfertigen?

Das Unnütze und Unproduktive – Georges Bataille spricht von dem Verfemten – wird in der vom Protestantismus geprägten kapitalistischen Gesellschaft diffamiert. Und dieser Nützlichkeitslogik folgen häufig die Urlaube. Es scheint einen Imperativ zu geben, dass man Land und Leute kennenlernen muss. Dies stillt einen selbstempfundenen Mangel an Kultur und gleichzeitig akkumuliert so der Urlauber kulturelles Kapital. Aber auch Antipoden dieses Bestrebens, die Sonnenanbeter, sind dieser Ökonomie ausgeliefert, als dass sie sich in einer Art Schichtarbeit sonnen um dann die gebräunte Haut als symbolisches Kapital zu präsentieren. Beides sind Strategien der Distinktion, der Abgrenzung und der eigenen Absetzung von den Anderen.

Ich hätte gerne so etwas wie Bestandsschutz für den Ballermann. Denn Mallorca ohne diesen Ort ist wie Hamburg ohne St. Pauli


 

Was ist generell über diesen Dualismus zu sagen?

Wenn wir noch einen kurzen Moment bei dem Verfemten bleiben, dann zeichnet genau dies die vorzivilisierte Volkskultur als Gegenkultur aus. Sie wird von den höheren Schichten abgelehnt und ausgegrenzt. Gleichzeitig drängt es die jeweils untere Schicht danach, den Habitus der nächst höheren Schicht nachzuahmen. Was als Bodensatz übrig bleibt, ist das Dunkle, Triebhafte, das nicht im aufgeklärten Diskurs aufgeht und genau von diesem will sich der aufstrebende Kulturbürger distanzieren und sich nicht die Hände schmutzig machen.

Für viele Mallorquiner scheint der Massentourismus mit seinen Auswüchsen nicht mehr erträglich zu sein.
Befindet sich die Insel in dieser Hinsicht in einer Phase des Umbruchs?

Was wir am Ballermann erleben, ist dass das archaische ungeordnete reglementiert wurde, dennoch zog es weiterhin Touristen an diesen Ort. Allerdings legten diese weniger Wert auf hochpreisige Hotels, sondern mehr auf günstige Verpflegung um ausreichend Geld für Partys zu haben. Was wir jetzt erleben, ist eine Art Disneyfizierung des Ballermanns. Es wird versucht den Mythos aufrecht zu erhalten und gleichzeitig alle Auswüchse zu reglementieren. Ich gebe zu, es ist nicht jedermanns Sache mit Betrunkenen den Strand zu teilen, aber Strände gibt es wiederum am Mittelmeer ausreichend. Ich hätte gerne so etwas wie Bestandsschutz für diesen Ort. Denn Mallorca ohne Ballermann ist wie Hamburg ohne St. Pauli. Und wie gesagt, es sind zwei Straßen, wem das nicht zusagt, der hat die ganze restliche Inseln mit Ausnahme von Magaluf, wo die englischen Ballermann Touristen sind – für sich.

Wie ist die Zusammensetzung der Besucher des Ballermanns aus soziologischer Sicht zu beschreiben und hat sich diese in den letzten Jahren verändert?

All das Exzessive wird zurückgedrängt und letztlich sind eben auch viele genau wegen dieser Erlebnisse an diesen Ort gekommen. Es ist eine Gentrifizierung in gang, wie sie auch am Prenzlauer Berg oder gerade in Neukölln stattfindet. Jetzt versucht man die Viertel aufzuwerten um eine zahlungskräftigere und auch ältere Klientel anzusprechen und die, die diesen Ort geprägt haben werden sukzessiv vertrieben. Zugleich wird das Angebot professionalisiert, so dass die Besucher von s´Arenal ein Angebot vorfinden das bestimmten Erwartungen entspricht, aus dem Archaischen ist ein touristisches Event geworden. Diesen kann sich jetzt auch eine Familie für einen Nachmittag gefahrlos aussetzen um zu Hause berichten: „Wir waren natürlich auch für einen Nachmittag am Ballermann“. Aber das was jetzt dort erlebbar ist, ist nur noch der Nachhall eines Mythos.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Im Moment habe ich gerade ein Buch im Druck, das sich mit den Lunaparks in Deutschland beschäftigt. Auch einer wilden Vergnügungskultur, die durch die Weltwirtschaftskrise und dann durch die Nationalsozialisten ihr Ende fand. Es gibt nur noch wenige Überbleibsel dieser Kultur, die prägend für die Zeit von der Jahrhundertwende bis zu den dreißiger Jahren in den Metropolen Deutschlands war. Und aktuell arbeite ich an einer Obduktion eines Festplatzes, der Dresdner Vogelwiese, um die Grundkonstanten eines außeralltäglichen Ortes zu bestimmen. •

Dieser Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 5 / 17