Das Theorem des Widerspenstigen

Das Gesicht von Pjotr Pawlenski ist von Repression, mehr jedoch noch von
dem Willen gezeichnet, gegen diese zu aufzubegehren.

Bild: © CC-BY-SA 4.0 Maksim Belousov

Um den putinschen Nationalismus anzuprangern, setzt Pjotr Pawlenski auf Provokation. Selbstverstümmelung und Brandstiftung gehören zu den Mitteln Pawlenskis, der die politischen Unterwerfungsmechanismen des Regimes bloßstellen will. Nun hat die Filmemacherin Irene Langemann einen Dokumentarfilm über den russischen Aktionskünstler gedreht:
„Pawlenski – Der Mensch und die Macht“, ist seit dem 16. März im Kino zu sehen.

Von Michel Eltchaninoff

Bild: © CC-BY-SA 4.0, Raphaël Labbé

Michel Eltchaninoff ist Leitender Redakteur des französischen
Philosophie Magazins

Ein Treffen mit Pjotr Pawlenski führt zu Irritationen. Gehört diese schmale, ganz in Schwarz gehüllte Silhouette zum Körper desselben Mannes, der sich 2013 splitternackt in Stacheldraht wickelte, um gegen Putins Repression zu protestieren? Ist es derselbe, der sich am „Tag der Polizei“ entkleidete und seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau festnagelte? Die großen grauen Augen, die mich aus den eingefallenen Gesichtszügen ernst anblicken, erinnern an ein Gemälde der primitiven italienischen Kunst. Die kurz rasierten Haare lassen die Konturen dieses Gesichts umso stärker hervortreten. Ist dies der Mann, der sich seinen Mund mit einem roten Faden zugenäht und sich ein Stück seines Ohrs abgeschnitten hat? Was will dieser Künstler, der in Russland schon mehrfach für verrückt oder zum Sadomasochisten erklärt wurde, während ihm psychiatrische Gutachten vollkommene psychische Normalität bescheinigen?

Mit ruhiger Stimme erklärt mir der 32-Jährige den Sinn seiner Aktionen. Aktionen, die von seiner ganz unmittelbaren Existenzweise nicht zu trennen sind. Schon seit seiner Schulzeit stellte Pawlenski jede Autorität infrage. Er las die Autoren der Beatgeneration, verbrachte seine Zeit in der Kinemathek oder im Museum. Später schrieb er sich an einer Kunsthochschule ein. Ein anderer Beruf als Künstler wollte ihm nicht einfallen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends spezialisierte sich Pawlenski dort auf monumentale Kunst. Und verstand, wie er heute sagt, dadurch das Wesen der putinschen Ideologie: „Der monumentalistische Künstler ist derjenige, der die Ideologie des Regimes in eine passende künstlerische Form gießt. In der Sowjetunion ging es darum, die Führer vom Schlage Lenins ins rechte Licht zu setzen. Heute bestimmen die russisch-orthodoxe Kirche und die Restauration der russischen Nation das Bild. In der Kunsthochschule habe ich beobachtet, wie sich alle talentierten Künstler dem Druck des Kollektivs beugen. Man hat uns das Gehirn gewaschen.“
Als Einziger quittiert Pawlenski den Unterricht.

Im Jahr 2012 erfährt er, dass die Mitglieder des Musikerkollektivs Pussy Riot vor Gericht gestellt werden sollen, weil sie in einer Moskauer Kathedrale ein „Punk-Gebet“ angestimmt haben. Man wirft ihnen vor, religiöse Gefühle beleidigt zu haben. Pawlenski entschließt sich, die jungen Frauen zu unterstützen. Er näht sich die Lippen zusammen und provoziert damit bewusst die eigene Festnahme. „In den Augen der Polizei ist der ideale Bürger der, der den Mund hält“, sagt Pawlenski. „Wenn er allerdings von der Polizei zum Sprechen aufgefordert wird, soll er sein Schweigen brechen. Ich wollte die Ordnungsmacht durch diese Aktion mit ihren eigenen Widersprüchen konfrontieren.“
Dies war der Moment, in dem Pawlenski die Stoßrichtung seiner künftigen Arbeiten gefunden hatte.

Das Regime will die Kunst kontrollieren. Ich aber mache es zum Sujet meiner Bilder und bringe es so unter meine Kontrolle


Ein radikales Leben in Daten
Pawlenski wird in Leningrad (heute Sankt Petersburg) geboren
Erste Aktion, „Naht“ (zur Unterstützung des Kollektivs Pussy Riot)
Am „Tag der Polizei“ nagelt er während der Aktion „Fixierung“ seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau fest
Als die Maidan-Revolution in der Ukraine triumphiert, inszeniert Pawlenski eine Minibarrikade auf einer Brücke in Sankt Petersburg (Aktion „Freiheit“)
Nachts steckt er das Tor des historischen KGB-Sitzes in Moskau in Brand (Aktion „Bedrohung“). Sieben Monate sitzt er in Untersuchungshaft und muss sich einer psychiatrischen Behandlung unterziehen
Bei Matthes & Seitz erscheint „Gefängnis des Alltäglichen“, Gespräche mit Pjotr Pawlenski

„Wenn man sich von der Polizei verprügeln lässt, ist das wesentlich schmerzhafter, als wenn man sich freiwillig einen Schmerz zufügt“, sagt er über seine Selbstverletzungen. Pawlenski will sich freimachen von den Ängsten, die die russische Gesellschaft paralysieren, und von der Unterwerfung. Bei jeder seiner Aktionen hat er die Ordnungsmacht im Blick. „Das Regime“, so erklärt er mir, „will die Kunst kontrollieren. Ich aber mache es zum Sujet meiner Bilder und bringe es so unter meine Kontrolle.“ Zugleich legt Pawlenski die Geschichte der Machtmechanismen bloß: Das Zunähen der Lippen oder das Festnageln von Hodensäcken ist eine in Russland lange bekannte Praxis unter Strafgefangenen, nur dass die Räume ihrer Gefangenschaft meist dem öffentlichen Blick entzogen sind.

Der junge Künstler will zeigen, dass jenseits des putinschen Glamours, der die politische Kaste wie die orthodoxe Kirche in seinen Bann zieht, im ganzen Land die Repression herrscht. Darf Pawlenski nun nirgends mehr ausstellen? Pawlenskis Antwort: Er stellt sich selbst und seinen Körper auf offener Straße aus. Wenn es Menschen gibt, die lieber die Augen vor dem autoritären Wesen des Regimes verschließen, dann zwingt Pawlenski diese Menschen dazu hinzusehen. Bei seiner letzten Aktion im November 2015 hat Pawlenski Feuer an das Tor der historischen Moskauer Geheimdienstzentrale gelegt — in der Lubjanka waren Zehntausende Bürger ermordet worden. Erwartungsgemäß wurde Pawlenski festgenommen. „In den Tagen nach meiner Aktion wurde diese symbolische Tür durch einen eisernen Vorhang verhängt“, berichtet er lächelnd.

Pawlenski ist nicht verrückt. Er ist weit entfernt davon. Ihm ging es stets darum, seine Mitbürger durch Schockeffekte aus ihrer Apathie zu reißen. Und er denkt nicht ans Aufhören. •