Das Mögliche und das Wirkliche

Worauf kommt es an, wenn die Sehnsucht nach dem Neuen erwacht, während gleichzeitig unklar ist, wo es zu suchen wäre? Die Zukunft ist gerade deshalb offen, weil nicht alles zu jeder Zeit möglich ist, sondern es stets aus dem Wirklichen hervorgeht. Das Neue gebiert sich stets aus dem Zusammenspiel von Ich und Umwelt, aus der Kombination von Selbstschöpfung und Inspiration.

Von Nils Markwardt


Bild: © Johanna Ruebel

Nils Markwardt ist leitender Redakteur des Philosophie Magazins

Die letzten Partyreste sind entsorgt, die Deko verstaut, die Straßen gefegt. Ganz nüchtern steht das neue Jahr nun da. Und mit ihm all jene guten Vorsätze, die man sich im üblichen Anfall von Ambitioniertheit mal wieder zurechtgelegt hat: mehr Sport treiben, endlich den Traumpartner treffen, ja, womöglich sogar das eigene Leben komplett umkrempeln. In diesen ersten Januartagen, in denen rituell am Update der eigenen Biografie gearbeitet wird, stellt sich eine Frage für viele schon aus ganz praktischen Gründen: Woher kommt das Neue? Oder andersherum gesagt: Wie verändert sich das Alte?

Wobei diese Frage ebenso all jene betrifft, die ohne Vorsätze auskommen. Denn selbst wenn man sein Leben gar nicht ändern will, weil man mit dem Bestehenden eigentlich ganz zufrieden ist, transformiert sich die Welt doch unablässig – und (über)fordert uns durch fortlaufend neue Anpassungsleistungen. Sei es der technologische Wandel, der unsere Art zu arbeiten und zu kommunizieren geradezu revolutioniert, der Klimawandel, der neue Formen des Wirtschaftens und Konsumierens erzwingt, oder der politische Wandel, der momentan ganze Parteisysteme auf den Kopf stellt. Die Frage nach der Herkunft des Neuen scheint derzeit also doppelt dringlich, führt sie doch ins Zentrum gegenwärtiger Sehnsüchte und Sorgen gleichermaßen. Während das Neue für die einen gar nicht schnell genug kommen kann, fühlen sich andere von ihm chronisch erschöpft.

Metaphysisch gesehen, gibt es auf die Frage nach der Herkunft des Neuen zunächst zwei ganz grundsätzliche Antworten. Die erste lautet: Das Neue entsteht außerhalb des Einzelnen, entzieht sich also der menschlichen Verfügungsgewalt. Diese Vorstellung offenbart sich bereits in den lange wirkmächtigen Schöpfungsmythen. Für die antiken Griechen hat bekanntlich Prometheus das Feuer gebracht, für die Babylonier Marduk die erste Stadt gegründet, Gott für die Christen die Welt erschaffen.

Dominierte bis zum Anbruch der Renaissance die Idee, dass der Kosmos sich in einer gleichermaßen perfekten wie unveränderlichen Ordnung befindet, war die Entstehung von grundlegend Neuem im antiken und mittelalterlichen Denken deshalb meist nur als Einbruch des Göttlichen zu plausibilisieren. Es kam buchstäblich aus dem Nichts: Creatio ex nihilo. Wie weit dieser Gedanke historisch nachhallte, kann man an Charles Darwin sehen. Der Naturforscher, mit einem Abschluss in Theologie ausgestattet, war über seine eigenen Entdeckungen zur Evolution zunächst ja selbst so frappiert, weil sie bewiesen, dass die vermeintlich von Gott geschaffene Natur keineswegs fertig designed war, sondern sich permanent verändert und weiterentwickelt.

Wobei es solch eine äußere Kraft des Neuen freilich auch in weltlichen Varianten gibt. Spätestens mit der Aufklärung wurde aus der göttlichen immer öfter die glückliche Fügung. Im Zuge der Säkularisierung ist es nicht mehr die Vorhersehung, sondern der Zufall, der als zentraler Bestandteil der Innovation gilt. Man denke hier nur an die unverhoffte Entdeckung des Penizillins. Diese gelang 1928 dadurch, dass der britische Bakteriologe Alexander Fleming vor seinen Sommerferien eine Petrischale mit angezüchteten Staphylokokken in seinem Labor schlicht vergessen hatte – um nach seiner Rückkehr das Antibiotikum anhand des sich mittlerweile gebildeten Schimmels ausfindig zu machen.

Kommt die Innovation von innen oder von außen, aus dem Ich oder der Umwelt, aus der Inspiration oder dem Selbstentwurf?


 

Hatte sich das Wunderdenken historisch also zunehmend verweltlicht, so erklärt sich erst vor diesem Hintergrund jene moderne Ereignisphilosophie, die bis heute prägend ist. Denn für Denker wie Martin Heidegger oder Alain Badiou ereignet sich das Neue im eminenten Sinne. Das heißt, es bricht so plötzlich wie unvorhergesehen in das Sein ein. Laut Alain Badiou zeigt sich das vor allem in vier großen Bereichen: der Wissenschaft, der Kunst, der Liebe und der Politik. Hier können singuläre Situationen einen tiefen Riss in die Ordnung der Dinge treiben, die Bedeutung des Bestehenden fundamental verändern. Das mag ein plötzlich ausbrechender Aufstand sein, der sich unversehens zu einer Revolution ausweitet; ein Kunstwerk, das die Grenzen des Bekannten sprengt; eine zufällige Entdeckung, die zur technologischen Umwälzung führt; oder auch einfach jener Moment, in dem man sich auf den ersten Blick unsterblich verliebt. Damit aus diesem Singulären dann aber auch wirklich das Neue wird, braucht es für Badiou vor allem eins: Man müsse dem Ereignis die „Treue“ halten, sich ihm also produktiv öffnen. Nimmt sich kein Wissenschaftler eines Zufallsfunds weiter an oder lässt man den Moment der plötzlichen Verliebtheit verstreichen, bleibt alles beim Alten.

Woher kommt das Neue? Nähern wir uns der zweiten Antwort, die uns, den Bewohnern der Spätmoderne, vermutlich näher ist, denn sie besagt: Das Neue entsteht nicht außerhalb, sondern innerhalb der Individuen, und zwar durch die kreative Kraft der Ideen. Sprechen wir heute beispielsweise über bahnbrechende Erfindungen, seien es das iPhone, Facebook oder der Tesla, dann zumeist in genieästhetischen Kategorien. Das heißt: Wir reden immer auch von buchstäblichen Vordenkern wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Elon Musk, die eine, nein, ihre Vision Wirklichkeit werden ließen.

Der Imperativ zum Geniestreich

Wenngleich dabei oft die Begriffe von Innovation und Implementation, von Erfindung und Anwendung verschwimmen – weil beispielsweise Elon Musk die Technologie des Elektroautos ja nicht erdacht, sondern sie „nur“ verbessert und vor allem marktfähig gemacht hat –, reicht die Vorstellung des kreativen Genies, das das Neue aus sich selbst schöpft, bis zur Philosophie des deutschen Idealismus im 18. Jahrhundert zurück. Wie in keiner anderen philosophischen Strömung zuvor rückte hier das buchstäblich geistreiche Individuum in den Mittelpunkt. Das zeigt sich exemplarisch bei Johann Gottlieb Fichte, dessen „absolutes Ich“ die Welt erst durch seine „Tathandlungen“ realisiert. Der Einzelne ist nicht mehr „nur“ der Empfänger göttlicher Inspirationen, wie etwa im prophetischen Denken der Antike, sondern entwirft das gesamte Sein aus sich selbst heraus. Oder wie Fichte sagt: „Das absolute Ich ist, indem es sich setzt, und setzt sich, indem es ist.“ Hier beginnt somit jenes metaphysische Selfmadedenken, das bis zu den Imperativen unserer Gegenwart mitschwingt: Sei kreativ! Sei originell! Erfinde dich neu!

Kommt das Neue also nun von innen oder von außen, aus dem Ich oder der Umwelt, aus der Inspiration oder dem Selbstentwurf? Die Antwort lautet: Sowohl als auch! Das veranschaulicht Henri Bergson in seinem 1930 erschienenen Essay „Das Mögliche und das Wirkliche“, indem er beides, das Innen und Außen, auf der Ebene der Zeit zusammenführt. Der französische Philosoph und Literaturnobelpreisträger beginnt seinen Aufsatz hierfür mit einer Anekdote. Einst wurde er von einem Journalisten gefragt, wie er über die Literatur der Zukunft denke, ja, wie denn das neue große dramatische Werk aussehe? Bergson entgegnet: „Wenn ich wüsste, was das große dramatische Werk von morgen sein wird, so würde ich es selbst schaffen!“ Bergson zufolge offenbart sich in der Frage des Journalisten schlichtweg ein falsches Verständnis vom Neuen. Dieser glaube offensichtlich, dass das Zukünftige in „einem der vielen Schubfächer des Möglichen eingeschlossen“ sei, zu dem der Philosoph einen Zugang hätte.

Das Neue entsteht immer nur dann, wenn es eine produktive Offenheit für das Mögliche gibt


 
Zufall oder gereifte Idee?

Für Bergson ist das ein großer Denkfehler. Denn das Mögliche ist eben nicht die Voraussetzung des Wirklichen, es besteht nicht in einer ideellen Vorexistenz, die man prophetisch ausfindig machen könnte, es ist kein „Gespenst, das auf die Stunde seines Erscheinens wartet“. Es ist vielmehr genau andersherum: „das Wirkliche schafft das Mögliche, und nicht das Mögliche das Wirkliche.“ Das Bestehende bringt das Neue aus sich selbst hervor, weil Letzteres stets in einer Beziehung zum jeweiligen Alten steht, es also in einer spezifischen historischen und geografischen Situation auf kommt. Bergson verdeutlicht das an „Hamlet“. Glaubt man, dass das Stück an sich möglich war, bevor es wirklich wurde, hätte es zuvor auch irgendjemand anderes schreiben können. Doch dafür hätte derjenige imstande sein müssen, „alles das zu denken, was Shakespeare denken wird, alles zu fühlen, was er fühlen wird (…), folglich den gleichen Punkt des Raumes und der Zeit einzunehmen, den gleichen Körper und die gleiche Seele zu haben, d. h. also, Shakespeare selbst zu sein.“

Die Zukunft ist aber gerade deshalb offen, weil nicht alles zu jeder Zeit möglich ist, sondern es stets aus dem jeweiligen Wirklichen hervorgeht. Das Neue gebiert sich somit aus dem Zusammenspiel von Ich und Umwelt, aus der Kombination von Selbstschöpfung und Inspiration. Konkreter gesagt: Für die Niederschrift von „Hamlet“ brauchte es zwar einen großen, originellen Geist wie Shakespeare, gleichzeitig war dieser aber auch das Produkt seiner Zeit, konnte er doch etwa nur auf einen bestimmten historischen Wissensschatz, auf spezifische Erfahrungen seiner Epoche zurückgreifen. Er vermochte, die Möglichkeiten seiner Wirklichkeit zu nutzen, nämlich „Hamlet“ zu schreiben, aber eben noch nicht, was noch nicht möglich war, beispielsweise „Das Bildnis des Dorian Gray“ oder die „West Side Story“.

Das Neue entsteht folglich immer dann, wenn es eine Offenheit gegenüber dem Möglichen gibt, das bereits im Wirklichen eingeschlossen ist. Und dabei scheint es grundsätzlich ganz gleich, ob dieses Mögliche durch einen bloßen Zufall oder eine historisch gereifte Idee zutage tritt. Wichtig ist vielmehr, das Wirkliche hartnäckig zu bearbeiten, um daraus neue Möglichkeiten zu schaffen. Gerade im Lichte vielfach gefasster Neujahrsvorsätze stellt sich dann aber die Frage: Wie genau kann man es herausarbeiten?

Idealtypisch gibt es dafür drei unterschiedliche Optionen. Man kann wie ein Ingenieur, ein Bricoleur oder ein Disrupteur vorgehen. Der Ingenieur versucht das Alte planmäßig weiterzuentwickeln und zu verbessern, ihm also sukzessiv ein Stück Neues hinzuzufügen. Der Bricoleur würfelt das Gegebene hingegen kreativ zusammen, antizipiert das Zufällige und nutzt die Kunst der Kombination und Improvisation. Der Disrupteur entwirft das Neue wiederum in der dezidierten Abstoßung vom Alten, da er dieses nicht verbessern, sondern zerstören und durch etwas anderes ersetzen will.

Alle drei Vorgehensweisen lassen sich dabei in der Wissenschaft, der Kunst, der Politik sowie in der Technologie beobachten. So kann man etwa den Verbrennungsmotor weiterentwickeln, ihn zum Hybridantrieb kombinieren oder ihn durch die Elektromobilität ersetzen. Analog lässt sich dies aber eben auch auf die eigene Lebensführung anwenden. Man kann zum Ingenieur, Bricoleur oder Disrupteur seiner selbst werden: sich planvoll weiterentwickeln, kreativ den Zufall nutzen oder disruptiv sein Leben von heute auf morgen ändern. Will man sich hingegen gar nicht verändern, so geben diese drei Optionen immerhin Einblick in die potenziellen Fähigkeiten des eigenen Handelns. Sich in einer permanent ändernden Welt den Zusammenhang von Möglichem und Wirklichem klarzumachen, ist also niemals vergebens. Denn, so sagt Henri Bergson am Ende seines Essays: „Es kann eine Vorbereitung zum richtigen Leben sein.“ •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2018

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