Barthes und die Sprache der Liebe

Illustration: Séverine Scagila; Bildvorlage: Louis Monier/GAMMA/laif

Lieben. Das ist die einzigartigste und innigste Erfahrung, die wir im Leben machen dürfen. Jeder Liebende glaubt, dass niemand vor ihm etwas Ähnliches empfunden hat. Was für eine Illusion! – meint der Philosoph Roland Barthes. Von der ersten Begegnung bis zur Liebeserklärung durchläuft jede Liebesbeziehung zwangsläufig bestimmte Figuren, mit denen die Leidenschaft erzählt, erklärt und hinterfragt wird. Denn der Liebeswahn wird stets durch die Sprache gelebt. In einer Sammlung von Fragmenten untersucht Barthes die chaotische Logik unserer Gefühle.

Antoine Compagnon, der bei Barthes studierte, erinnert sich an Barthes als Lehrer in Fragen der Liebe und beschreibt, auf welchem geistigen Weg von Liebesqualen geplagte Herzen Befreiung finden.

Bild: © CC-by-SA 3.0 Photo Claude TRUONG-NGOC

Antoine Compagnon

Antoine Compagnon ist Professor am Collège de France. Als Schüler von Roland Barthes besuchte er dessen Seminar über die Sprache der Liebe. Er veröffentlichte unter anderem „Les Antimodernes. De Joseph de Maistre à Roland Barthes“ (Gallimard, 2005). Auf Deutsch erschien von ihm „Ein Sommer mit Montaigne“ (Ullstein, 2014)

Was für eine seltsame Erfahrung! Eben habe ich zum ersten Mal „Le Discours amoureux“ gelesen, die 2007 veröffentlichten Notizen zu jenem Seminar, das Roland Barthes zwei Jahre lang an der École pratique des hautes études in Paris gehalten hatte, bevor er seine „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (1977) schrieb. Die Lektüre hinterlässt bei mir ein Gefühl von Wehmut und Verunsicherung zugleich, eine „beunruhigende Vertrautheit“, wie Barthes Freuds Begriff des Unheimlichen zu übersetzen pflegte. Ich habe dieses Seminar zwischen 1974 und 1976 besucht; ich erkenne jene „Figuren“ wieder, jene Gemeinplätze der Liebe, die ein jeder durchlebt hat. Ich höre seine Worte wieder, ich sehe seine Lieblingsbilder wiederauferstehen, etwa die rührende Szene, wo Werther von Charlotte hingerissen ist, als er sie dabei beobachtet, wie sie Brot aufschneidet und an ihre Geschwister verteilt. Doch meine Erinnerungen von vor 40 Jahren sind verschwommen und geisterhaft.

Ich sehe erneut unser Grüppchen junger Leute im Kreis um unseren Lehrer sitzen, wie wir ihm ergeben zuhörten, fasziniert von seiner nasalen, rauen Stimme, die manchmal von einem Raucherhusten unterbrochen wurde. Barthes ging auf die 60 zu, und wir alle, Jungen wie Mädchen, die wir nur knapp über 20 waren, liebten ihn und waren ineinander verliebt. Wir waren junge Liebestheoretiker. Ihn über die „Sprache der Liebe“ reden zu hören – denn obwohl er sich hinter einer rhetorischen Distanzierung versteckte, sprach er doch von der Liebe –, berührte uns zutiefst und wir verließen das Seminar jedes Mal ergriffen.

Es ist oft gesagt worden, dass das Buch, das aus diesem Seminar hervorging, einen Bruch in seinem Werk darstellte, dass die „Fragmente einer Sprache der Liebe“ die Theorie hinter sich gelassen hatten und ein Bestseller waren (oder dass sie sich verkaufen ließen, weil sie die Theorie beiseite ließen). Wir erinnern uns an Barthes, wie er in der Literatursendung „Apostrophes“ auf der Bühne zwischen Françoise Sagan und Anne Golon, der Autorin der Angélique-Romane (eine Serie von Historienromanen, Anm. d. Red.), saß, was dogmatischere Geister schockierte. Er konnte immer wieder sagen, dass sein Buch von der „Sprache der Liebe“ handelte, nicht von der Liebe selbst, diese subtile Unterscheidung ging an den Fernsehzuschauern vorbei (wie auch wir unter dem Glasdach in der École pratique es ignoriert hatten).

Die Obszönität der Gefühle

Wir sogen seine Worte auf, weil man nur einmal im Leben 20 ist und weil wir alle verliebt waren. Auch Barthes war verliebt – so wurde gesagt. Fast ganz zu Anfang des Buches findet sich das Eingeständnis: „Es ist also ein Liebender, der hier spricht und sagt“ – aber natürlich versteckt er sich sogleich hinter seinem literarischen Essay. Im Seminar war Barthes diskreter oder verlegener, indirekter, seine Rede noch überfrachtet mit methodologischen Exkursen, semiologischen Umschreibungen, psychoanalytischen Worthülsen und philosophischer Terminologie. Wir schwiegen, doch wir ließen uns nicht täuschen. Wir wussten, wer das geliebte Wesen war, das mitten unter uns saß, und dies verlieh unseren Zusammenkünften eine besondere Atmosphäre. Zwischen uns wehte ein Hauch von Platons „Gastmahl“ – ein Werk, das Barthes zusammen mit den „Leiden des jungen Werthers“ zu einem der Haupttexte des Seminars auserkoren hatte.

In der Liebe, wie Barthes sie versteht, ist das geliebte Subjekt gefangen, wie hypnotisiert


 

Wie es vielen von der Midlife-Krise geschüttelten, reifen Männern geht, hatte er sich neu verliebt, in einen jungen Schönling, doch anders als die meisten fasste er den Entschluss, während er seine kurze Autobiografie „Über mich selbst“ beendete, seine Liebesgefühle zu analysieren, und wandte sich den Büchern zu. Sein Ansatz lief dem Trend der Zeit zuwider; er sei anachronistisch und altmodisch, behauptete er vielleicht ein bisschen zu lautstark im Seminar wie im Buch (ich weiß nicht, ob uns das damals auffiel). Nach 68 war die sexuelle Befreiung in vollem Gange, die Zeit der Gefühle war längst passé und es war obszön geworden, von Liebe zu sprechen, ähnlich provokant, wie Batailles Schrift über Erotik eine Generation zuvor gewesen war (Barthes hielt sich viel zugute auf diese paradoxale Originalität). Aus der Perspektive der Psychoanalyse (Lacan ist in diesem Buch überdurchschnittlich stark vertreten – die einzige Unausgewogenheit, die die Lektüre heute erschwert) wäre die Liebe eine Illusion: eine Regression in infantiles Verhalten, eine Vermischung von Begehren und Anspruch, eine Fixierung auf die Mutter, der Rückzug ins Imaginäre. Barthes übernimmt dies alles, nicht sonderlich mutig, aber doch ganz ungeniert. Er gefällt sich sogar in dieser „Sprache der Liebe“, sie ist ein einziger Monolog, ein Schwall von Worten, ein unendliches Grübeln und inneres Wiederkäuen. Es ist der Wachtraum eines entfremdeten Subjekts. Barthes seziert, genauer: umschreibt beziehungsweise „simuliert“, wie er es nennt, diesen hypnotischen Zustand, der aus Warten und Angst besteht, aus Verletzungen und Verzweiflung (Ach! Das Leitmotiv des vergeblich erwarteten Telefonanrufs). Bei Werther, den die Liebe schließlich in den Selbstmord treibt, zitiert Barthes die stets traurige romantische Poesie, die von Schubert und Schumann vertont wurde. Er richtet sich in dieser „weit gefassten Romantik“ ein, die von Rousseau bis Proust reicht. Die meisten seiner „Figuren der Sprache der Liebe“ sind melancholisch, selbst das „Ich liebe dich“, das doch euphorisch sein könnte, wo aber das Subjekt nie oder nur sehr selten und nur flüchtig mit dem anderen zusammentrifft.

Barthes beschreibt die Sprache der Liebe als „Redseligkeit“, als ewige Wiederkehr des Gleichen, ein Treten auf der Stelle, eine unbewegliche Unruhe, wo immer wieder dieselben Stationen (Figuren, Wahn- oder auch Zwangsvorstellungen) „in Gestalt von Sprach,Anwandlungen‘“ kommen und wiederkehren oder sich wie musikalische Variationen eines Themas wiederholen. In der Liebe, wie Barthes sie versteht, beziehungsweise im „Diskurs der Liebe“, geschieht nichts, weil die Ereignisse sofort von dem Imaginären einverleibt werden. Das geliebte Subjekt ist gefangen, wie hypnotisiert.

Nachträgliche Verzückung

Darum ist auch die Reihenfolge der von Barthes betrachteten „Figuren“ völlig unwichtig. Im Buch sind sie nach dem Alphabet geordnet, denn dieses ist arbiträr (doch man braucht nur den Anfangsbuchstaben einer Figur zu verändern, wie Barthes es im Buch im Vergleich zum Seminar gelegentlich tut, um sie dorthin zu verschieben, wo sie einer geheimen Ordnung folgend am besten hinpasst). Sein Werk hat weder den Anspruch, die Wahrheit zu sagen noch etwas zu erzählen, sondern nur zu „simulieren“. Die „Sprache der Liebe“ ist keine „Liebesgeschichte“, obwohl Werthers Abenteuer, im Referenztext, ein schlimmes Ende nehmen. Doch auch wenn Barthes’ Buch keinen Plot hat, so braucht die Sprache der Liebe beziehungsweise der Liebeswahn doch einen Anfang und ein Ende.

Den Anfang nennt Barthes „ravissement“ (Hingerissenheit oder Verzückung) und verortet ihn in der französischen Ausgabe beim Buchstaben R und somit im Alphabet weit hinten (im Seminar kam diese Figur ganz vorn). Allerdings ist dieser Beginn, dieses plötzliche Eintreffen der Liebe auf den ersten Blick oft „nachträglich“ rekonstruiert und gehört ebenfalls dem Imaginären an. Der Verliebte ist entzückt oder gefangen. Wie Baudelaire sagte, gibt es stets einen, der weniger liebt, während der andere leidet: „Selbst wenn die beiden Liebenden sehr verliebt wären und einander sehr begehren sollten, wird immer der eine von beiden ruhiger und weniger besessen als der andere sein. Letzterer oder Letztere ist der operierende Arzt oder der Henkersknecht; der andere ist der leidende Teil, das Opfer.“ Damit war alles gesagt.

Ausbruch aus dem Imaginären

Was das Ende angeht, so widmet Barthes ihm keine eigene Figur. Die Sprache der Liebe reicht von der „Verzückung“ bis zum „Vergessen“, sagt er diesbezüglich, aber das Ende kann verschiedene Formen annehmen: Selbstmord, Verzicht, Rückzug ins Kloster, eine Reise und so weiter. Doch das Buch endet mit einer Figur, die dort nicht zufällig steht. In der französischen Ausgabe steht durch eine Manipulation des Alphabets das „Habenwollen“, eigentlich das „Nicht-Habenwollen“, am Ende des Buches, die Figur des Nicht-Besitzergreifens, des Loslassens, der radikalen Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit und des Aufopferns, allerdings des diskreten, nicht zur Schau gestellten Opfers, das nichts fordert und nicht nur Schein ist, vergleichbar mit der „reinen Liebe“ der Mystiker. Das letzte Wort überlässt Barthes im Original übrigens Ruysbroeck, dem großen flämischen Mystiker des 16. Jahrhunderts, der ihn damals begleitete, zusammen mit Nietzsche, einem anderen Denker, der ihn dazu inspirierte, die Liebe zu überschreiten und das Leben zu bejahen.

„Fragmente einer Sprache der Liebe“ ist kein Liebesroman, aber dennoch steuert das Buch auf einen Ausgang zu, auf das, was Barthes den Ausbruch aus dem Imaginären nannte, nämlich die Heilung von jenem hypnotischen Zustand. Und es zielt auf das Erlangen einer Weisheit, die er als Zen beschrieb, oder etwas schulmeisterlicher, als kataleipsis, als Sich-frei-Machen. Folgt man der traditionellen Lehre von Eros und Agape, so enthält die profane Liebe bereits die Ahnung von einer höheren Liebe. Idealerweise ist es nicht das Scheitern der menschlichen Liebe, sondern ihr Durchleben, das uns auf den Weg des Erhabenen führt und dafür öffnet. In Wirklichkeit läuft es fast immer anders und Barthes zählt eine Reihe von Verben auf, die allesamt die Ernüchterung bezeichnen: „sich zurückziehen“, „verzichten“, „entsagen“. Nächstenliebe könnte ein anderes Wort für Enttäuschung sein, wie man es häufig in Büchern über die Liebe sieht: Findet die profane Liebe keine Erfüllung, wendet man sich der heiligen Liebe zu.

Das Bild auf dem französischen Einband von „Fragmente einer Sprache der Liebe“ sollte übrigens das Nichthaben-Wollen darstellen: Die Hand des Erzengels Gabriel streift Tobias’ Hand flüchtig, ohne sie zu berühren, der Engel geleitet den Jungen und überlässt ihn dabei ganz sich selbst. Ein anderes Detail von Verrocchios Gemälde übersah Barthes: Tobias’ kleinen Hund, eine Art Zwergspitz, der sie begleitet, als Symbol der Treue.

Aus dem Französischen von Grit Fröhlich

Lesen Sie mehr über und von Roland Barthes – und vieles mehr – in Ausgabe Nr. 6 / 2015.

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