„Auch Insekten haben einen moralischen Status“

In Deutschland stirbt jährlich fast ein Viertel aller Bienenvölker.
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Eine Studie der Radboud University in Nijmegen zeigt, dass die Biomasse von Insekten um 76 Prozent zurückgegangen ist. Wie das unser Verhältnis zur Umwelt verändert, erklärt der Philosoph Martin Gorke.

Das Interview führte Birthe Mühlhoff


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Bild: © Philosophische Fakultät der Universität Greifswald

Martin Gorke

ist Professor für Umweltethik an der Universität Greifswald. Er studierte Biologie und Philosophie und arbeitete sieben Jahre lang als Vogelwart auf einer Hallig im Wattenmeer

Herr Gorke, der dramatische Insektenschwund in den letzten 25 Jahren war bisweilen schon mit bloßem Auge erkennbar, hat viele aber kaum gestört. Fehlt es uns an Empathie für Insekten?

Es fällt uns zweifellos leichter, mit kuscheligen Säugetieren mitzufühlen als mit einer Heuschrecke. Insekten haben das Pech, stammesgeschichtlich weit entfernt von uns Menschen zu sein. Manche von ihnen mögen wir zufällig, weil wir sie schön finden, wie etwa Schmetterlinge. Andere sind für uns ambivalent, weil sie uns gefährlich werden können – oder weil es sehr viele von ihnen gibt. Für Letzteres ist der Maikäfer ein Beispiel. Solange er in Massen vorkam, wurden sogar Kinder losgeschickt, um möglichst viele einzusammeln. Heute erscheint uns dagegen jedes der seltenen Exemplare wertvoll. Im Hinblick auf Insekten wird damit ein psychologischer Zusammenhang besonders deutlich, auf den unter anderen der Philosoph Robert Spaemann hingewiesen hat: Alles, wovon es sehr viel gibt, ist uns im Einzelnen weniger wichtig.

Und weil es uns an Empathie mangelt, stellen wir uns keine moralischen Fragen im Umgang mit Insekten…


Moralisches Handeln darf nicht davon abhängen, wie sympathisch uns jemand oder etwas ist! In Bezug auf unsere Mitmenschen leuchtet uns das sofort ein: Auch einen Verbrecher, gegen den wir große Abneigung verspüren, müssen wir nach moralischen Maßstäben behandeln. Hier ist es Aufgabe der Ethik, nicht vorhandene Sympathiegefühle zu kompensieren.

Als ein Grund für das Insektensterben gilt die intensive Landwirtschaft. Bedenkt man, dass rund 80 Prozent aller Blütenpflanzen durch Insekten bestäubt werden, wird uns deren weitere Dezimierung teuer zu stehen kommen.

Tatsächlich ist es völlig unverhältnismäßig, flächendeckend Pestizide zu versprühen, nur um einige wenige Schädlingsarten zu bekämpfen. Denn man trifft damit ja auch Bestäuber und Vertilger, also solche Insekten, die natürliche Feinde der Schädlinge sind. Und was genau ist ein Schädling überhaupt? Selbst bei der Malaria-Mücke – um ein Extrembeispiel anzuführen – ist ja keineswegs ausgemacht, dass sie neben ihrer Eigenschaft als Krankheitsüberträgerin nicht auch andere signifikante Funktionen im Ökosystem ausübt. Wir haben keine Garantie, dies jemals hinreichend zu durchschauen. Es gibt also schon einen rein ökologischen Grund, den Begriff des Schädlings zu problematisieren. Kurz: Allein aus Klugheit müsste sich ein derartig flächendeckendes Versprühen von Pestiziden verbieten. Doch sollte es die Ethik mit dieser anthropozentrischen Perspektive nicht bewenden lassen: Wir haben auch eine unmittelbare Verantwortung gegenüber der Natur.

Ist ein Gleichgewicht irreversibel gestört, bildet sich von selbst ein neues heraus. Daher gilt für Ökosysteme das Prinzip des Nichteinmischens


 

Was bedeutet das aus philosophischer Perspektive?

Die „holistische“ Ethik, wie ich sie vorschlage, unterscheidet sich von der „anthropozentrischen“ Ethik dadurch, dass sie nicht nur Menschen, sondern allen Naturwesen und Gesamtsystemen einen moralischen Status zugesteht. Sie geht damit auch deutlich über den Verantwortungskreis der „pathozentrischen“ Ethik hinaus, der nur leidensfähige Lebewesen umfasst. Das ist insofern von Bedeutung, als Arten – anders als Organismen – bei ihrem Sterben ja nicht leiden.
Dadurch kann es zu Zielkonflikten kommen. Das Wohl einzelner Tiere muss dann gegen die moralischen Ansprüche einer Tierart oder des Ökosystems abgewogen werden. Tier- und Naturschützer stehen sich da oft unversöhnlich gegenüber. Sollen zum Beispiel eingeschleppte Tiere gefangen oder getötet werden, wenn sie den Fortbestand einer anderen Art gefährden?

Wie genau stellen Sie sich Ihre holistische Umweltethik vor?

Oberstes Moralprinzip ist eine erweiterte Form des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant. Sie lautet: „Handle so, dass du alles Seiende niemals nur als Mittel, sondern immer zugleich als Selbstzweck gebrauchest.“ Es lassen sich daraus vier Grundregeln ableiten: das Prinzip des Nichtschadens, des Nichteinmischens, des Wohltuns und der wiederherstellenden Gerechtigkeit.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Nicht alle vier Grundregeln lassen sich auf alle Gegenstände anwenden. Wenn man es einmal richtig bedenkt, kann man einem Ökosystem zum Beispiel gar nicht schaden. Im Gegensatz zum Organismus ist es nicht zielgerichtet konzipiert. Es strebt keine Zwecke an, die erreicht oder verfehlt werden können. Ein Ökosystem hat keinen „Normalzustand“ wie beispielsweise der menschliche Körper mit seinem Ruhepuls von 75 Schlägen pro Minute. Insofern ist auch die Rede vom „Gleichgewicht der Natur“ meistens irreführend, denn Ökosysteme können verschiedene Gleichgewichtszustände einnehmen. Ist ein Gleichgewicht irreversibel gestört, bildet sich von selbst und zwangsläufig ein neues heraus. Daher gilt für Ökosysteme das Prinzip des Nichteinmischens. Wir werden ihnen am ehesten gerecht, wenn wir möglichst wenig in ihre Eigendynamik eingreifen. Haben wir massiv und ohne Not dagegen verstoßen, kommt das letzte Prinzip zum Tragen: Wir sollten unsere Fehler wiedergutmachen – ein entwässertes Moor beispielsweise sollten wir nach bestem Wissen und Gewissen „renaturieren“.

Was hieße das in Bezug auf Insekten?

Wir sind in der Pflicht, so zu leben, dass auch sie ihr Leben leben können. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2018