Am Gipfel der Gefahr

Bild: © Manuel Braun

Kalt, gleichgültig, potenziell tödlich: Was treibt Bergsteiger in Zonen, für die der Mensch nicht gemacht ist? Reinhold Messner und Sylvain Tesson über die Metaphysik der Höhe, alpinen Minimalismus und die Bedingung der Freiheit.

Das Gespräch führte Alexandre Lacroix


 

Die Festung La Bastille, die auf 476 Metern über Grenoble thront. Für Reinhold Messner ist diese Höhe (die wir bequem mit der Seilbahn erreichten) natürlich ein Witz. Der gebürtige Südtiroler ist der erste Mensch, der alle 14 Achttausender des Planeten bestieg. Der erste, der den Everest (8848 Meter) ohne Flaschensauerstoff bezwang. Messner hat einen eisernen Willen. Am 29. Juni 1970 verlor er seinen Bruder Günther beim Abstieg vom Nanga Parbat (8126 Meter) im Westhimalaya, was ihn nicht daran hinderte, acht Jahre später zurückzukehren und eine Gipfelüberschreitung auf neu eröffneten Routen zu bewältigen. Unaufhörlich forderte er den Tod heraus und erfreut sich mit 70 Jahren augenscheinlich einer prächtigen Gesundheit. Wir sind mit Sylvain Tesson angereist. Der Reiseschriftsteller, Autor von „In den Wäldern Sibiriens“ (Knaus, 2014) und von „Napoleon und ich. Eine abenteuerliche Reise von Moskau nach Paris“ (Knaus, 2016), ist passionierter Bergsteiger und seit langem ein Bewunderer des Alpinisten Messner, von dem zuletzt das Buch „Über Leben“ (Piper, 2014) erschien. Tesson sieht in dem Bergsteiger einen der größten Abenteurer des 20. Jahrhunderts und verschlingt dessen Bücher seit Jahren. Warum also, mit dieser einfachen Frage setzen wir ein, besteigen Menschen überhaupt Berge? Wozu diese Qual?

Reinhold Messner: Ich würde deutlich zwischen Bäumeklettern und Bergsteigen unterscheiden. Unser Instinkt treibt uns dazu, auf Bäume zu klettern. Das erklärt sich durch die Evolution unserer Spezies und unsere Verwandtschaft mit den höheren Affen. Jedes Kind findet, wenn es körperlich ein wenig geschickt ist, Gefallen daran, auf Bäume zu klettern. Das würde ich bei den Gebirgen nicht sagen. Kein natürlicher Drang treibt uns dazu, ihre Gipfel zu erklimmen. Im Gegenteil. Die Berge sind kalt, feindselig, gefährlich. Vor der Französischen Revolution gab es niemanden, der aus Vergnügen oder Neugier in die Berge ging. Der Alpinismus ist kaum älter als 200 Jahre, und es handelt sich um eine Schöpfung der Kultur. In gewisser Hinsicht hängt sie mit dem Verfall und der Hemmung unserer Instinkte zusammen, damit, dass wir artifizielle Kreaturen geworden sind. Die erste Besteigung des Mont Blanc (4810 Meter) gelang Jacques Balmat und Michel-Gabriel Paccard am 8. August 1786. Sie wurden von ein paar exzentrischen Bürgern und Aristokraten nachgeahmt. Allerdings wurden die ersten Alpinisten lange mit Misstrauen und Ironie betrachtet. Als 1865 einer Expedition die Erstbesteigung des Matterhorns (4478 Meter) gelang, beim Abstieg jedoch vier Alpinisten den Tod fanden, ließ die Presse dem Sarkasmus freien Lauf: Ist es wirklich nötig, fragte die Times, dass die Menschen die Affen und Eichhörnchen nachahmen? Wenn auch der Alpinismus eine Neuheit ist, so strahlt die religiöse und metaphysische Symbolik der Berge aus längst vergangenen Zeiten herüber. Traditionell gelingt es den Menschen an hoch gelegenen Orten, eine Kommunikation mit dem Göttlichen herzustellen. Im Alten Testament heißt es, dass Moses von Jahwe die Zehn Gebote auf dem Berg Sinai (2285 Meter) erhält. Mohammed ist auf den Dschabal an-Nur (642 Meter) gestiegen und hat sich in die Hira-Höhle zurückgezogen, wo ihm der Engel Gabriel erschien und ihm das Wort Allahs übermittelte. Aus den antiken Quellen erfahren wir auch, dass Buddha sich zum Meditieren in bergige Regionen begab, von denen er Visionen mitbrachte.

Sylvain Tesson: Ist es bei Ihnen selbst eine metaphysische Suche, die Sie in die Berge gezogen hat?

Messner: Nein, bei mir liegt der Fall anders. Es gibt so viele verschiedene Gründe, Berge zu besteigen, wie es Alpinisten gibt, und keiner dieser Gründe ist an sich gut oder schlecht! Ich bin Ende der vierziger Jahre in einem abgelegenen Alpental aufgewachsen. Wir hatten keine Zerstreuung. Kein Fernsehen, keinen Fußballplatz, kein Schwimmbad. Dieses Tal zählte nicht mehr als tausend Einwohner und bildete eine Welt für sich. Mein Vater war Lehrer, aber wir arbeiteten auch als Bergbauern. Ich hatte sieben Brüder und eine Schwester. Alle meine Geschwister kletterten. Mit fünf Jahren nahmen mich meine Eltern auf meine erste Bergtour mit. Mein Vater war der Vorsteiger. Als ich etwas älter war, begannen mein Bruder und ich Bergtouren zu zweit. Für junge Leute, die auf der Alm lebten, war das Klettern mangels anderer Zerstreuung die einzige Art, sich auszudrücken, seine Imagination sprechen zu lassen, etwas anderes zu machen, als im Haus oder auf den Feldern mitzuhelfen. Es stand für den Traum, den Ausbruch, den Ausdruck seiner selbst.

Tesson: Es ist schwierig, bei diesem Thema nach Ihnen das Wort zu ergreifen, und ich fühle mich sehr klein, geradezu wie am Fuß eines Berges! Dennoch möchte ich zu der Vorstellung, dass das Klettern mit dem Verfall unserer Instinkte zu tun hat, dass es eine künstliche Marotte, ein spätes Produkt der Kultur ist, eine weitere Perspektive beisteuern. Tatsächlich hat die Höhe einen unbestreitbaren strategischen Wert. Die Menschen wissen seit sehr langer Zeit, dass sie durch das Erklimmen eines erhöhten Punktes – eines Baumes, eines Berges oder selbst eines Daches – eine gewisse Macht erlangen. Der Blick von oben erlaubt es, die Gefahr von weitem zu sehen, aber auch, sich selbst in einer natürlichen Umgebung wahrzunehmen. Die Welt aus der Höhe zu sehen ist eine Art, sie zu beherrschen. Zu Beginn der Neuzeit war die Vogelperspektive ein Privileg der Herrscher und der Alpinisten. Die Fürsten regierten von der Höhe ihrer Burgtürme herab. Selbst heute ist der Sitz der Macht physisch hoch gelegen. Ich nehme an, dass es aus diesem Grund recht natürlich und instinktiv ist, Erhebungen wertzuschätzen. Indessen ist Ihr Fall sehr originell. Normalerweise tun Erzieher und Lehrer alles Mögliche, um Kinder davon abzuhalten, irgendwo herumzuklettern. „Komm da sofort runter, du wirst dir wehtun!“ Mit solchen Zurechtweisungen hemmt man den Instinkt künftiger Klettertalente. Weil die Zivilisation aufseiten der Sicherheit steht, bekämpft sie lieber die Lust am Klettern, statt sie zu fördern. In meinen Augen ist die Geste, Gipfel zu erstürmen, umso kostbarer, als sie absurd ist. Ein wenig Hellsichtigkeit vorausgesetzt, sind wir uns darüber bewusst, dass das Leben selbst absurd ist. Dem Alpinismus zu frönen, sich auf einem schwierigen Weg in Gefahr zu begeben heißt, der Absurdität des Daseins die Absurdität einer Geste entgegenzusetzen – und sich dadurch über Erstere hinwegzusetzen.

Der Alpinist ist ein glücklicher Sisyphos, der die Absurdität des Daseins vollkommen annimmt
– Reinhold Messner


 

Messner: In Bezug auf die Absurdität stimme ich mit Ihnen überein. Ich sehe da einen Zusammenhang mit der Weltsicht von Camus und seinem berühmten „Mythos des Sisyphos“. Was tut Sisyphos denn anderes, als unermüdlich einen Hügel des Tartaros zu erklimmen und bis zum Gipfel einen schweren Felsbrocken mitzuschleppen? Mir kommen die letzten Worte von Camus’ Essay wieder in den Sinn: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Es liegt ein wahres Glück darin, die Absurdität des Daseins vollkommen anzunehmen, statt sie zu leugnen und so zu tun, als glaube man, dass all unser Tun einen Sinn habe oder nützlich sei. Lionel Terray, einer der besten Alpinisten, den es in Frankreich je gab, hat seinen Memoiren von 1961 einen wunderbaren Titel gegeben: „Les Conquérants de l’inutile“ (Die Eroberer des Unnützen). Terray war sehr von Camus beeinflusst.

Tesson: Die Art und Weise, wie ein Einzelner die Schönheit einer Geste der Absurdität des Lebens entgegenhält, trägt einen Namen: Stil. In der Literatur ist der Stil eines Menschen offensichtlich entscheidend. Doch im Alpinismus ist das auch der Fall.

Messner: Der zeitgenössische Alpinismus als Ausdruck der menschlichen Kultur ist in der Tat von der Frage des Stils beherrscht. Doch das ist das Ergebnis einer langen Geschichte; dass man begonnen hat, sich in diesem Bereich um einen bestimmten Ausdruck zu bemühen, ist durchaus nicht selbstverständlich.

Tesson: Sie haben in dieser Geschichte jedenfalls eine entscheidende Rolle gespielt.

Messner: Sie dürfen nicht vergessen, dass es im Alpinismus eine Abfolge von Epochen gab. Das ganze 19. Jahrhundert über – Zeitalter des Imperialismus, des Kolonialismus, des Positivismus – war der Alpinismus klar auf Eroberung aus. Wer sich ihm hingab, für den ging es darum, einen Gipfel in Besitz zu nehmen, als Erster seinen Fuß auf ihn zu setzen. Manche zogen auch mit wissenschaftlichen Absichten in die Berge, zum Beispiel um den Luftdruck oder den Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre zu messen oder um meteorologische Beobachtungen durchzuführen. Dieser Alpinismus war also zwischen dem Verlangen nach Herrschaft und Wissensdurst hin- und hergerissen. Dann kam der Moment, wo die meisten Gipfel bezwungen waren. Da hat eine zweite Phase begonnen: Die Alpinisten wollten nicht mehr nur ihren Fuß auf die Berggipfel setzen, sondern sie wollten auf den schwierigsten Wegen dorthin gelangen. Nicht mehr der Ankunftspunkt der Expedition wurde bewundert, sondern ihr Weg dahin. Als ich zu Beginn der sechziger Jahre meine Bergtouren begann, war man bereits vom „Eroberungsalpinismus“ zum „Schwierigkeitsalpinismus“ übergegangen. Nur waren die Hilfsmittel, um diese Schwierigkeiten zu überwinden, schwer und kostspielig. Für die Expeditionen im Himalaya heuerte man ein Heer von Einheimischen, die Sherpas, an, die aufgewendete Logistik war beträchtlich. Die Touren kosteten zahlreiche Bergführer und Träger das Leben. Die Organisation einer Expedition war beinahe militärisch, man sandte eine Armee aus zur Erstürmung eines Gipfels, und Verluste wurden eben in Kauf genommen.

 

Im zentralasiatischen Karakoram-Gebirge ragt der Gipfel des zweithöchsten Berges der Welt K2 auf, den auch Reinhold Messner 1979 bestieg.
Bild: © CC-by-SA 2.0 Stefanos Nikologianis


 

Tesson: Und an diesem Punkt haben Sie Tabus gebrochen und eine neue Art des Bergsteigens erfunden.

Messner: Meine Arbeit hat darin bestanden, die Disziplin Bergsteigen von dieser paramilitärischen Ideologie zu befreien und das zu fördern, was ich einen „Verzichtsalpinismus“ nennen würde, welcher selbst recht gut in die geistige Atmosphäre der siebziger Jahre passte. Meine Ausgangsidee war sehr einfach: Es ging darum, im Himalaya den alpinen Stil einzuführen. Der alpine Stil besteht darin, autonom zu sein, zu zweit oder sogar allein einen Weg hinaufzuklettern und dabei seine ganze Ausrüstung samt Verpflegung auf dem eigenen Rücken zu tragen. Aus technologischer Sicht ist der alpine Stil minimalistisch. Als ich angefangen habe, dachten die renommierten Bergsteiger, dass der alpine Stil für Viertausender geeignet sei, doch dass man ihn für 8000 Meter hohe Berge unmöglich anwenden konnte. Ich wollte das Gegenteil beweisen. Alle Welt war davon überzeugt, dass ein Mensch in Höhen über 7000 Metern Sauerstoffflaschen benötige. Das war ein unerschütterliches Credo. Als ich 1978 ankündigte, dass ich den Everest ohne Sauerstoffgerät besteigen wolle, sagten mir zahlreiche Mediziner einen sicheren Tod voraus und erklärten mir, dass mein Gehirn durch die Sauerstoffverknappung zerstört würde, und wenn ich nicht sterben würde, so käme ich zumindest mit schweren Folgeschäden zurück. In Wirklichkeit hatten sie keine Ahnung, weil es niemand je versucht hatte.

Tesson: Ja, Sie haben der Disziplin in einer Zeit, als sie immer festgefahrener wurde, neue Möglichkeiten eröffnet.

Messner: Jedenfalls hat der Verzichtsalpinismus schnell Schule gemacht. Keine Sherpas, keine Sauerstoffgeräte, minimale Ausrüstung … Wohlgemerkt war es nicht nur die technische Entlastung, die mich interessierte, sondern auch die ethische und ästhetische Dimension. Meiner Ansicht nach garantiert Ihnen die Leichtheit des Materials einen Zuwachs an Freiheit; sie ermuntert Sie zu einer Befreiung Ihres Ausdrucks, denn die Lösungen für das Problem, auf das Sie stoßen, holen Sie nun aus sich selbst heraus, aus Ihrem tiefsten Inneren. Wenn Sie wenig Material haben und allein in der Wand sind, geht es Ihnen ein wenig wie einem Maler, der einen Strich auf eine riesige Leinwand zeichnet. Sie beobachten und handeln. Sie benutzen Auge und Hand. Was Picasso auf einer Leinwand von ein mal zwei Metern machte, versuchen die Alpinisten auf einer Fläche von sieben oder acht Kilometern Höhe. Sie ziehen ihre Linie.

Tesson: Sie betrachten also den Alpinismus als eine Kunst.

Messner: Zumindest behaupte ich, dass er kein Sport ist! Sport ist das, was Sie in den Kletterhallen ausüben, in der Stadt. Es ist das Streben nach Leistung. Doch der Alpinismus geht von einem anderen Ansatz aus. Bei ihm handelt es sich um den Ausdruck menschlicher Fähigkeiten unter extremen Bedingungen. Wenn Sie weit vom Basislager entfernt sind, auf mehreren Tausend Metern Höhe, bei außerordentlich harten Temperatur- und Klimaverhältnissen, machen Sie die Erfahrung des nackten Lebens. Als ich den Everest ohne Sauerstoff bestiegen habe, musste ich einem heftigen Sturm bei -45 ° Celsius trotzen. Die Natur ist weder böse noch ungerecht. Sie hat keine Absicht, sie ist Ihrem Schicksal gegenüber gleichgültig. Es obliegt Ihnen, in sich selbst die Ressourcen zum Überleben zu finden. Sie unterstehen Ihrer eigenen Verantwortung. Niemand vermag Ihnen zu erklären, was Sie zu tun haben. Wenn Sie sich im Hochgebirge bei schlechten Wetterbedingungen verletzen, wird kein Rettungsdienst Ihnen zu Hilfe kommen. Der Alpinismus, so wie ich ihn auffasse, ist eine sehr intensive Erfahrung von Einsamkeit inmitten einer großartigen und allmächtigen Natur. Im Fall eines Irrtums werden Sie sterben. Und schuld daran werden nur Sie sein. Wenn es Ihnen hingegen gelingt, wieder lebend ins Tal abzusteigen, nachdem Sie mit dem Tod auf Du und Du standen, haben Sie das Gefühl, neugeboren zu sein. Durch dieses Phänomen sukzessiver Wiedergeburten ist der Alpinist ein Mensch, der oftmals und in voller Pracht die Lust am Leben wiederentdeckt. Das hat nichts mit der sportlichen Leistung zu tun. Es handelt sich um eine integrale Erfahrung der Bedingung des Menschseins, indem man sich sowohl seiner extremen Verletzlichkeit als auch seines hartnäckigen Durchhaltevermögens bewusst wird.

Der Aufbruch ins Hochgebirge steht der Sicherheitsgesellschaft 
konträr entgegen. Sich der Gefahr auszusetzen, macht frei
– Sylvain Tesson


 

Tesson: Deshalb erachte ich den Alpinismus als den größten vorstellbaren Antipoden zu unserem sonstigen Tun. Er ist am weitesten von der Gesellschaft, von der trübseligen Herrschaft ihrer Konventionen entfernt. Welchen Deal schlagen uns denn, zumindest in Europa, unsere sozialen Organisationen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit immer mehr Nachdruck vor? Verzichtet auf ein wenig Freiheit, dafür bekommt ihr mehr Sicherheit. Das ist die Maxime der Gesellschaft des demokratischen Wohlbefindens. Schauen Sie sich unser Leben an: Auf nichts haben wir ein Recht mehr, selbst Rauchen in der Öffentlichkeit wird inzwischen als eine Beleidigung der öffentlichen Ordnung angesehen. Doch wir sind guter Gesundheit und in Sicherheit. Zarathustra und Nietzsche würden von der Sicherheitsgesellschaft desavouiert werden: Der Erste war nicht abgesichert, als er auf dem Seil tanzte, der Zweite hätte sich mit dem Hammer der Philosophie verletzen können. Das Individuum, das sich ins Hochgebirge aufmacht, folgt einer umgekehrten Bewegung: Es begibt sich an den unbequemsten Ort auf Erden, setzt sich der Gefahr aus, und die Unbequemlichkeit macht ihn frei. Das ist antisozial, antizivilisatorisch.

Messner: Sie haben recht, der Aufschwung des Alpinismus erfolgt historisch zur gleichen Zeit wie das Aufkommen von Komfort und Bequemlichkeit. Hätte es den bürgerlichen Wohlstand nicht gegeben, hätten wir nie ein solches Bedürfnis empfunden, wieder Verbindung zur Natur und zum Risiko aufzunehmen!

Tesson: Und wenn man bedenkt, dass heutzutage auf dem Normalweg zum Mont Blanc Gendarmen postiert sind! In der Tête-Rousse-Schutzhütte auf 3167 Metern Höhe überprüfen sie Ihre Ausrüstung, Ihren Kletterschein, Ihre Papiere … Ins Hochgebirge zu gehen, war einst ein ikonoklastischer Akt, wahnsinnig oder selbstmörderisch. Heute sind unsere Berge dabei, zu Autobahnen mit Mautstellen und Kontrollen zu werden. Sie werden sehen, dass wir noch eine Zeit erleben werden, in der man auf der Straße nur mit einem Schutzhelm laufen darf. Man wird unsere Schädel schützen. Doch stecken dann noch Ideen und Begeisterung in ihnen? Das ist eine ganz andere Frage.

Messner: Es scheint so, als würden Sie gern mit den Regeln spielen. Sie sollen oft auf Monumente im urbanen Raum geklettert sein, so wie einst Ihr Landsmann Lionel Terray – etwas, das ich nie getan habe.

Tesson: Ja, ich bin auf die meisten gotischen Bauwerke in Frankreich geklettert, und auch mehrmals auf den Eiffelturm.

Messner: Ist das schwierig?

Tesson: Nein, eigentlich nicht. Die Pariser Baudenkmale haben eine Schwierigkeit um den fünften Grad herum (zur Bewertung der Schwierigkeit einer Kletterei gibt es eine Skala von eins bis elf, Anm. d. Red.). Ich habe meinen Handlungsradius auch ausgedehnt, indem ich europaweit auf die großen gotischen Kathedralen gestiegen bin. Wenn Sie auf der Höhe einer Turmspitze des Kölner Domes sind, spüren Sie, wie diese leicht im Wind schwankt. Die Stadt liegt Ihnen zu Füßen. Das Panorama ist wunderschön.

Messner: Sie sind allein und ohne Seil auf den Kölner Dom gestiegen?

Tesson: Ja.

Messner: (Lacht) Es gibt da noch einen anderen Franzosen, der klettert auf Hochhäuser.

Tesson: Alain Robert, ein großer Meister. Er ist free solo auf den Tour Montparnasse oder das Empire State Building geklettert. An winzigen Griffen, manchmal nicht tiefer als eine verkittete Fugenrille, erklimmt er gläserne Wolkenkratzer. Bei dieser Architektur sind die Schwierigkeiten entsetzlich. Kein Vergleich mit meinen bescheidenen Leistungen. Um auf das vorhin Gesagte zurückzukommen – das Schicksal meint es ironisch mit jenen, die Sicherheit um jeden Preis suchen. Die Gefahr ist niemals dort, wo man sie erwartet. Wir suchen nach ihr am Ende der Welt, und dann überrumpelt sie uns an der nächsten Straßenecke. Ich habe die Stelle in Ihrem Buch sehr gemocht, wo Sie vom schlimmsten Sturz erzählen, der Ihnen je passiert ist.

Messner: Ja, ich bin ganz idiotisch gestürzt! Ich lebe heute in der Burg Juval in Südtirol, einer einstigen Ruine, die ich wieder hergerichtet habe. Eines Abends stellte ich bei der Heimkehr fest, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte. Es wurde dunkel, es regnete. Egal! Ich sagte mir, ich könnte ja über die Burgmauer klettern, die fünf, sechs Meter hoch war. Der Aufstieg klappte gut, der Abstieg auch, nur am Ende wollte ich mit einem kleinen Sprung aufhören. Zwei Meter über dem Boden habe ich die Wand losgelassen und bin auf glatten Gneisplatten gelandet. Ich bin ungünstig gefallen. Ergebnis: offene Fraktur des Fersenbeins. Adieu, Extremalpinismus! Diese Verletzung hat mich bewogen umzusatteln. Danach habe ich Durchquerungen gemacht: die Antarktis, die Wüste Gobi …

Tesson: Ihre Durchquerungen sind Aufstiege in der Horizontalen.

Messner: Gewissermaßen. Ich habe sogar eine Weile daran gedacht, den Baikalsee, an dessen Ufer Sie sechs Monate in einer Hütte gelebt haben, im Winter der Länge nach zu überqueren, etwa 700 Kilometer. Aber sagen Sie, auch Ihnen ist doch so ein eher dummer Unfall passiert, oder?

Tesson: In der Tat. Ich bin oft nachts bis zur dritten Etage des Eiffelturms geklettert, ohne dass auch nur das Mindeste schiefgegangen wäre. Vor einem Jahr, als ich das Manuskript für „Napoleon und ich“ beim Verlag Guérin in Chamonix abgeliefert habe, bin ich nach einem feuchtfröhlichen Abendessen die Fassade des Chalets meines Freundes und Gastgebers Jean-Christophe Rufin hochgeklettert. An den Aufstieg selbst erinnere ich mich nicht. Ich bin aus knapp zehn Metern abgestürzt und auf den Hinterkopf und den Rücken gefallen. Ich hätte tot sein können, habe im Koma gelegen und bin mit knapp 20 Knochenbrüchen davongekommen. Die Moral aus dieser Geschichte lautet, dass man nicht wissen kann, woher die Gefahr kommt. Man begibt sich in den Himalaya oder in die großen eurasischen Ebenen und kehrt unversehrt heim. Und dann spielt man eines Abends im Überschwang den Oberschlauen, und schon naht der tödliche Unfall. Deshalb sind die Leute, die ihr Leben auf dem Wert der Sicherheit aufbauen, im Irrtum; sie werden sterben wie die anderen auch. Besser ist es, ganz so, wie Sie es sagen, die Freiheit zu genießen. •

Aus dem Französischen von Till Bardoux

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2016