Als die Bilder töten lernten

Niedergelegte Blumen nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz.

Bild: © CC-by-SA 2.0 Andreas Trojak

Die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk analysiert in ihrem Buch über den Terror, wie die Darstellung der Gewalt und die Gewalt selbst zusammenhängen.

Von Hans-Peter Kunisch


 

Bilder von politischen Attentaten gibt es spätestens, seit die klassische Malerei die Brutus-Attacke auf den Tyrannen Cäsar zu einem ihrer Lieblingsmotive erkoren hatte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts aber, so die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk in ihrem neuen Buch „Terror. Wenn Bilder zu Waffen werden“, vollzieht sich ein groß angelegter Wandel. Damals entwickelte sich die illustrierte Presse und sorgte mit aktuellen Abbildungen von Gewalt für Aufmerksamkeit. Heute können Bilder aus London, Berlin und Manila von jedem Mobiltelefon übers Internet weltweit geliefert werden – und übernehmen eine so zentrale wie gefährliche Rolle.

Es begann recht eindeutig: am 13. März 1881 wurde Zar Alexander II. auf dem Weg zum Moskauer Winterpalast ermordet. Die Attentäter, die einen der wichtigsten Machthaber ihrer Zeit beseitigten, bezeichneten sich ausdrücklich als „Terroristen“. Die boomende illustrierte Presse konnte kaum Fotos bieten, schickte aber Zeichner, die Prozess und Umstände skizzierten. Boulevardorientierte Medien wie der französische L’Univers illustré druckten dramatische Visualisierungen der Explosion des Sprengsatzes. Seriösere Blätter wie die London Illustrated News brachten ein eindrucksvolles Bild des aufgebahrten Zaren. Schon damals bemühte man sich, je nach Zielpublikum, passgerechte Emotionen zu liefern.

Die wichtigste Differenz zu heutigen terroristischen Anschlägen laut Klonk: Der Tod des Tyrannen steht nicht mehr im Mittelpunkt. Ob sie im World Trade Center arbeiten, Madrider Vorortzüge benutzen oder Manchesters Clubs besuchen: Die genaue Identität der Opfer spielt für die Täter keine Rolle. Den oft islamistischen Killern geht es darum, bildkräftige Symbole zu treffen, Zivilbevölkerung und Politiker zu schrecken. Attentate, so die Kunsthistorikerin, werden verübt, um Bilder von ihnen verbreiten zu können. Opfer werden exekutiert, Enthauptungen präsentiert, um zu schockieren. Eine nie da gewesene Perversion, könnte man meinen. Aber die Täter handeln wie entfernte Verwandte des französischen Anarchisten Émile Henry, der den Anschlag vom 12. Februar 1894 im Pariser Café Terminus verübte. Als Henry vom Staatsanwalt gefragt wurde, warum er unschuldige Opfer in Kauf nehme, meinte er, „demonstrativ kühl und gefasst“, es gebe für ihn „keine unschuldige Bourgeoisie“.

Die Selbstbeschränkung der Medien muss ergänzt werden durch die Selbstbeschränkung derer, die Bilder mit Mobiltelefonen und anderen digitalen Geräten herstellen


 

So wie es für manche fanatische Gläubige keine unschuldigen Ungläubigen gibt. Klonks anfangs brav wirkende historische Perspektive fördert nicht nur Unterschiede, sondern auch erstaunlich giftige Parallelen zutage. Wobei die anarchistischen Attentäter des 19. Jahrhunderts eine freiere Gesellschaft vor Augen hatten – was man kaum mit den IS-Attentätern in Verbindung bringen dürfte. Doch auch sie hoffen auf eine gewalttätige Auseinandersetzung, in der sie am Ende zu siegen glauben.

Eine wichtige Etappe in der Politik mit Bildern waren die Entführungen der 1970er-Jahre, insbesondere die Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer. Zum ersten Mal, schreibt Klonk, wandten sich die Geiselnehmer per Videobotschaft direkt an die Presseagenturen – nachdem die öffentlich-rechtlichen Sender die Publikation des Fotos von Schleyer unter dem RAF-Stern abgelehnt hatten. Doch auch die Videobotschaft brachte wenig. Die Bundesregierung verabredete mit dem Presserat „eine historisch beispiellose Nachrichtensperre“. Wohl nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum ein wichtiger Anreiz zur Entführung des Arbeitgeberpräsidenten nicht zur Sprache kommen konnte: Schleyers SS-Mitgliedschaft, aufgrund derer, so Stefan Wisniewski, einer der Entführer, Schleyer in den Blick der Terroristen geraten war. Wie auch immer das Schweigen bewerkstelligt wurde: Die „Unmenschlichkeit“ der RAF-Entführer, von der damals viel die Rede war, konnte nicht mit der „Unmenschlichkeit“ des Ex-SSlers abgeglichen werden. Was die BRD vor einer schwierigen Prüfung bewahrte.

Heute stellt sich die Frage der Bilderpolitik noch einmal anders. Die Selbstbeschränkung der Medien muss ergänzt werden durch die Selbstbeschränkung derer, die Bilder mit Mobiltelefonen und anderen digitalen Geräten herstellen. Denn natürlich spielen gerade die „befreiten Bilder“, die nicht mehr von den Gatekeepern traditioneller Medien kontrolliert werden, den triumphierenden Tätern in die Hände. Insofern schärft Charlotte Klonks Terroranalyse nicht nur das Bewusstsein für die historische Genese der Bildmacht, sondern auch für den verantwortlichen Umgang mit einem der gefährlichsten Kampfmittel der Gegenwart. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 5 / 2017