Adorno und das falsche Leben

Kennen Sie das? Dieses Gefühl, ein falsches Leben zu führen? Den betäubenden Genuss von Blockbustern und Burgern? Wie kein zweiter Philosoph hat Theodor W. Adorno (1903– 1969) die Falschheit einer solchen Existenz auf den Begriff gebracht. Eine Definition des guten, richtigen und gelungenen Lebens vermied der jüdischstämmige Denker dabei ganz bewusst. Die konstruktive Kraft in Adornos negativem Denken entfaltet Martin Seel in seinem Essay.


Martin Seel

ist Professor für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. In seinem Buch „Adornos Philosophie der Kontemplation“ (Suhrkamp, 2004) deutet er das negative Denken Adornos neu. Soeben ist sein jüngstes Werk „Aktive Passivität. Über den Spielraum des Denkens, Handelns und anderer Künste“ bei S. Fischer erschienen.

„Philosophie ist das Allerernsteste, aber so ernst wieder auch nicht.“ Dieser Satz Theodor W. Adornos könnte als Motto über seinem Wirken stehen. Er macht die üblichen Spiele nicht mit, er spielt sein eigenes Spiel. Er verweigert sich den Gepfogenheiten des akademischen Diskurses. Er glaubt nicht an den Segen des ungehemmten wissenschaftlichen und ökonomischen Fortschritts. Er zweifelt an den Konventionen des sozialen Lebens. Er misstraut der Organisation der Gesellschaft. Er nimmt seiner Leserschaft auch die Zuversicht, mit ein wenig philosophischer Lebenshilfe und Lebensberatung ließe sich – wenigstens für die Einzelnen – alles zum Besseren wenden. Fast immer operiert er auf allen diesen Ebenen zugleich. Inspiriert von Hegel und Marx, Nietzsche und Proust, Freud und Benjamin entwirft Adorno eine vom Kleinsten ins Große ausgreifende Anatomie des modernen Lebens, dem bescheinigt wird, durch die Art seiner Vergesellschaftung der Luft zum Atmen beraubt zu sein.

Adornos unverminderte Aktualität liegt im Stil seines Denkens. Dank seiner Talente als Künstler, Kritiker und Theoretiker folgen seine Arbeiten einer besonderen Schreibweise. Wie bei Platon oder Wittgenstein sagen die einzelnen Sätze oder Partien seiner Texte nie geradewegs das, was sie im Ganzen ihrer Komposition zu verstehen geben. Dies zu erschließen, bleibt der mitdenkenden Aneignung der Leser überlassen. Indem er eine bündige Auskunft verweigert, versucht er komplexe Einsichten in die Signatur eines von Widersprüchen zerrissenen Zeitalters zu vermitteln – und lässt sein Publikum, als läse es Texte von Samuel Beckett oder Thomas Bernhard, mit seinen verstörenden Tiraden allein.

Dieses Vorgehen hat Adorno den Ruf eines großen Verweigerers eingetragen, der es sich im „Grandhotel Abgrund“ bequem gemacht habe und nicht daran denke, die normativen Voraussetzungen seines penetranten Negativismus aufzudecken. Aufs Schönste ausgesprochen, findet sich dieses Vorurteil in einem brieflichen Stoßseufzer von Thomas Mann, 1952 aus Zürich an Theodor W. Adorno ins amerikanische Exil gerichtet: „Gäbe es nur je ein positives Wort bei Ihnen, Verehrter, das eine auch nur ungefähre Vision der wahren, der zu postulierenden Gesellschaft gewährte!“ Adornos Replik nimmt ausführlich zu dieser Klage Stellung. „Wenn mir etwas von Hegel und denen, die ihn auf die Füße stellten, in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann ist es die Askese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Andere, der fessellose Ausdruck der Hoffnung, viel näher.“ Adorno gesteht aber zu, dass die philosophische und politische Verneinung ihr Recht „einzig an der Kraft des Positiven“ habe. „Ob diese in unserer Zeit überhaupt als solche sich aussprechen läßt, wie es freilich geschehen müßte, oder ob die Askese das letzte Wort hat, vermag ich nicht zu erkennen, (…) in einem Winkel meines Herzens glaube ich freilich immer noch, daß es möglich sein wird.“

Die Gewissheit, ein für alle Mal unter optimalen Verhältnissen zu leben, wäre laut Adorno nicht der Anfang, sondern das Ende einer gerechten sozialen Ordnung


 

Sinn für das Subversive

Wogegen sich Adorno hier wendet, sind keineswegs positive Bestimmungen als solche, sondern eine unvermittelte Angabe des Positiven, die dem schlechten Zustand einfach ein tröstliches Bild des Guten gegenüberstellt. Wenn man seine Arbeiten heute liest, findet man nahezu alle Topoi der Medien-, Kultur-, und Gesellschaftskritik wieder, die sich ins Bewusstsein der Bundesrepublik eingebrannt haben: eine scheinbar nicht enden wollende Klage über Kommerz und Konsum, Manipulation und Überwachung, Entwürdigung und Entmündigung. Diese kritische Revue aber ist bei Adorno stets mit einem detektivischen Sinn für die subversiven, aberwitzigen und anarchischen Momente des Gesellschaftszusammenhangs verwoben. Sie führt die versteinerten Lebensverhältnisse der Gegenwart vor Augen und bringt sie mit begrifflichen Mitteln zum Tanzen, um an ihnen das Potenzial eines nichtentfremdeten Daseins hervorleuchten zu lassen. Immer geht es ihm darum, befreiende Energien innerhalb der „verwalteten Welt“ auszumachen, ohne ihr von außen ein abstraktes Ideal oder utopisches Gegenbild entgegenzuhalten. Man muss daher zwischen Adornos meist finsteren Diagnosen und ihrem normativen Impuls unterscheiden. Weitgehend negativ ist die Diagnose – ihr Verfahren hingegen ist es nicht. Denn es rechnet trotz allem mit der Widerstandsfähigkeit und damit dem Eigensinn von Subjekten, die sich gegen ihre vollständige Vereinnahmung in eine funktionalisierte Gesellschaft sträuben.

Der Ausgangspunkt von Adornos immanenter Kritik ist eine exzessive Phänomenologie des modernen Lebens. Von seiner Erfahrung ausgehend versucht er, nicht allein von seiner Erfahrung zu sprechen. Er erkundet Verständnisse und Verhältnisse, wie sie für viele oder alle prägend sein mögen. Die Stimme seiner Philosophie ist die Stimme eines Subjekts, das sich als eines unter anderen versteht und das deshalb in seiner Selbstverständigung nicht bei sich stehen bleiben darf.

Adornos Texte können als eine fortdauernde Erprobung dieser Haltung gelesen werden. Sie ist verbunden mit einer rabiaten Kritik des übertriebenen Aktivismus sowohl der kapitalistischen Lebensform als auch ihrer philosophischen Deutung. Verwirklichte Freiheit hat für Adorno mit einer ins Unermessliche gesteigerten Naturbeherrschung ebenso wenig zu tun wie mit individueller Selbstermächtigung. Zu ungezwungener Lebensführung wird fähig, wer im Verhältnis zu sich und der Welt Abstand vom Ziel der Verfügung findet – wer Zeit und Raum gewinnt für „den langen Blick der Kontemplation“. Die „Entfaltung“ von Menschen und Dingen, die hier möglich wird, entzieht sich den üblichen Klassifikationen. Sie ist gleichermaßen eine theoretische, ethische und ästhetische. In ihr wird eine Erkenntnis des Besonderen möglich, die zugleich eine Achtung vor ihm mit einschließt und es in seiner vollen Gegenwart zur Erscheinung kommen lässt. Das „Glück der Wahrheit“, von dem Adorno spricht, ist der Zustand eines Erkennens, das seine Objekte nicht mit Begriffen zudeckt, sondern sie so anspricht, dass sie in ihrer individuellen Verfassung aufgenommen werden können. Dieses Glück der Wahrheit ist aufs Engste damit verbunden, was Glück in Wahrheit ist: ein Verhalten zu einem Gegenüber, in dem beide Seiten sich frei zueinander verhalten können. In solchen zweckfreien Beziehungen sieht Adorno den widerständigen „Erfahrungskern“, der seine Kritik am Zustand moderner Gesellschaften motiviert und trägt.

Theodor W. Adorno schüttelt Max Horkheimer auf dem Max Weber-Soziologentag in Heidelberg die Hand.
Im Hintergrund fährt sich Jürgen Habermas durchs Haar.

Bild: © CC-by-SA 3.0 Jshapiro

 

Das Falsche am Richtigen

Darin zeigt sich, wie wenig das Klischee eines hemmungslosen Negativisten dem Denken dieses Autors gerecht wird. Wenn er am Ende des Aphorismus 18 der „Minima Moralia“ sagt, es gebe „kein richtiges Leben im falschen“, so setzt dies sowohl die Erfahrung als auch einen Begriff der Möglichkeit eines guten Lebens voraus. Andernfalls nämlich könnte niemand von der Falschheit des falschen Lebens wissen. Darum bildet das Tasten nach Bruchstücken des „Richtigen“ im „Falschen“ den entscheidenden Antrieb der Gesellschaftskritik Adornos.

Der berühmt-berüchtigte Satz über das falsche Leben aber enthält noch eine weitere Übertreibung, der seine Leser nicht auf den Leim gehen sollten. Die Idee eines richtigen Lebens nämlich ist ihrerseits irreführend, wenn nicht sogar falsch. Richtig und falsch können Urteile und Handlungen sein, Planungen und Strategien, Auskünfte und Anweisungen – nicht aber der Verlauf und Vollzug eines Lebens. Sobald hiervon die Rede ist, verwandeln sich richtig und falsch mitsamt ihren Verwandten in Komparative. Auch unter den günstigsten Umständen gelingt Personen im Prozess ihres Lebens nur weniger oder mehr – und dies nicht selten, ohne dass sie etwas oder allzu viel dafür könnten. Gelingen ist nun einmal nicht zu machen. Man muss nur einmal sehenden Auges zwischen zwei Geliebten, zwei Jobs, zwei Städten, zwei Freunden oder zwei Kindern gestanden haben, die gegensätzliche Erwartungen an einen richten oder unvereinbare Verheißungen für einen bereithalten. Selbst angesichts solcher überschaubaren Entscheidungssituationen zu glauben, man habe immer alles richtig gemacht – das Beste gewählt, nichts versäumt, keinen verletzt –, setzt gehörige Blindheit voraus. Zur Moral wie zum existenziellen Gelingen gehört Bedauern, ohne Bedauern darüber, dass es zu ihnen gehört.

Entsprechendes gilt für den Gedanken einer „richtigen und gerechten Wirklichkeit“. Auch er darf nicht monolithisch verstanden werden, so als wäre in einer „befreiten Gesellschaft“ alles im Reinen. Die Auseinandersetzung um Sinn und Reichweite, Praxis und Politik der Gerechtigkeit nämlich müsste gerade in ihr an der Tagesordnung sein. Die Gewissheit, unter historischen Bedingungen ein für alle Mal unter optimalen Verhältnissen zu leben, wäre nicht der Anfang, sondern das Ende einer gerechten sozialen Ordnung. Nicht allein Individuen, auch Gesellschaften müssen sich – ihre leitenden Normen, Verfahren und Institutionen – zur Disposition stellen können. Was jeweils richtig ist und ob es das Richtige – sei es in der individuellen Lebensführung, sei es in der gesellschaftlichen Organisation – überhaupt gibt: Das steht für eine wache politische Praxis immer wieder infrage. Nur was keiner endgültigen Bestimmung unterliegt, kann hier eine freisetzende Bestimmung finden. Mit Adornos Worten: „Erfüllte Leben geradewegs seine Bestimmung, so würde es sie verfehlen.“ •

Dieser Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 6 / 14